„Ich will nicht, dass Kevin so wird wie sein Bruder“, flüsterte Sophie.
Sie hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da schlug ihr Paul seine Faust so hart ins Gesicht, dass sie das Gleichgewicht verlor, mit dem Genick gegen den schweren Eichentisch prallte und zu Boden fiel.
Ihr Mann starrte mitleidlos auf sie herab. „Stell dich nich’ so an“, knurrte er.
Doch seine Frau regte sich nicht. Sein Schlag hatte ihr das Nasenbein gebrochen. Blut lief über ihr fein geschnittenes Gesicht, versickerte im Ausschnitt ihrer Bluse und tauchte den Ying Yang-Anhänger, den sie an einer Goldkette um den Hals trug, in blutiges Rot. Sie bewegte sich nicht, würde es auch niemals wieder.
Sie hatte sich an der harten Tischkante das Genick gebrochen.
„Verdammter Mist!“, fluchte Paul, als sein schwerfälliger Verstand nach einer Weile endlich begriff, was geschehen war. „Was, zum Teufel, mach’ ich jetzt? Nich’ die Bull’n! Die lochen mich bei meinen Vorstrafen glatt ein!“
Die Haustür klappte. Paul Ziegler fuhr erschrocken zusammen. Doch es war nur sein Sohn Stefan, der in die Küche trat.
„Was ist denn hier los? Hast du unsere Alte endlich abgenibbelt, oder was?“ Er ging zu einem Stuhl und setzte sich rittlings darauf. „Was is’, Alter? Bist du stumm?“
„Ich glaub’, die wird nich’ wieder“, murmelte Paul.
„Echt?“
„Ja, echt, du Arsch. Das is’ nich’ zum Lachen. Wenn mich die Bull’n erwischen, bin ich dran.“
„Na und? Dann dürfen sie dich eben nich’ erwischen. Wir schaffen die Leiche weg“, erwiderte sein feiner Sohn ungerührt.
Paul Ziegler musterte seinen Sohn bewundernd. Das war ein Junge nach seinem Geschmack. Nich’ so’n Weichei wie sein jüngerer Sohn.
Ach ja, Kevin! Verdammt!
Wie sollte er dem den Tod seiner geliebten Mutter beibringen? Der rannte doch glatt zu den Bullen!
„Und Kevin?“, fragte er aus diesem Gedanken heraus. „Was machen wir mit dem?“
„Wenn er nich’ mitzieht, schicken wir ihn eben seiner geliebten Mami hinterher“, erwiderte Stefan gefühllos. „Es ist draußen schon schummrig. Am besten, wir bring’ sie erstmal weg. Um meinen lieben Bruder können wir uns danach immer noch kümmern.“
Sein Vater nickte. „Fass mal mit an, Stefan. Nimm ihre Beine. Wir legen sie in Kofferraum und versenken sie nachher im Meer. Wir fahr’n sofort zu unserm Boot.“
„Alles klar“, entgegnete sein Sohn ungerührt.
Sie zogen die tote Frau weg vom Tisch und hoben sie hoch. „Die is’ leichter, als ich dachte“, sagte Stefan herzlos. Sie hatten fast die Haustür erreicht, als diese geöffnet wurde. Kevin war es, der eintrat. Der dunkelblonde, schlanke Junge blieb abrupt stehen. Seine blauen Augen blickten verständnislos auf den Körper, den sein Vater und sein Bruder zwischen sich trugen.
„Mama? Was ist mit dir? Was hast du?“, fragte Kevin besorgt. Er trat näher und entdeckte das Blut auf ihrem Gesicht.
„Mama?“
Er griff nach ihrer leblos herunterhängenden Hand. Und langsam krochen Furcht und Entsetzen in dem Jungen hoch. Er sah in ihr geliebtes Gesicht. Sah die Verletzung, sah das Blut.
„Was habt ihr mit Mama gemacht?“, stieß er hervor. „Ihr habt sie getötet! Ihr seid Mörder! Ich gehe zur Polizei!“, rief er. Und die schreckliche Erkenntnis löste eine Tränenflut bei ihm aus.
„MÖRDER! Ihr seid MÖRDER!“, schluchzte er.
„Lass sie runter, Stefan“, befahl Paul Ziegler. „Ich schnapp mir den Bengel.“
Und dann lag Sophie Ziegler auf dem Fußboden, und Paul zog seinen achtjährigen Sohn zu sich heran.
„Wenn du nich’ sofort die Klappe hältst, folgst du deiner Mutter so schnell, dass du nich’ mal mehr Piep sagen kannst. Hast du das verstanden?“, zischte er.
Kevin starrte ihn an.
„Ob du das verstanden hast, Weichei?“
„Ihr habt Mama getötet“, brachte der Junge schluchzend hervor. „Ihr müsst bestraft werden!“
Kevin fürchtete sich weder vor seinem Vater, noch vor seinem Bruder. Über dieses Stadium war er durch den Tod seiner Mutter hinaus.
Er war verzweifelt!
Er hatte seine stille, zärtliche Mutter über alles geliebt, hatte jede freie Minute bei ihr im Buchladen zugebracht. Sie hatte ihn den schönen Künsten zugeführt. War immer für ihn da gewesen. Hatte ihn mit ihren schwachen Kräften vor seinem gewalttätigen Vater beschützt. Ohne sie war er einsam und verloren. Ohne seine geliebte Mutter hatte das Leben für ihn keinen Sinn.
„Es hat keinen Zweck, Alter“, sagte Stefan. „Die Knalltüte hält nich’ dicht.“
„Dann nehm‘ wir ihn mit. Bring ihn zum Wagen. Ich komm’ gleich nach.“
„Warte noch, ich will die Kette, oder hast du was dagegen?“, fragte Stefan. Sein Vater schüttelte den Kopf. Da beugte sich Stefan über seine tote Mutter und löste die goldene Kette von ihrem Hals. Er hatte schon lange einen Blick auf das Schmuckstück geworfen. Endlich gehörte es ihm. Voller Besitzerstolz musterte er den Ying Yang-Anhänger, ein ausgefallenes Schmuckstück in Rot- und Weißgold gehalten mit einer schwarzen Perle in der weißgoldenen Hälfte und einer weißen Perle im rotgoldenen Teil, eine eher unübliche Zusammenstellung.
„Nein!“, wimmerte Kevin. „Das ist Mamas Kette!“ Schluchzend stürzte er sich auf seinen Bruder. Er versuchte ihm die Kette zu entreißen, hatte jedoch gegen Stefan keine Chance.
„Blöder Wichser“, knurrte dieser verächtlich. Er packte seinen Bruder und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Mit einem gehässigen Grinsen hängte er sich die Kette um den Hals. „Mach voran“, knurrte er und stieß seinen weinenden Bruder vor sich her.
In der Garage des kleinen Einfamilienhauses verfrachtete er seinen Bruder in den hinteren Teil des hier abgestellten Lieferwagens, schlug die Tür hinter ihm zu und schloss ab.
Im selben Moment betrat sein Vater die Garage, mit einer Teppichrolle, in die er seine tote Frau gewickelt hatte, auf den Schultern.
„Gute Idee“, meinte Stefan grinsend und schloss die Wagentür wieder auf.
Ohne seinen jüngsten Sohn zu beachten, schob Paul Ziegler die Teppichrolle neben Kevin und schlug die Tür wieder zu. Und nachdem Stefan wieder abgeschlossen hatte, setzte Paul sich hinters Steuer und fuhr los.
Vor Kummer wie erstarrt, saß Kevin neben der Teppichrolle, in der seine tote Mutter lag. Er rührte sich nicht, auch nicht, als der Wagen nach etwa einer halben Stunde Fahrtzeit anhielt. Selbst als die Wagentür geöffnet wurde, reagierte er nicht. Erst als sein Bruder die Teppichrolle zu sich heranzog, blickte er hoch.
„Was habt ihr mit Mama vor?“, flüsterte er.
„Na, was wohl, Weichei? Wir versenken sie im Meer und dich am besten gleich mit. Dann seid ihr endlich auf ewig vereint“, erwiderte Stefan höhnisch grinsend.
Er hatte seine Alte nie gemocht. Immer dieses kultivierte Getue. Was interessierten ihn Bücher und Kunst, ‘ne Pulle Schnaps war ihm weitaus lieber. Allerdings konnte er seinen Alten auch nicht leiden. Der war von Jahr zu Jahr primitiver geworden, so primitiv, dass es selbst ihn abstieß. Er hatte nie begriffen, wie die beiden zusammengefunden hatten. Er wusste nur, dass sein Vater die Alte reingelegt hatte.
Er hatte sich verstellt, einen auf armen, benachteiligten Jungen gemacht. Und seine Mutter, zu gut für diese Welt, war ihm auf den Leim gegangen. Irgendwie hatte er sie dann wohl rumgekriegt und geschwängert. So hatte er sie und den Buchladen sicher. Er, Stefan, war das Ergebnis dieser Aktion.
Kurze Zeit später waren dann seine Großeltern verunglückt, und seine Eltern hatten auch noch das kleine Einfamilienhaus geerbt. Und dann, als keiner mehr damit rechnete, war seine Alte mit Kevin schwanger. Wieso sein Bruder jedoch so gar nichts von seinem Vater mitgekriegt hatte, das verstand er nicht.
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