„Guten Morgen.“, übeschwänglich begrüßte er Joan, der gerade im Begriff war runter zu gehen und den Tisch fürs gemeinsame Frühstück zu decken.
„Morgen.“, brummte dieser verschlafen zurück und setzte einen wackligen Fuß auf die Treppe.
Evia, seine Stiefmutter war für einen Monat geschäftlich in Memphis was in Joey schmerzliche Erinnerungen an seine Kindheit weckte. Denn dort hatte er sein bisher gesamtes Leben verbracht, bis zu dem Tag, an dem sie umgezogen waren.
Im Bad angekommen griff er als Erstes routinemäßig nach dem Haargel. Ohne es wollte er nicht aus dem Haus gehen, tat er es auch nie. Ohne es fühlte er sich nackt. Unwohl.
Der Spiegel ihm gegenüber hatte die From eines Herzens. Evia hatte ihn neu gekauft, sie liebte Herzen. Joey hingegen hasste sie. Der Spiegel ließ seinen Kopf erschreckend rundlich wirken – er hoffte, dass es am Spiegel lag – und er erinnerte ihn tagtäglich daran, welches durchtriebene Spiel er eigentlich mit dem Rest seiner Familie spielte.
Seine Haare standen ihm in seltsamen Zacken vom Kopf, stachen unnatürlich in die Höhe, Joey verzog das Gesicht, musste sich sogar beinahe übergeben. Wie er es hasste nicht perfekt auszusehen. Je später es wurde, je misslungener seine Frisur, desto nervöser wurde er, seine Hand begann unkontrolliert zu zittern, tatstete sich wiederholt zum klebrigen Kamm, benässte ihn und glitt ihm wieder über den Kopf. Jetzt war es schon halb neun. Joey fluchte leise und biss die Zähne zusammen. So musste es reichen, denn in einer halben Stunde musste er losgehen. Davor wollte er unbedingt noch etwas essen.
Eilig und über sich verärgert sprang er die Stufen hinunter, kratzte mit seinen Füßen den, lose daraufliegenden Teppich hinunter, stolperte beinahe darüber, drehte sich fluchend um und zupfte ihn wieder halbherzig zurecht.
„Joey, wo bleibst du denn?“, rief Joan ungeduldig aus der Küche.
Geschirr klimperte und Teller krachten aufeinander. Das war das vertraute Geräusch wenn sein Vater missmutig und verschlafen den Tisch deckte, es gar nicht wollte und dem Porzellan die Schuld dafür gab.
Vorsichtig blieb er nahe der Tür stehen und lugte hinein. „D … Dad? Was ist los?“
Die Art, die Aggressivität, mit derer das Geschirr behandelte, kannte er von ihm nicht. Tischdecken hatte er schon immer gehasst, das war nichts Neues, doch dass es ihm gleich so nahe ging?
„Komm rein!“, brüllte Joan beinahe durchs zimmer und winkte ihn zu sich, dann setzte er sich ohne auf seinen Sohn zu warten, nahm sich ein Rührei aus der Pfanne und klatschte auch Joey eines auf den Teller.
Behutsam ging Joey in die Knie, so als hätte er Angst den Stühl zu schnell zu berühren, ließ er sich langsam und andächtig auf ihn sinken. „Alles o.k Dad?“
Lange Zeit sagte er nichts, kaute auf seinem Ei und trank einen Schluck Kaffee.
Obwohl nichts dergleichen gesagt wurde, hatte Joey Probleme damit, auch nur einen Bissen hinunter zu bekommen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, dass konnte er über den Rand seines Bechers in seinem Gesicht erkennen. Zwar wirkte sein Vater wie immer alt, hatte graue Haare und ein rundliches Gesicht, trug rundliche Brillengläser auf der Nase und seit kurzem einen Schnauzer, der ebenfalls grau durchwachsen war.
„Dad?“
„Joey.“
Witzelnd wiederholte er es noch einmal. „Dad?“, im Glauben, dass es von seinem Vater nur Spaß war, hob er seinen Toast, auf dem er sein Ei gebettet hatte, an seinen Mund, wollte gerade kräftig hieninbeissen, als es gewaltig knallte. Zuerst hatte er es nicht wahrgenommen doch nach dem ersten Schrecken ließ er sein Frühstück wieder betroffen sinken.
„Was ist das?“
Joey verfiel in Schweigen, das war das Beste was er tun konnte. Seine Augen huschten über das Foto, über Britneys Gesicht und er versuchte ihr in Gedanken: Entschuldigung zu sagen. So als könne sie es hören.
„Was ist das?“, Joans Stimme wurde härter. „Joey?“
„Du warst in meinem Zimmer.“, abwehrend verkrampfte er seine Finger um das Messer, als letzte Fluchtmöglichkeit zog er sogar in Betracht es nach seinem Vater zu werfen.
Joan ignorierte seine ernste Miene, starrte weiter auf sein Gesicht und hämmerte fester auf die arme Tischplatte, sodass das Ei begann, wie bei einem Erdbeben zu wackeln.
„Joey?!“
„Das ist Britney.“
„Das sehe ich, aber was will sie mit Shane und was ist dieses … Kind?“
„Du meinst wohl, wer ist dieses Kind?“
„Was!“
Seine Gedanken überschlugen sich. Was sollte er jetzt nur sagen? Die Wahrheit konnte er seinem Vater nicht anvertrauen. Das wäre Britneys Utnergang. Aber was sollte, was konnte er denn dagegen tun?
„Sie ist … in Irland.“, war seine einzige Antwort und er senkte noch bevor sie Worte seine Lippen verlassen hatten, den Blick. Als könne er dadurch einem Wutanfall seines Vaters entkommen.
„W … wie bitte?“
Obwohl er über alle Maßen wütend war, einen roten Kopf bekam, blieb Joan ruhig sitzen. Zu ruhig.
„Sie … ist dort für ein Austauschjahr. Sie wollte, dass ich vorgebe, sie würde nach Schweden und Australien gehen. Sie wusste, dass du es nicht … billigen würdest.“, in Ausflüchte vertieft runzelte Joey die Stirn, seine Halsschlagader trat hervor und er schluckte angspannt. Würde sein Vater das glauben?
Die Uhr tickte wie immer quälend aus dem Wohnzimmer zu ihnen hinüber. Die Stille wurde erdrückend, das Schnaufen seines Vaters ebenso. „Shane?“
„Sie ist mit ihm befreundet, immer noch.“, nach Luft schnappend überlegte er, ob es klug war den Satz, der ihm in den Sinn kam, wirklich auszusprechen, es wäre bestimmt ein Fehler, bestimmt. Doch in seiner Not blieb ihm wohl nichts anderes übrig. „ … Oliver ist … Shane’s Neffe, seine Schwester hat vor einem Jahr geheiratet und manchmal passt er auf ihnauf.“
„Aha.“
„Dad?“
Als Joan weiter schwieg, die Nachricht verdauen musste, lockerte sich Joeys Herz, ungeachtet der Zeit, die in Windeseile verstrichen war, nahm er einen Schluck seines Kaffees, ohne jedoch von seinem Dad fortzusehen.
„Joey.“, sagte er schließlich und knallte seine Handfläche wieder wichtigtuerisch auf den Tisch. „Komm‘ mit. Befrei‘ dich von dem Unterricht.“
„Warum?“
„Du machst eine Reise nach Irland.“
3.
Schreiende Kinder rannten an ihnen vorüber. Erschrocken und mit der Befürchtung, sie könnten in ihrer Hecktik den Kinderwagen umwerfen, klammerte Britney sich mit ganzer Kraft an ihn.
Shane nahm es gelassener, ohne sie zu fragen, hob er Oliver zu sich auf den Arm und zeigte zu den Kindern, die etwa drei Jahre älter als ihr Sohn waren.
„Siehst du?“
Quierlig rannten sie durch den Sand des Spielplatzes, vergruben ihre Hände ihm Boden, wirbelten winzige, glitzernde Sandkörner nach oben und bewarfen sich damit. Oliver zeigte seine kleinen Zähnchen und quiekte begeistert. So begeistert, dass er sogar einen seiner kleinen Ärmchen nach ihnen ausstreckte und sie mit seinen zarten Fingerchen greiffen wollte.
„Sollen wir dahin gehen?“, fragend wieß Shane auf eine Gruppe grün gestrichener Parkbänke. Einverstanden nickte sie und lenkte den Wagen sogleich auf eine der Bänke zu. Friedlich und beinahe vom Lärm der spielenden Kinder abgeschottet lag sie unter einer Baumgruppe, durch deren Blätter sanftes Sonnenlicht strömte. Amüsiert stellte sie den Wagen vor sich ab und legte ihre Tasche mit Babynahrung, Wasser und Windeln auf das faulige Holz.
Die erste Zeit über saß Shane brav bei ihr, doch als wäre er selbst ein kleines Kind sah Britney ihrem Mann schon bald an, wie sich Unruhe breit machte. Oliver schien es nichts auszumachen, den anderen Kindern beim Springen, Schaukeln und Rutschen zuzusehen. Gelassen lehnte er auf Shanes Schoß und drückte an einem Teddybär herum.
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