Die ganz subjektive Wahrnehmung, wann für uns Druck zu viel wird, ab wann wir das Bedürfnis nach Rückzug und Abgrenzung verspüren, kann uns niemand anderes vorgegeben. Damit werden wir bei dem nachfolgenden Beispiel konfrontiert, wenn wir einen Wunsch abschlagen. Ein Bekannter ruft Sie an:
„Kannst du mir morgen beim Umzug helfen, ich stehe plötzlich ganz alleine da, weil drei Leute abgesagt haben!?“
Vielleicht denken Sie bei sich: “Na klar, kann ich schon verstehen, wann ist der denn mal aufgetaucht, wenn er es versprochen hatte?!“ Sie sind ein hilfsbereiter Mensch und wissen genau, dass ihre Hilfsbereitschaft oft von anderen ausgenutzt wird. Und obwohl sie das genau wissen, bemerken Sie sofort eine zugeschnürte Kehle: „Was kann ich jetzt schnell an glaubhaften Ausreden finden? Der bequatscht mich dann doch noch!“ Eine Ich-Botschaft ist rhetorisch nicht kompliziert. Das „Komplizierte“ oder „Schwere“ daran ist, dass ich hierfür Mut benötige. Das „Technische“ wiederum ist, dass ich meinen Körper dazu benutzen kann, Mut aufzubauen. Ich versuche also in einer solchen Situation mich intensiv auf meinen Körper, mein Körpergewicht und auf meine Bauchatmung zu konzentrieren, um zu spüren was ich in diesem Augenblick wirklich wünsche:
„Ich kann Dir morgen nicht helfen"
„Warum denn nicht?“
„Weil ich nicht kann!“
„Und warum kannst Du nicht?“
„Ich kann nicht, weil ich nicht kann.“
Das klingt jetzt möglicherweise primitiv, brachial und uncharmant. Und sicherlich auch nicht freundlich. Das Entscheidende ist aber, es ist auch nicht feindselig!
Das „Freundliche“ im "Freundlichen Druck" liegt darin begründet, dass wir nur von uns ausgehen und den Anderen in seinem Terrain in Ruhe lassen. Wir führen keine feindselige Aktion aus, indem wir uns in unserem Terrain beschreiben. Auch wenn dies mit Zurückweisung und Enttäuschung für den Anderen einhergeht. Ich lasse mein Gegenüber in seinem Terrain mit all seinen Möglichkeiten und subjektiven Wahrnehmung der Situation – Alleine.
Das dies langfristig sogar ausgesprochen freundlich ist, wird im Laufe des Buches weiter verständlich werden. Dadurch, dass wir uns nicht mehr so leicht unter Druck bringen lassen, können wir freundlicher im Leben agieren. Wir haben weniger Angst, von anderen dominiert zu werden, wenn wir zunächst erst mal freundlich zu uns selbst sind. Weil ich gar keinen eigenen Druck aufbauen muss, wenn ich mich auf meinem eigenen Terrain beschreibe – anstatt vielleicht den Anderen als notorisch unzuverlässigen und selbstbezogenen Egoisten anzugreifen, um mein Bedürfnis rechtfertigen zu können. Ich benötige dann kaum noch Druck in Auseinandersetzungen, das „Nein sagen“ ist kein aggressiver Kraftakt. Das mag für den Einen oder Anderen tatsächlich "unerfreulich" sein, wie für den genannten Bekannten. Mein Gegenüber wird über diesen indirekten Druck jedoch zukünftig freundlicher mit mir umgehen. Der indirekte oder freundliche Druck entsteht, weil ich auf äußeren Druck nicht mehr „automatisch“ zur Verfügung stehe und dies auch ohne Rechtfertigung mitteile. Das kann ich allerdings nur sprichwörtlich am eigenen Leib erfahren.
2. Kapitel
Wie kann ich lernen, aktiv mit meiner Hilflosigkeit umzugehen, wenn ich aus einem Machtkampf aussteige?
Was geschieht mit mir, wenn ich die Vorstellung von einem wirklich sicheren Ort oder zu gewinnenden Machtkämpfen aufgebe? Das Kapitel beschäftigt sich mit den unangenehmen Gefühlen, mit denen ich in Kontakt treten werde. Gefühle von Kleinheit und Hilflosigkeit sind für uns zunächst kaum zu ertragen. Trotzdem handelt es sich eben nur um „Gefühle", biologisch gesehen um Handlungsaufforderungen, die zur Minderung dieser unangenehmen Gefühle beitragen sollen. Womit wir häufig wieder mitten in Machtkämpfen gelandet wären, in die wir uns immer wieder erneut und ohne anhaltend funktionierendes Ergebnis hineinziehen lassen. Gefühle besitzen aber auch die Eigenschaft, dass sie wieder verschwinden, wenn wir ihnen mutig entgegentreten - sie nur beobachten und anerkennen. Wir machen so die Erfahrung, dass sie kommen und gehen und keine physikalische Präsenz besitzen: Uns kein wirklicher Schaden entsteht, wenn wir sie nur betrachten. Unsere Säugetiergehirne werden zwischenmenschliche Beziehungen in der Regel als Machtkämpfe erfassen. Rasch gelangen wir vor die Herausforderung, uns zu unterwerfen oder aktiv in den Machtkampf, den uns die andere Seite aufgezwungen hat, einzusteigen. In diesem Fall werden wir dann versuchen, unser Gegenüber zu unterwerfen. Oder wir wählen die dritte Option: Wir flüchten aus der unerträglich gewordenen Situation, was in beruflichen Situationen eine „Kündigung“ und im privaten Leben die Trennung bedeuten kann. Wenn wir unser Leben konkret anschauen, sind alle drei Optionen nicht befriedigend (eben "dysfunktional"). Wir werden sowohl als Unterliegender eines Machtkampfs, als Flüchtender und auch als vermeintlicher Gewinner langfristig nicht das erzielen, was wir uns wünschen. Die meisten Menschen wünschen, sich sicher und geschützt vor Verletzungen oder Übergriffen anderer Menschen in der Welt bewegen zu können. Und dabei trotzdem im Kontakt mit den Menschen zu bleiben. Für die meisten von uns geht es in dieser Frage auch nicht darum, ob wir etwa mit den Anweisungen des Chefs leben können. Sondern um Gefühle von Unterwerfung und Entwertung, unabhängig von Inhalten oder Sachargumenten. Dabei spielt es keine Rolle, ob Entwertung und Unterwerfungsversuche durch Vorgesetzte, gleichgestellte Kollegen, einen Kunden oder Familienmitglieder erfolgen.
Ein Beispiel:
Ich bin in einem großen Unternehmen beschäftigt und muss in ein bestimmtes Büro, um mir technische Unterstützung abzuholen. Ich betrete das Büro, das mit mehreren Mitarbeitern besetzt ist und sage:"Guten Morgen zusammen".
Ein Kollege dreht sich ganz langsam zu mir um und sagt:
Ich werde nicht zurück gegrüßt, als Personen ignoriert und fühle mich gekränkt und herabgesetzt. Die hier beschriebene persönliche Herabsetzung ist aus meiner Sicht etwas, gegen die ich mich abgrenzen darf, um mich vor Verletzungen zu schützen und wogegen ich mich wehren kann, damit es sich nicht wiederholt. Im Laufe des Buches wird deutlich werden, wie ich durch freundliche Abgrenzung auf der anderen Seite Respekt und sogar Bemühen um die Aufrechterhaltung der Beziehung erzeuge. Die Angst, wenn wir aus unseren verhaltensbiologisch angelegten Machtkampfmustern heraustreten, ist stets hoch. Wir verabschieden uns so von unsereren ganz typischen Gewohnheiten, auf Machtkämpfe zu reagieren, was ja unsere charakterlichen Eigenheiten ausmacht, und unserem vertrauten Rollenverhalten.
Gesteuert werden solche Abläufe durch unser emotionales System, das uns seit Jahrtausenden beständig durch vermeintliche oder tatsächliche Gefahrensituationen leitet, die eine ständige Bereitschaft zum Umgang mit Bedrohung erfordern. Zur Veränderung dieser biologisch angelegten emotionalen Ablaufprogramme ist Training und emotionale Selbstbeobachtung notwendig. In zugespitzten Lebenssituationen hilft auch ein begleitendes Beobachten von außen; Außenstehende (ein Psychotherapeut oder Coach) sehen leichter den Balken in unserem Auge. Und dieser Balken bedeutet normalerweise: "Angst". Zu Beginn eines intensiven Selbstwahrnehmungstrainings ist es schwierig anzuerkennen, dass wir letztlich alle auf Machtkämpfe reagieren. Unsere gewohnheitsmäßige Reaktion auf Machtkämpfe vermittelt uns die Gewissheit, etwas für uns und zur Absicherung der Situation zu tun. Die damit verknüpften emotionalen Ablaufmuster besitzen eine hohe Verführungskraft.
Ein typisches Beispiel ist, mit dem Gedanken "der Klügere gibt nach", durch Konfliktvermeidung zu reagieren. Auch damit spiele ich den Machtkampf allerdings weiter mit, auch Unterwerfung und Rückzug heißt, den Kampf eingegangen zu sein. Was möglicherweise am Ende dazu führt, dass ich dann noch mehr attackiert werde. Eine aggressive Gegenattacke ist hingegen auch keine funktionale Lösung - und Trennung oder Kündigung oft auch nicht das, was wirklich gut funktioniert.
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