Zusammenfassend hat diese niedrige Platzierung mir nur Vorteile verschafft.
Wahrscheinlich gibt es auch Bücher, welche dieses Phänomen statistisch und faktisch bestätigen.
Der Vorteil besteht aber nur solange, wie man sich als “Untergebener” der anderen Mitarbeiter verkauft.
Das glaubte auch ein anderer Mitarbeiter. Er wagte die Frage, warum ich keinen Platz an der Spitze des Spinds aussuchte.
Meine Antwort löste in ihm eine solch starke Verwunderung aus, dass er meine Worte beinahe wörtlich wiederholte.
„Also hast du dir wirklich diesen Platz ausgesucht, weil es für dich schneller geht?“
Natürlich verschwieg ich ihm, dass ich durch diese Sicht die Möglichkeit hatte, die einzelnen Personen von unten zu beobachten. So wurde mir oft schneller klar, wie sie sich verhalten würden, wenn sie einen Untergebenen hätten.
Ich muss aber zugeben, dass ich das nicht nur aus Gewöhnung tat, wie es schon oben eventuell den Anschein erweckt hat.
Man kann sich viel im Leben zu Nutzen machen. Wenn ihr mal in Soziologiebüchern wühlen würdet, könntet ihr dieses Phänomen bestätigen.
Den Anschein zu machen, sich der Gruppe unterordnen zu wollen, birgt ein wahnsinniges Potential an Überwachung der Gesinnung eines Menschen.
Deshalb muss man natürlich schon bei der Auswahl des Spindes anfangen.
Ich biete euch hiermit an, es einmal selbst auszuprobieren. Was passiert wenn ihr plötzlich vor einem Menschen auf die Knie geht?
Bewertet mal selber wie sich eure Mitmenschen verhalten; ihr werdet in den meisten Fällen diese sonderbare Achtung der anderen als bestätigt erkennen.
Meine Platzierung war mir zudem oftmals dabei hilfreich, meine 35-minütige Pausen pünktlich zu beenden.
Als ich von meiner ersten Pause am ersten vollen Arbeitstag zum Treffpunkt zurückkam, konnte ich bei knapp der Hälfte aller auszubildenden „Picker“ eine deutliche Nervosität verspüren. Sie standen kurz davor, ihre „Pick-Prüfung“ abzulegen.
Für die Pick Mitarbeiter gilt natürlich, das Beste aus jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin herauszuholen und zu fördern.
Das Wissen über die tatsächliche Wirksamkeit eines schlichten Arbeiters, entfernte sich in dieser Zeit noch nicht von den Vorstellungen der Manager.
Ich hatte zwar noch nie in einer auf Amerikanischen Grundprinzipien bestehenden Firma gearbeitet, jedoch unterscheiden sich die Anforderungen der logistisch ausgebildeten „Leads“ und von den promovierten „Manager“ nur kaum.
Man kann man sich ein erhöhtes Gehör verschaffen, wenn man sich die Grundprinzipien der Firma zum Vorteil macht. Ein gleich bleibendes Bild von Qualität und Leistung ist schwer möglich, wenn nur die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, einen Vollzeitvertrag zu bekommen, welche die betriebsinternen Statistiken erfüllen.
In dem Betrieb wurde über alle Arbeitsaktivitäten eine Statistik geführt. War man nicht gut genug, wurde man einfach aussortiert.
Das einzige, das nicht übertroffen werden durfte, war die Krankheitsrate. Natürlich ist - wie in jedem Betrieb - die eigene Leistung wichtig. Man durfte gern ein wenig mehr leisten als notwendig, aber sicher nicht weniger. Prompt muss man erklären, warum das der Fall ist und kann auf qualitative Missstände hinweisen.
Es ist schier unmöglich, dass in einem Betrieb dieser Größenordnung alles so sauber und klar zu erkennen ist, wie man es zum Beispiel in der Natur erkennen kann.
Wir wurden wieder in Gruppen eingeteilt und durch die Hallen des FC (Fulfillment-Centers) geleitet.
Die Waren lagen verteilt in den sogenannten Bins (Fächer) auf einer Fläche von ca. sieben Fußballfeldern.
Die Größe der Bins war von Halle zu Halle unterschiedlich.
Immer wieder hörte die Gruppe ein „Darf ich mal eben vorbei?” von einem Picker, die Waren aus den Fächern nimmt und packt sie in das Tote packt, die dann auf das Förderband gelegt werden.
P1-4 war der sogenannte Picktower. Jede der vier Ebenen kam einem so groß vor wie ein Fußballfeld und überall lagerten in den Bins die verschiedensten Waren.
Diese chaotische Lagerhaltung war nicht nur platzsparend, sondern sollte eine möglichst kurze Laufweite der Picker ermöglichen, versicherte mir die Co Workerin.
Wir kamen zu den Packstationen. Dort erklärte sie uns, woher die Multibestellungen und Singlebestellungen kamen. Die Mitarbeiterin zeigte uns im Anschluss die Ebene wo die Waren verpackt wurden.
Sie machte uns auch darauf aufmerksam, dass jeder Gegenstand, der zum Arbeiten verwendet wird, seinen eigenen Platz habe. Diese Ordnung macht es für die Mitarbeiter einfacher, sich an ihrem Arbeitsplatz zurechtzufinden.
Insgesamt war es in der Halle sehr warm, aber die Mitarbeiterin machte uns glaubhaft, dass es bald eine neue Kühlung geben werde. Mir machte das nichts aus.
Nur die Trockenheit und das Nicht-vorhanden sein von Gerüchen in der Luft, wie sie im Freien zu erleben waren, war definitiv anders.
Es lag manchmal auch viel Staub in der Luft, sodass manche Arbeiter immer wieder Nasenbluten bekamen. Nachdem das Unternehmen endlich neue Filtereinlagen eingesetzt hatte, verstrichen diese Problematiken mit der Zeit.
Wir gingen weiter an einer Packmaschine vorbei und stiegen die Treppen zu der unteren Ebene hoch, wo sich auch das Dock für den Outbound befindet. Man zeigte uns wo die Ware ankam.
Dort herrschte, wie auch im restlichen FC eine großes Rumgewusel; mit dem unterschied, dass dort Lkws abgeladen und die Waren an bestimmte Stellen des sogenannten „Recives“ weitergegeben wurden.
Diesen bekamen wir als nächsten zu sehen. Im Recive werden die Waren ausgepackt und im Anschluss erfasst. Dabei werden alle Eigenschaften über das Produkt wie beispielsweise Anzahl, Größe, Gewicht, in einer Datei festgehalten. Im Anschluss daran wird dieser Artikel entweder in einer betriebsinternen Artikelnummer (ASIN) oder mit der tatsächlichen EAN hinterlegt.
Wenn der Arbeitsvorgang abgeschlossen ist, wird der Artikel in eine Transportkiste gebucht, noch bevor sie zum „Stowen“ (einlagern) freigegeben wird.
In der A-Halle werden außer der Ware, die Kartonagen, das Füllmaterial wie auch Ersatzteile für jeden Arbeitsbereich gelagert. In dieser Halle finden auch die Betriebsversammlungen der sogenannten „All-Hands“ statt.
Außer den schwarzen und gelben Totes wurde in der Halle B die „übergroße Ware“ gelagert. Diese übersteigt die Größe eines Tote und wird deswegen auch innerbetrieblich auch als “unsortable” benannt.
Danach liefen wir durch die Halle des „Outbound-Ships“.
Hier standen mehrere Rutschen, an dem Fuß die fertigen Pakete aussortiert und dem jeweiligen Versandgebiet zugeteilt werden.
Die Pakete wurden in die Lkws verladen.
Die Co-Workerin führte uns nun in die C- Halle wo sich ein Anblick des Grauens offenbarte.
Ich nannte die Halle liebevoll den Friedhof, weil dort sämtliche Problem-Totes einfach abgestellt wurden. In ihnen befanden sich die unterschiedlichsten Waren.
Ich dachte mir, dass dieser Ort der geeignete Arbeitsplatz für mich sein würde.
Wie ich das Problem löste, werde ich auf den nächsten Seiten berichten.
Endlich war Frühstückspause. Im allgemeinen Pausenraum gab es ein Cateringangebot woran sich die Mitarbeiter bedienen konnten. Dies war zunächst sehr minimalistisch, gerade einmal zwei Mahlzeiten konnte man sich noch zu dem Zeitpunkt käuflich erwerben. Außer den drei Kaffeeautomaten standen zwei Getränke und Pfandautomaten sowie jeweils ein Snackautomaten an zwei Wänden.
Im späteren Verlauf wurde die Kantine immer weiter ausgebaut.
Ich aß in der ersten Pause bei Amazon allein, um mir einen Eindruck und Überblick über die Leute zu machen. Mir war es auch wichtig im Kopf noch einmal die vielen verschiedenen Gebäude durchzugehen. Ich wollte mich schnell auskennen können, damit ich anderen den Weg sagen könnte, wenn sie einen Pick-Auftrag in einer für sie unbekannten Halle haben.
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