Um Ihnen den Realismus so nahe wie möglich zu bringen, werde ich die Erlebnisse in Form von Tagträumereien hier in diesem Buch festhalten. Für den einen oder anderen könnte das zu ausschweifend sein. Es ist jedoch wichtig dem Leser möglichst viele Facetten der verschiedenen Arbeitswelten entgegenzubringen.
Meine Erfahrungen in sämtlichen Arbeitsbereichen reichten von Anrufakquise bis hin zu Zeltaufbauten. Ich besuchte die zweijährige Berufsschule für Sozial- und Gesundheitswesen, entschied mich aber schließlich dazu, das Angebot einer Ausbildung zum Staudengärtner anzunehmen.
Ich wusste zwar, dass ich eine Gräserpollenallergie habe, aber ich fand keine andere berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeit. Eine abgeschlossene Berufsausbildung war meine einzige Hoffnung, um auf dem Arbeitsmarkt angesehen dazustehen.
Mir war es egal, ob ich lebe oder auf dem Feld sterbe. Ich hatte nichts zu verlieren. Ich schaffte die Ausbildung, mein Herz war bedingt durch die Allergie entzündet und ich musste meine Aufgaben einem anderen Gärtner überlassen. Ich schaffte es noch, ihn ein dreiviertel Jahr einzuarbeiten, bevor ich aufhören musste. Kurz darauf verließ ich die Gärtnerei. Ich nutzte die Arbeitslosigkeit, um meine Erkrankung ausheilen zu lassen. Meine Freundin verließ mich zeitgleich mit meinem neuen Job bei Amazon.
Um die Zeit bei Amazon bestmöglich festhalten zu können, setzte ich mich in regelmäßigen Intervallen an diesen Bericht. Sei es auch nur dafür, dass die Medien über die Arbeitssituation bei Amazon diskutieren. Natürlich scherte ich diesen Grund über den gleichen Kamm wie meine finanzielle Notlage.
Alle genannten Namen der Mitarbeiter wurden aus Gründen der Anonymität verfremdet.
Nun wünsche ich allen viel Spaß beim Lesen.
Ich erfuhr während der Zeit, als ich arbeitslos war, dass die Amazon-Filiale in Rheinberg freie Stellen zur Verfügung hatte. Im Arbeitsamt lagen überall Flyer aus, von denen ich einen mit nach Hause nahm.
Interessant war, dass das Arbeitsamt den Weg zur Arbeit nicht unterstützte. Weder finanziell noch war eine Wegbeschreibung vom Bahnhof aus vorhanden.
Ich fuhr also ab Kleve mit dem Zug über Krefeld und Rheinhausen, bis ich schließlich, nach zweieinhalb Stunden in Rheinberg ankam. Die selbe Tour, die ich im späteren Verlauf auch in der monatlichen Spätschicht auf mich nahm. Es war sehr früh im November und auch sehr dunkel, als ich aus dem Zug ausgestiegen bin.
Vom Bahnhof konnte man Amazon nicht sehen. Es war zudem auch keine Ausschilderung vorhanden, weswegen ich es fertig brachte mich so sehr in Rheinberg zu verlaufen, dass ich mich nach vier Stunden an der freiwilligen Feuerwehrstelle in Rheinberg wiederfand.
Dort konnte ich jemanden überreden, mich bis nach Amazon zu fahren. Es war für mich unverständlich, wo ich langgelaufen war.
Wir haben mit dem Auto nämlich nur nur zehn Minuten gebraucht.
Mittlerweile haben sich die Verkehrsverbindungen gebessert. Es ist sehr viel einfacher bis zum Amazon-Standort zu kommen.
Das Fulfillment-Center (FC) liegt im Scheitelpunkt nur drei Minuten mit dem Pkw zwischen der A57 und der B57. Wobei bei dem hohen Verkehrsaufkommen egal ist, von welcher Seite man mit dem Auto auf den Parkplatz fährt. Rheinberg ist eine Kleinstadt mit ca. 32.000 Einwohnern, die sehr bemüht ist, für dem Bürger etwas zu bieten. Die Wohnungen am Bahnhof sehen von außen sehr heruntergekommen aus. Schnell wird aber klar, dass die Stadt in einem großen Wandel ist. Dies zeigen auch die Gebäude, die stadteinwärts der Schiene stehen.
Für Wanderfreunde gibt es außerhalb der Stadt einige ruhige und schöne Wege.
Seien Sie sich aber bewusst, das dafür viel Zeit in Kauf gemommen werden muss. Das Stadtleben erweist sich auch als Ruhig. Die Geschäfte unterliegen - abgesehen den großen Nahrungsmittelläden - den normalen Geschäftszeiten bis 18 Uhr.
Um ins Kino zu wollen, ist schon ein fahrbarer Untersatz von Vorteil. Natürlich kann man sich auch den entsprechenden Veranstaltungen in der Rheinberger Stadthalle hingeben. Statistisch gesehen finden in Rheinberg rund zehn Veranstaltungen pro Monat statt. Dies ist aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Rheinberg auch ersichtlich.
Das Amazon-Unternehmen in Rheinberg hat eine Größe von 17 Fußballfeldern und ist dank der 110.000 m² das größte FC in ganz Europa (Stand März 2014).
Direkt daran angesiedelt ist ein DHL-Logistikzentrum, damit die Ware schnellstmöglich zum Kunden gelangen kann.
An zwei Tagen die Woche finden die sogenannten “Newhire-Tage“ statt. So befand auch ich mich im November 2012 auf dem Weg durch die Sicherheitskontrollen.
Beim Läuten der Schelle zur Identitätskontrolle erklang eine helle Stimme, welche mir im Anschluss an folgendes Gespräch nach dem Klingelsignal Einlass gewährte.
Die Security: „Wie kann ich Ihnen helfen?“
“Ich habe heute einen Gesprächstermin bei Ihnen.”
"Dann melden Sie sich gleich oben am Empfang bei der Security.“
Die Türe öffnete sich, begleitet von einem trötendem Signal. Mir war noch nicht bewusst, dass es von allen weiteren Geräuschen im Hause Amazon das tiefste Geräusch sein würde.
Sämtliche Beschilderungen, wie zum Beispiel “Handlauf nutzen” oder “Work Hard, Have Fun, Make History!” stachen direkt nach dem ersten Stufenabsatz in die Augen.
Es wurde schnell klar, dass sich Amazon zum Ziel gesetzt hat, die Verbindung von Arbeitssicherheit, Qualität und Ökonometrie an den Arbeiter zu vermitteln.
Nachdem ich auch den zweiten Absatz im sogenannten Bananen Tower erklungen hatte, befand ich mich auf einer Brücke, die über die Warenan und -ablieferungstore verlief. Diese Tore waren für Hermes, UPS und andere Paketdienstleister vorgesehen.
Die Metallgitter, mit denen der Boden der Brücke ausgelegt ist, klangen mit jedem Auftreten dumpf, Angst einflößend oder repräsentierend. Diese Gefühle sind je nach Stimmung verschieden. Mit jedem meiner 58 Schritte sah ich mir das Gebäude und die Wolken an.
Mich beschlich die Befürchtung, dass mir das Arbeiten unter freiem Himmel aufgrund meiner früheren Arbeitsumgebung fehlen würde.
Aber für meine Träumereien blieb hier keine Zeit mehr. Schon von Weitem erkannte ich durch die gläserne Eingangstüre eine stehende Schar von stehenden und zugleich wartenden Menschen. Die Türe wurde von einem entgegenkommenden Mitarbeiter geöffnet.
Mit einem „Danke“ nahm meine Hand die Klinke entgegen.
Mit einem Mal erschlug mich das hohe Geräuschaufkommen der anwesenden Personen. Obwohl es kein Radio war, welches immer mindestens zwei Sender gleichzeitig empfing, konnten die Unterhaltungen wenigstens noch durch die eigene Beobachtung zugeordnet werden.
Meine Augen durchkämmten also mit voller Konzentration den Empfangsraum.
Doch bevor ich die vielseitigen Eindrücke ganzheitlich aufsaugen konnte, leitete mich die Security direkt zu dem sogenannten “Training Team”.
Ein junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren begrüßte mich und nahm meine Personalien, Steuernummer und Bankadresse auf. Ich fühlte mich ein wenig wie bei einem ersten Date. Wobei die Damen immer noch unbedingt wissen wollten, wie viel ich verdiene und welche Sicherheiten bei mir vorliegen. Ich hatte nicht einmal einen Autoführerschein.
Nachdem das erledigt war, erhielt ich eine Karte mit einer Nummer.
Mit bestimmter Freundlichkeit wies mich der Orientierungsassistent freundlich aber bestimmend an, auf den Platz im Flurraum zu warten.
Ich saß nun mit ca. 50 Personen verschiedenster Nationalitäten in einem Raum. Die allgemeine Aufregung verwandelte sich nach und nach in Entschlossenheit.
Derweil wartete ich darauf in einer 10-er Gruppe in einem anderen Raum geführt zu werden, sobald meine Nummer aufgerufen wurde.
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