„Reden? Haben Sie eben ernsthaft gesagt, man kann über alles reden ?“
Immer noch antworte ich nicht und sie spricht weiter.
„Ich bin zwar noch nicht so alt wie Sie, aber ich weiß, dass reden nichts, aber wirklich gar nichts bringt. Man kann nicht über alles reden. Oder haben Sie mal die Idioten in Syrien oder in Gaza reden sehen? Haben Sie jemals mitbekommen, dass sie das Reden daran gehindert hat, sich weiter zu töten? “
Dass sie mich als alt bezeichnet hat, ist nicht das Schlimmste an dem, was sie gerade gesagt hat. Das Schlimmste daran ist, dass sie recht hat.
Ich schweige und sehe sie nur an. Sie verschränkt die Arme vor der Brust.
„Hab ich Sie jetzt zum Nachdenken gebracht?“
Ich schlucke und sehe für einen Moment weg. Nur für einen kleinen Moment, doch als ich wieder aufsehe, hat sie sich mit dem Rücken zu mir auf das Geländer gesetzt.
„Hey“, rufe ich wieder. Sie schweigt. „Vielleicht haben Sie recht, man kann nicht alles mit Reden wiedergutmachen. Aber Sie müssen vernünftig sein. Das hier ist kein Ausweg.“
Sie bewegt sich nicht, sondern starrt weiter nur auf das Wasser unter ihr. Genau das bringt mich schließlich dazu, sie am Oberarm zu packen und zu mir herum zu zerren.
„Hey“, schreit dieses Mal sie. „Was wollen Sie? Lassen Sie mich los!“
Sie hat sich zu mir umgedreht und versucht, ihren dünnen Arm von meiner Hand zu befreien.
„Ich kann nicht zulassen, dass Sie das hier durchziehen!“
Ich stöhne, als sie weiter versucht, sich loszureißen.
„Jetzt lassen Sie schon los!“, schreit sie und beginnt, mit der anderen Hand auf meinen Arm, der sie festhält, zu schlagen. Aber es hält mich nicht davon ab, sie weiter festzuhalten.
„Hören Sie auf!“ Ihre Stimme beginnt zu zittern, doch mit den Beinen beginnt sie zu strampeln. Wenn ich sie jetzt loslasse, fällt sie, das weiß ich.
„Ich lasse Sie nicht los“, sage ich und versuche ruhiger zu klingen, als ich bin.
Wenn uns jetzt jemand beobachten würde, würde man dann denken, ich würde versuchen, sie die Brücke hinunter zu schmeißen? Sieht es so aus?
Es sollte mir egal sein, wie es aussieht. Ich wäre froh, wenn uns jemand sehen würde, denn dieser jemand könnte helfen. Ich weiß nicht, wie lange ich sie noch festhalten kann. Sie schlägt mich immer noch wie eine Wilde.
„Lassen Sie mich schon los, verdammte scheiße! Ich habe mir das gut überlegt! Sie werden jetzt nicht derjenige sein, der mich davon abhält.“
Gut überlegt? Das klingt tatsächlich nicht so, als sei es eine kurzfristige Entscheidung gewesen. Und so dumm kommt mir diese Frau - oder sollte ich sagen dieses Mädchen? – auch nicht vor. Eher im Gegenteil.
„Ich werde Sie nicht loslassen“, beharre ich und plötzlich hört sie auf zu strampeln und mich zu schlagen und sieht mich einfach nur an. Ich halte meine Hand jedoch immer noch fest um ihren Arm geschlossen. Wer weiß, was sie vorhat?
„Was haben Sie da gesagt?“ Ihre Stimme klingt zerbrechlich und leise. Auch ihre Lippen zittern.
„Ich werde Sie nicht loslassen“, sage ich mit derselben Tonlage wie zuvor und halte ihrem Blick stand.
Plötzlich beginnt sie zu zucken, zu schluchzen und schließlich strömen Tränen über ihr Gesicht. Ich traue mich noch nicht, den Griff zu lockern, wer weiß, ob das nicht doch alles nur zur Ablenkung dient.
Sie kauert sich auf dem Brückengeländer zusammen, schluchzt und fährt sich mit ihrer freien Hand übers Gesicht. Mit der anderen Hand stützt sie sich auf dem Geländer ab.
Ich kann sie einfach nur anstarren. Habe ich sie überredet?
Mir kommt es vor, als sei es eine Ewigkeit, in der sie einfach nur dasitzt und schluchzt. Immer noch halte ich ihren Arm, und als sie plötzlich aufsieht, erkenne ich, dass sie es wirklich ernst gemeint hat. Ich sehe den Schmerz in ihrem Gesicht, den sie in ihrem bisherigen Leben ertragen musste, und weiß, dass ich ihr helfen muss. Ich bin der Einzige, so scheint es mir in diesem Moment zumindest, der das kann.
„Alles okay?“, frage ich schließlich vorsichtig nach und da kommt sie von der Brücke gesprungen und nimmt mich in den Arm. Sie drückt mich so fest an sich, dass ich ihren Arm loslassen muss. Also drücke ich sie ebenfalls an mich, damit sie sich nicht plötzlich umdrehen und von der Brücke springen kann.
Doch ich glaube, dass sie sowieso nicht mehr vorhat, sich das Leben zu nehmen. Zumindest nicht heute, nicht hier und auch nicht in meiner Anwesenheit.
Sie weint eine halbe Ewigkeit in meinen Armen und ich kann nichts anders tun, als es über mich ergehen zu lassen. Wobei: Eigentlich ist es gar nicht so schlimm.
Als sie sich von mir löst, traue ich mich sogar, sie nicht am Arm oder an der Hand festzuhalten. Ich sehe sie an und frage sie, ob sie für eine Nacht mit zu mir möchte. Diese Worte kommen einfach so aus meinem Mund und ich kann sie nicht rückgängig machen. Aber je länger ich darüber nachdenke, bemerke ich, dass ich es nicht bereue.
Sie schweigt lange, und als sie wieder spricht, klingt ihre Stimme wieder so wie am Anfang: eher selbstbewusst als am Boden zerstört.
„Okay“, sagt sie und läuft an mir vorbei. Ich drehe mich verwirrt um, sie sieht mich an und fragt: „Nun kommen Sie schon. Ich weiß nicht, wo Sie wohnen.“
Ich wache in meinem Bett auf. Wie immer.
Ich öffne die Augen. Wie immer.
Ich sehe meine braune Holzdecke. Nein, nicht wie immer. Ich liege nicht in meinem Zimmer, nicht in meinem Bett. Ich starre auf eine weiße Decke.
Schnell drehe ich mich zur Seite und mein Blick fällt auf einen Holztisch, genau auf meiner Augenhöhe. Auf dem Tisch stehen ein Glas Wasser und ein Apfel. Genau vor meinem Gesicht.
Ich bin verwirrt und reibe mir erst einmal die Augen. Dann richte ich mich langsam auf und blicke auf die orangefarbene Decke, mit der ich zugedeckt bin.
Wo bin ich?
Ich sehe mich weiter um.
Vor mir steht ein Tisch, auf dem tatsächlich nichts weiter steht als ein Glas Wasser und ein Apfel. Ich merke, wie mein Magen beginnt, zu knurren. Wann habe ich das letzte Mal etwas gegessen?
Rechts von der Couch, auf der ich sitze, ist ein großes Fenster. Davor hängt ein langer weißer Vorhang. Das Fenster reicht bis zum Boden; dahinter erkenne ich einen Balkon.
Geradeaus an der Wand steht ein großer Schrank, daneben, von mir aus links, ist eine Tür.
Ganz links an der Wand steht ein großes Bücherregal. Es ist voll mit Büchern. Anscheinend muss derjenige, der hier wohnt, ziemlich gerne lesen.
Ich reibe mir noch einmal die Augen und strecke mich. Als ich wieder aufsehe, steht ein Mann vor mir.
Er hat ein schmales, längliches Gesicht und ist nicht allzu groß, muss aber um die 40 sein. Zwischen seinen dunkelbraunen Haaren sprießen schon einige graue hervor.
Der Mann trägt einen beigefarbenen Pullover und eine dunkelblaue Jeans.
Ich sehe ihn an, aber nicht mit großen Augen, aus Furcht, sondern einfach nur so. Ich habe keine Angst, aber warum weiß ich auch nicht.
Er sieht mich ebenfalls nur an, erst nach einer Weile beginnt er zu sprechen.
„Wie geht es Ihnen?“
Wie soll es mir schon gehen? Was meint er damit?
Warum bin ich überhaupt in seiner Wohnung?
Ich sehe ihn fragend an.
Er nickt langsam, presst die Lippen aufeinander und meint: „Können Sie sich noch an irgendetwas von gestern Abend erinnern?“
Ich löse meinen Blick von ihm und starre auf den Tisch.
Gestern Abend. Was ist da passiert?
Ich schließe die Augen und denke nach.
Ich war zu Hause, wie immer. Ich saß über meinen Büchern, wie immer. Und dann …
Plötzlich flammt eine Erinnerung in meinem Gedächtnis auf. Die Brücke. Ich stand auf der Brücke. Es war windig.
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