Unser Spaziergang endet am U-Bahnhof Rathaus Neukölln G. Wer aber noch einen Einkaufsbummel machen will, hat die Gelegenheit, die Karl-Marx-Straße herauf- und herunterzubummeln. Hier gibt es eigentlich alles, besonders viel Schuh- und Modegeschäfte, auch der exotischeren Art: egal, ob indische Hochzeitssaris, afrikanische Batikhemden oder türkische Ballkleider, in denen die Trägerin in einem Meer aus bonbonfarbenem Tüll und Pailletten versinkt und die jede Barbiepuppe vor Neid erblassen lassen. Die türkischen Modegeschäfte bieten eine große Auswahl an schönen Seidencarrés an, die man auch als Nicht-Muslima als Halstuch tragen oder als Mitbringsel aus Neukölln verschenken kann.
Wer noch mehr von Neukölln sehen will, kann weitermachen mit dem Spaziergang „Bummel im Herzen von Neukölln - das einzige böhmische Dorf mit U-Bahnanschluss“. Für die Nachtschwärmer gibt es noch das Extra „Kreuzkölln bei Nacht“.
Ob kleiner Abendspaziergang, Nachtwanderung oder ausgedehnte Sause, als Rückgrat der Erlebnisachse, die sich durch den Norden Neuköllns zieht, kann man am besten die Weserstraße vom Kottbusser Damm bis zur Wildenbruchstraße empfehlen. Es wäre müßig, an dieser Stelle namentlich all die vielen kleinen Bars, Clubs, Läden, Cafés, Galerien und anderen mitunter sehr exzentrischen Veranstaltungsorte aufzuführen, denn momentan ist hier alles in ständigem Fluss und man erlebt schon nach kurzer Abwesenheit so manche Überraschung. Auch Bürkner-, Sander-, Lenau- Hobrecht-, Friedel-, Reuter- und Pannierstraße sind ein guter Tipp und die Szene verlagert sich gerade auch nach Süden, Richtung Fulda-, Weichsel- und Ossastraße. Wer es entspannter mag, bummelt an einem lauen Sommerabend den Landwehrkanal entlang, am Maybach- oder Paul-Lincke-Ufer (letzteres ist aber schon in Kreuzberg) und weiter Richtung Weichselplatz und Kiehl- und Weigandufer.
In den lokalen Zeitungen findet man oft etwas übertriebene Beschreibungen des Kreuzköllner Nachtlebens. Das hört sich dann ungefähr so an: zwei Mädchen im Rotkäppchenkostüm stehen auf der Bühne und zeigen, was sie im Strip- und Pole-Dance-Workshop gelernt haben, gleichzeitig rasiert ein durchgeknallter Frisör einem Gast den Hinterkopf im Leopardenmuster, während eine schwedische Techno-Band im Basement probt und ein DJ aus Texas Punkplatten auflegt. Die Verfasserin, selber gerne abends in ihrem Quartier unterwegs, hat so eine Ballung von Aktivitäten noch nicht erlebt, aber es ist unbestritten, dass der Reuterkiez seit einiger Zeit auch exzentrischere Bewohner anzieht.
Am besten, man lässt sich einfach treiben, freut sich auf einen entspannten Abend, erwartet nichts und ist gleichzeitig auf alles gefasst.
Zur Institution der „Spätis“
Im Ruhrgebiet und im Rheinland gab es ihn schon immer, den Kiosk oder das „Büdchen“, wo es auch nach Ladenschluss alles gibt, was man so braucht. In Berlin ist dieselbe Institution unter dem Namen „Späti“, kurz für „Spätverkaufsstelle“, seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Lag der Schwerpunkt dieser Läden früher auf Zeitungen und Tabakwaren, haben sie sich inzwischen mehr zu Mini-Supermärkten mit großer Spirituosenauswahl entwickelt, mit dem Schwerpunkt auf preiswertem Bier. Oft gibt es ein paar einfache Sitzgelegenheiten vor der Tür und man sieht jeden Abend sehr viele zufriedene junge Leute mit einer Flasche „Sterni“ für 50 Cent in der Hand dort sitzen oder durchs Quartier streifen. Man trifft sich auch gern auf einer der zahlreichen Brücken (Admiralbrücke, Hobrechtbrücke, Thielenbrücke) zum preiswerten Sonnenuntergangstrunk bei romantischem Blick über den Kanal. Für die Gastronomie eine kleine Katastrophe, weil die Gewerbemietpreise im Trendbezirk Kreuzkölln inzwischen sehr hoch sind!
Lieblings-Späti auf unserer Kreuzköllntour: Bürkner-/Ecke Hobrechtstr.
Inzwischen ist die Bierflasche in der Hand in bestimmten Bezirken so etwas wie das Trend-Accessoire von Berlin geworden, so wie die Chanel-Handtasche für Paris oder Gucci-Zubehör für Mailand, etc. Hier geht es nur demokratischer zu, es können alle mithalten.
Aber so mancher Berlin-Besucher sieht das Mit-der-Bierflasche-in-der-Hand-Spazierengehen auch kritisch.
Rose, Gaststudentin der Stanford-Uni in Kalifornien: „This is so unclassy!“
Bettina, Lehrerin aus Westfalen, mit ihrer 15-jährigen Tochter Julia zu Besuch in Berlin: „Schlimm, hier laufen die Jugendlichen schon morgens früh mit einer Bierflasche in der Hand herum!“ Dazu eine Neuköllnerin: „Aber abends erst! Da musste erst mal sehen, was hier abends los ist!“
Für alle Verzweifelten, die die regulären Ladenöffnungszeiten verpennt haben: www.spaetifinder.de. Einer der stadtweit rund 1000 Spätis ist bestimmt auch in deiner Nähe!
Stadtentwicklung und Quartiersmanagement
Nach der Wende 1989 setzte eine rasante soziale und demographische Veränderung in vielen Stadtteilen, u.a. auch im Reuterkiez, ein. Besser Verdienende zogen weg, Migranten und sozial Schwache blieben. Der Alltag der Bewohner wurde durch soziale Probleme, Leerstand, Verwahrlosung und einen Anstieg der Kriminalitätsrate erschwert.
Um derartigen Entwicklungen entgegenzuwirken, reagiert der Berliner Senat seit 1995 mit Quartiersmanagement („QM“ von frz. quartier = Stadtviertel). Die Programme des QM werden von Stadtsoziologen auf den Weg gebracht und dienen dem Aufbau und der Stabilisierung von Nachbarschaften, baulicher Weiterentwicklung und Verbesserung von Bildungseinrichtungen. In Berlin gibt es insgesamt 34 Gebiete, die durch QM gefördert werden, allein 11 davon sind in Neukölln.
Seit 2003 wird auch der Reuterkiez durch das QM gefördert. Die finanzielle Förderung kommt aus Quellen der EU, der Bundesregierung und des Landes Berlin. Architekten, Wirtschaftsingenieure und Stadtplaner arbeiten zusammen mit Quartiersräten, denen Bewohner des Viertels, Hausbesitzer, Handel- und Gewerbetreibende und Mitglieder der lokalen Verwaltung angehören, an der Aufwertung ihres Kiezes. Sie entscheiden auch gemeinsam, wie die finanziellen Mittel eingesetzt werden. Die Hauptziele sind die Verbesserung der Bildungschancen der Bewohner und verstärkte soziale und ethnische Integration. Die Bilanz ist, vor allem was die Stärkung des sozialen Zusammenhaltes betrifft, sehr positiv. Jeder, der hier im Kiez lebt, kann als „lokaler Akteur“ beim Quartiersmanagement mitmachen, je nach Zeit und Interesse.
Es gibt allerdings auch kritische Stimmen zur Entwicklung des Reuterkiezes, vor allem, was die allerjüngsten Entwicklungen betrifft. Es sei zu viel Imagepflege betrieben worden, heißt es da. Durch die gezielte Vermietung von Leerstand an Kreative, Designer, Künstler etc. sei das Quartier zum Hipsterbezirk geworden und habe einen Gentrifizierungsprozess eingeleitet (60% Mietsteigerung in 5 Jahren!), der dazu führt, dass einige der Szenepioniere, die dazu beigetragen haben, das Leben hier bunter und vielfältiger zu machen, schon wieder weg sind, weil sie sich eine Existenz im aufgewerteten Bezirk nun nicht mehr leisten können! Ganz zu schweigen von Rentnern, Studenten, Arbeitslosen, jungen Familien und Geringverdienern, denen oft nur die Wahl bleibt, auf engem Raum zusammenzurücken oder woanders hinzuziehen.
Der Reuterkiez wird nicht mehr lange durchs Quartiersmanagement gefördert, danach setzt man auf „Verstetigung“. Das heißt im Klartext, dass es kein Fördergeld mehr gibt und dass sich die während der Förderungszeit etablierten Netzwerke und Strukturen von nun an selber tragen müssen. Mal sehen, wie sich der Reuterkiez entwickelt!
Am Landwehrkanal
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