Von diesen ferne rollt ein stiller Strom,
Lethe die Quelle der Vergessenheit,
Sein Wasserlabyrinth. Wer daraus trinkt,
Vergißt im Nu sein Wesen, seinen Stand
Und Lust und Leid, Vergnügen so wie Qual.
Jenseits des Stromes liegt ein eisig Land,
Wild, dunkel und von ew'gem Sturm gepeitscht,
Mit Wirbelwind und grauser Hagelflut,
Die auf dem festen Lande nimmer schmilzt,
Nein, sich zu Bergen häuft, und nur wie Trümmer
Uralter Säulen scheint. Rings tiefer Schnee
Und Eis, ein Schlund so wie Serbona's Sumpf,
Der zwischen Damiat und Casius lag,
Wo ganze Heere drin versunken sind.
Die Luft brennt eisig dort, und arge Kälte
Bewirkt, was sonst nur Feuerglut vermag.
Dahin von Furien mit Harpyenfüßen
Geschleppt, gelangen die Verdammten all',
Und fühlen wechselweis den bittern Tausch
Der ärgsten Grade, durch den Wechsel nur
Fühlbarer noch; – von Flammenbetten stürzen
In's Eis sie nieder, daß die Ätherwärme
Erstirbt in ihnen; regungslos zu schmachten,
Und festgebannt und ringsum eingefroren,
Bis man zurück sie in die Flammen stürzt.
Sie schreiten über diesen Lethesund,
Nur ihre Qual vermehrend, hin und wider,
Bestreben sich im Fluge nach den Strom,
Um mit dem kleinsten Tropfen im Moment
All ihre Pein und Schmerzen zu vergessen.
Doch ob sie nah auch dem Gestade, streitet
Das Schicksal wider sie; Medusa wacht
Mit dem Gorgonenhaupte bei der Flut:
Das Wasser flieht von selbst vor jeglichem
Lebendigen Wesen, wie dereinst es floh
Den Mund des Tantalus. Bei solchen Streifen
Im wirren Zug verloren, sahen jetzt
Bestürzten Blickes die verwegnen Banden,
Von Schreck und Schauer bleich, ihr jammervolles
Geschick und fanden nirgends eine Rast,
Sie zogen durch manch dunkles, ödes Tal,
Durch manche Jammergegend, über viele
Eisalpen, Glutenfelsen, Klippen, Höhlen,
Moräste, Strudel, Grüfte, Todesschatten,
Des Todes Welt, die Gott im Fluch erschuf,
Die gut für Böses nur, wo Tod nur lebt
Und alles Leben stirbt, und die Natur
Verkehrtes nur erzeugt, bloß ungeheure,
Abscheuliche, ganz namenlose Dinge,
Wie niemals sie die Fabel wohl ersann,
Noch Furcht sie jemals dachte, nur Chimären,
Und scheußliche Gorgonen so wie Hydern.
Satan, der Gegner Gottes und der Menschen,
Erhebt indessen sich auf raschen Flügeln,
Entflammt von hochaufstrebenden Gedanken,
Und sucht einsamen Flugs der Hölle Pforte;
Bald kreuzt er nach der rechten Hand die Küste,
Bald nach der linken, jetzt mit flachen Schwingen
Die Tiefe streifend, schwingt er sich empor,
Hinauf zum hochgetürmten Flammenbogen,
Wie wenn zur See von ferne man entdeckt
Hoch an den Wolken hängend eine Flotte,
Die mit dem Wind der Nacht- und Tagesgleiche
Gesellig von Bengalen segelt, oder
Von Tidor und Ternate, von woher
Kaufleute teure Spezereien holen,
Durch Äthiopien zum Cape fahrend
Und nach dem Nordstern Nachts die Richtung lenkend:
Also erschien von fern des Satans Flug.
Endlich erblickt die Grenzen er der Hölle:
Hoch ragen bis an's fürchterliche Dach
Neunfache Pforten, deren drei von Erz,
Von Eisen drei, und drei von Demantfelsen.
Ein furchtbar Wesen saß auf jeder Seite
Der Pforten; eine schien ein reizend Weib
Bis an den Leib, doch endete sie häßlich
In vielen schuppgen weitgewundnen Ringen,
Als eine Schlange mit dem Todesstachel.
Rings um den Leib bellt' unaufhörlich laut
Ein Rudel Höllenhunde mit dem Rachen
Des Cerberus und machte wilden Lärm;
Willkürlich konnten sie bei jeder Störung
Sich in den Bauch verbergen, wo sie immer
Fortheulend, wenn auch ungesehen, bellten.
Weit minder Scheußliche wie diese, plagten
Die Scilla, als im Meer sie badete, das von
Trinacriens Gestad Calabrien scheidet;
Nicht Ärgre folgen Nachts der Zauberin,
Wenn auf geheimen Ruf sie durch die Luft
Im Ritte fliegt, gelockt durch Kinderblut
In Lappland mit der Hexen Schar zu tanzen,
Indes der Mond vor ihren Sprüchen dunkelt.
Die andre Nachtgestalt, wenn man so nennt,
Was ohne Glieder und Gestalt sich zeigt,
Und wenn man Wesen nennt, was Schatten schien,
Ja oder Beides ganz vereint, erhob
Schwarz wie die Nacht sich, wie zehn Furien grimmig,
Und wie die Hölle furchtbar; in der Hand
Schwang sie das fürchterlichste Wurfgeschoß;
Was etwa einem Haupte gleichen konnte:
Trug etwas einer Königskrone gleich.
Jetzt nahte Satan, und von seinem Sitz
Schritt ihm das Ungeheuer schnell entgegen,
Mit grassem Schritt, von dem die Hölle bebte.
Der unverzagte Feind erstaunte nur
Was dieses sei, doch ferne blieb ihm Furcht,
Nur Gott und dessen Sohn, sonst scheut er kein
Erschaffnes Wesen; und verächtlich sprach er:
»Was bist Du, und woher, verfluchtes Bild,
Daß Du Dich wider mich erhebst und mir,
Wenn grimmig auch und gräulich, Deine Stirn,
Die missgeschaffne, vor den Weg der Pforte
Zu stellen wagst? Ich gehe doch hindurch,
Und ohne Dich zu bitten um Erlaubnis.
Zurück! Sonst magst Du Deine Tollheit fühlen,
Und aus Erfahrung lernen, Höllenbild,
Daß schlechtes Kämpfen ist mit Himmelsgeistern.«
Mit voller Wut erwidert das Gespenst:
»Bist Du nicht der Verräter jener Engel,
Der jüngst zuerst den Himmelsfrieden brach
Und Treue, welche nie zuvor gebrochen,
Und der mit stolzen Waffen sich empörend
Der Himmelssöhne dritten Teil bewog
Sich wider den Allmächt'gen zu verschwören,
Für welchen Frevel Du sowohl, wie sie,
Von Gott verstoßen wurden und verdammt,
Die Ewigkeit in Qual und Pein zu leben?
Und Du zählst selbst Dich zu den Himmelsgeistern,
Verdammter Du der Hölle, bietest Trotz,
Hier wo ich König bin, und Dir zum Ärger
Dein Herr und König! Falscher Flüchtling Du,
Zurück zur Qual und eile schnell beflügelt,
Damit ich nicht mit Geißeln von Skorpionen
Dich Zaudernden verfolgen muß, und wenn
Dich dieser Speer berührt, ergreift Dich Angst
Und ungewohntes Weh, wie nie Du fühltest.«
So sprach das Schreckensbild und ward dabei,
So sprechend und so drohend, an Gestalt
Noch zehn Mal gräulicher und häßlicher.
Von Zorn entflammt, stand Satan andrerseits,
Doch unerschrocken, wie ein Glutkomet,
Der längs dem ungeheuren Ophiuchus
Am Himmel flammt; und aus den grassen Haaren
Pest schüttelt so wie Krieg. Ein Jeder zielt
Mit Todesstreichen nach des Andern Haupt.
Sie sinnen nicht auf einen zweiten Schlag,
Verächtlich blicken sie einander an.
Wie wenn zwei schwarze Wolken mit des Himmels
Geschütz beladen, rasselnd rücken über
Das Kaspische Meer und Stirn an Stirn gekehrt,
Ein Weilchen schweben, bis die Winde blasen,
Worauf in mittler Luft die Schlacht beginnt:
So finster blickten sich die Streiter an,
Daß von dem Groll die Hölle dunkelte.
Gleichartig waren sie, denn Keinem sollte
Ein solcher Feind wohl jemals noch begegnen,
Gewalt'ge Taten wären jetzt gediehn,
Wovon die Höll' erklungen wäre, wenn
Die Schlangenzauberin an der Höllenpforte,
Die den verhängnisvollen Schlüssel trug,
Sich nicht erhoben hätte, mit gewalt'gem
Geschrei die beiden Drohenden zu trennen.
»O Vater!« schrie sie, »was beginnt Dein Arm
Jetzt gegen Deinen einz'gen Sohn? Und was
Heißt Dich o Sohn nach Deines Vaters Haupt
Den Pfeil des Todes richten? Weißt Du nicht
Für wen? Für ihn, der droben Deiner lacht,
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