Im Zeitalter der Medien wird das Verweilen bei Gedanken, die zu einem Ausflug einladen, als Zeitvergeudung angesehen. Das Erzählen von Geschichten bleibt den Kitas überlassen. Es wäre jedoch nicht verkehrt, wenn die vielen Leitartikler, Kommentatoren, Entertainer, Showmaster und Berichterstatter in die Schule orientalischer Märchenerzähler gingen, um zu lernen, wie man Spannung erzeugt und Aufmerksamkeit erregt.
Wer die Kunst des Erzählens beherrschen möchte, muss sich darauf verstehen, wie man streunende Gedanken einfängt, müde Gedanken munter macht und schlummernde Gedanken weckt. Er muss die Gedanken, Ängste oder Träume, die wir haben, formulieren können. Der Erzähler macht aus Worten Melodien und bringt Farbe in die Sprache. Das ist das Geheimnis, weshalb man ihm gerne zuhört und der Grund, weshalb er oft ein Aha-Erlebnis auslöst.
Während wir heute kurz und bündig sagen: es kommt nicht auf die Menge an, sondern auf den Wert, erzählt der Dichter Äsop eine Fabel: „Man machte der Löwin den Vorwurf, dass sie nur ein Junges zur Welt brächte. Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen.“ Darauf kommt es an, dass man nicht massenhaft Kretins hervorbringt. Und Lessing fabuliert, als habe er die Situation nach dem Zweiten Vaticanum vorausgesehen: „Eine alte Kirche welche den Sperlingen ungezählte Nester gab, ward ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanz da stand, kamen die Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden sie alle vermauert. Zu was, schrien sie, taugt denn nun das große Gebäude? Kommt, verlasst den unbrauchbaren Steinhaufen!“ Ja, mancher sucht nichts weiter in der Kirche, als eine Nische, in der er sein Nest bauen und sich darin verstecken kann.
Fabeln waren einmal eine beliebte literarische Gattung. Sie werden von der schnellen Information, der gerafften Wissensvermittlung oder der kurzen Nachricht verdrängt, denn geduldiges Hinhören wird heute weithin als Zeitverschwendung angesehen.
Fabeln sind eine unaufdringliche und elegante Form der Belehrung. Der Fabeldichter wählt einen Umweg, weil er weiß, dass Menschen eher zuhören, wenn sie den Eindruck haben, nicht sie, sondern andere wären gemeint. Er lässt sie mithören, wenn Tiere sich über Lebenserfahrung und Lebensweisheit belehren und hofft, dass er die Menschen dadurch nachdenklich, vielleicht sogar betroffen machen kann.
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