Indem er Dich zu seinem Schergen wählt,
Und das zu tun, was je sein Zorn befiehlt,
Den er Gerechtigkeit benennt, sein Zorn,
Der einst Euch Beide noch vertilgen wird!«
So sprach sie, und es wich die Höllenpest
Bei ihren Worten; Satan aber sagte:
»Dein seltsam Schrei'n, Dein sonderbares Wort
Tritt zwischen uns, daß meine schnelle Hand
Noch zögerte Dir durch die Tat zu sagen,
Was sie beginnt; bis Du mir erst gekündet,
Was für ein Wesen Deine Doppelform,
Warum Du mir den Namen Vater gibst,
Die wir uns doch zum ersten Mal begegnen,
Und diesem Schemen hier den Namen Sohn?
Dich kenn' ich nicht, und sah auch nie bisher
Verflucht're Wesen wohl als ihn und Dich.«
Die Pförtnerin der Hölle sprach darauf:
»Vergaßest Du mich denn, und schein' ich jetzt
So häßlich Deinen Augen? die ich doch
Im Himmel einst so hold erschien, als Dich
Im Rat der Seraphim, die sich mit Dir
Kühn gegen Gottes Macht verschworen hatten,
Ein wilder Schmerz so plötzlich überkam,
Dein Auge dunkel nur in Nächten schwamm,
Indes Dein Haupt die dicksten Flammen schoß,
Bis ich die linke Seit' eröffnete
Und ich, ganz gleich Dir an Gestalt und Mienen
An Glanze himmlisch schön, aus Deinem Haupt
An's Licht hervorsprang, daß die ganze Schar
Des Himmels sich entsetzte, schreckensvoll
Damals den Namen mir der Sünde gab,
Mich für ein unheilvolles Zeichen haltend.
Doch später mehr vertraut, gefiel ich ihnen,
Gewann durch Reiz die ärgsten Feinde selbst,
Vor Allen Dich, Du sahst Dich – ganz in mir,
Und triebst mit mir geheime Liebeslust,
Daß eine Bürde bald mein Leib empfing.
Indes ward Krieg im Himmel, und die Schlacht
Worin (wie konnt es anders sein?) der Sieg
Dem Allgewalt'gen wurde, trug Verlust
Und Flucht uns ein im weiten Himmelsraum.
Häuptlings hinunter stürzten sie vom Himmel
In diesen tiefen Schlund, und ich zugleich.
Damals kam dieser mächt'ge Schlüssel hier
In meine Hand mit dem Befehl, die Tore
Verschlossen stets zu halten. Niemand kann
Eingeh'n, wenn ich nicht öffne. Brütend saß
Ich hier allein; doch lange saß ich nicht
Als sich mein Leib von Dir befruchtet trug,
Bewegung fühlte, so wie grause Wehen.
Zuletzt brach dies verhasste Wesen sich,
Du siehst Dein eigen Kind, gewaltsam Bahn,
Daß ich durch Angst und Schmerz zerrissen
Verwandelt ward an meinen untern Gliedern.
Der Feind, den ich geboren, sprang heraus
Und schwang den Pfeil unseliger Zerstörung!
Tod! rief ich aus, und floh – es zitterte
Die Hölle bei dem schaudervollen Namen
Und seufzt aus allen ihren Höhlen, laut
Den Namen Tod im Echo widerhallend.
Ich floh, doch er verfolgt mich, (wie es schien
Von Wollust mehr, als wie von Wut entzündet)
Schnellfüßig überholt er seine Mutter
Und in erzwungner gräßlicher Umarmung
Erzeugt er diesen ungeheuren Schwarm,
Die unaufhörlich heulend mich umringen,
Wie Du gesehn, die stündlich stets empfangen
Und stündlich auch gebären, unaufhörlich
Mir Schmerz bereiten, denn wenn sie's gelüstet,
Kehrt diese Brut in meinen Leib zurück
Und nagt an meinem Eingeweid' als Speise;
Dann brechen sie von Neuem wieder vor,
Umstürmen mich mit innerlichen Schrecken,
So daß mir weder Rast noch Ruhe bleibt.
Mir gegenüber sitzt der grasse Tod,
Mein Sohn und Feind, der jene hetzt, und mich,
Die eigne Mutter längst verschlungen hätte,
Aus Mangel andrer Beute, wüsst' er nicht,
Daß er mit meinem Ende seines findet.
Er weiß, daß ich für ihn ein bittrer Bissen
Und Gift ihm werde, sei es wann es will,
Denn so sprach das Verhängnis über uns. Darum
Warn' ich o Vater Dich vor seinem Pfeil,
Und hoffe nicht, daß Du in diesen Waffen,
Wie wohl sie himmlisch, unverwundbar sei'st,
Denn Niemand widersteht der Todesspitze –
Als der allein, der rings das All beherrscht.«
Sie endet, und der schlaue Feind, belehrt,
Ward milder nun und sprach mit glattem Wort:
»O Tochter, Deinen Vater nennst Du mich
Und zeigst mir meinen Sohn, das teure Pfand
Des trauten Umgangs, den mit Dir ich pflog,
Der süßen Wonne, jetzo grausen Wechsels,
Der ungeahnt und unversehns uns traf,
So wisse, daß ich nicht als Feind gekommen,
Nein, nur um ihn und Dich, samt jenem Heer
Der Himmelsgeister aus dem finstern Haus
Der Qualen und der Schmerzen zu befrei'n,
Denn all' die Geister griffen zur Verfechtung
Des Rechtes zu den Waffen, da sie fielen.
Für sie betrat ich diesen rauen Grund,
Und für sie Alle duld' ich die Gefahr,
Und wag' allein die bodenlose Tiefe,
Das ungemessne Leere zu beschreiten
Und suche den vorhergesagten Ort,
Der uns durch manche Zeichen als erschaffen
Dort schon verkündet ward, ein Platz der Wonne
In dem Bezirk des Himmels, einem neuen
Geschlecht von Wesen eingeräumt, die uns
Vielleicht ersetzen, wenn auch jene weiter
Vom Himmel fern, damit sich übervölkert
Dereinst kein neuer Aufruhr bilden möge.
Ob dies der Zweck, ob ein geheim'rer sei,
Erforsch' ich jetzt, und wenn ich es erspäht,
Kehr' ich zurück und bring' Euch an den Ort,
Wo Du so wie der Tod gemächlich wohnst
Und in der weichen, balsamreichen Luft
Still, ungesehen auf und nieder fliegst.
Dort werdet unermeßlich ihr gesättigt,
Und alle Dinge werden Euer Raub.«
Er schwieg, und Beide schienen hoch entzückt;
Der Tod auch grinste furchtbar schauerlich,
Daß er den Hunger einmal stillen würde,
Er pries den Schlund, dem diese gute Stunde
Beschieden sei, nicht minder freute sich
Boshaft die Mutter, die zum Vater sprach:
»Den Schlüssel trag' ich zu dem Höllengrund
Aus Pflicht und auf Befehl des Himmelsfürsten,
Der mir verbot, die diamantnen Tore
Je zu eröffnen, gegen die Gewalt
Steht rüstig mit dem Pfeile schon der Tod
Furchtlos vor jeder Macht der Lebenden,
Doch brauch' ich ihm gehorsam wohl zu sein,
Der mich voll Hass in diesen Tartarus
Herunter stieß, verhassten Dienst zu tun,
Die ich vom Himmel stamme, dorten wohnte,
Und hier in ew'ger Qual und Angst verweile
Vom Grausen meiner eignen Brut umringt,
Die heulend mir am Eingeweide nagt?
Du bist mein Vater, gabst mir ja das Sein,
Wem soll ich sonst gehorchen, wenn nicht Dir?
Wem folgen? Du wirst in die neue Welt
Des Heiles und des Lichtes bald mich führen,
Zu Göttern, die nach Wunsch in Freuden leben,
Wo ich zu Deiner Rechten üppig herrsche,
Endlos, wie Deiner Tochter es geziemt.«
Drauf nahm sie den verhängnisvollen Schlüssel,
Das Werkzeug unsers Jammers, von der Seite,
Und ihren Schweif bis zu der Pforte rollend
Zog sie das ungeheure Gatter auf,
Das außer ihr die ganze Macht des Styx
Nicht heben konnte. Darauf drehte sie
Den Schlüssel in dem innern Schloss herum
Und schob die Riegel von massivem Eisen
Und festen Felsen ohne Mühe weg.
Die Höllentore flogen plötzlich auf
Mit ungestümem Prallen und Geräusch;
In ihren Angeln kracht ein dumpfer Donner,
Daß tief der Hölle Grund erzitterte,
Sie öffnet, doch vermag sie nicht zu schließen.
Weit offen stand das Tor, daß mit den Bannern
Mit ausgedehnten Flügeln wohl ein Heer
Durchziehen konnte, samt den Pferd' und Wagen:
So weit geöffnet waren sie und spieen
Gleich einem Ofen Rauch und Flammenglut.
Vor ihre Augen traten nun der Tiefe
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