Auf dem langen Weg Richtung Ausgang, kam Ellen ein Paar mittleren Alters entgegengelaufen. In dem kurzen Augenblick, in dem sie an einander vorbeiliefen, nahm Ellen wahr, dass die Frau, die sich auf ihren Mann stützte, weinte. Sie konnte nicht viel älter sein als sie selbst, hatte ebenfalls dunkles Haar und trug einen hellen Bademantel. Wie lange sie selber wohl noch ihre Haare haben würde? fragte sich Ellen. Der Arzt hatte ihr schon prophezeit, dass Haarverlust eine der Nebenwirkungen sein würde. Ob diese Frau wohl auch gerade eine schlimme Diagnose erhalten hatte? Ellen drehte sich nach den beiden um und sah, dass sie ins Zimmer 211 verschwanden. „Na, egal was ist“, murmelte Ellen leise vor sich hin, „da sind sie ja in bester Gesellschaft.“ Schmunzelnd verließ sie das Krankenhaus und begab sich zum Taxistand.
„In die Grünewaldstraße“, gab sie dem Taxifahrer Anweisung.
„Na, Sie sind bestimmt auch froh, aus dem Bunker da rauszukommen“, meinte dieser und deutete auf das Krankenhaus, von dem sie sich nur langsam entfernten, da der Verkehr sehr dicht war.
„Was meinen Sie?“, Ellen hatte nicht richtig hingehört.
„Na, aus dem Krankenhaus. Keiner ist doch gerne im Krankenhaus. Aber Ihnen scheint’s ja gutgetan zu haben. Sie sehen kerngesund aus.“ Ellen spürte einen Stich in der Magengegend. Kerngesund? Für einen kurzen Moment hatte sie vergessen, wie es um sie stand. Doch dieser unwissende Mann, der es bestimmt nicht böse meinte, hatte dafür gesorgt, dass alles wieder präsent war: Die Diagnose von gestern, ihre Hilflosigkeit, die Verzweiflung… Sie antwortete nicht und sah aus dem Fenster. Es war ein schöner Februartag, die Sonne schien und der Himmel zeigte sich in strahlendem Blau. Vielleicht sollte es ihr letzter Frühling sein, dachte sie und schon wieder wollten ihr die Tränen in die Augen steigen. „Ach, Kindchen. Stell dich nicht so an. Wer weiß schon, wann unser letzter Frühling ist?“ hörte sie Josephine in ihrer Vorstellung sagen. Josephine. Was für eine verrückte, alte Frau und sie begann, beim Gedanken an sie zu lächeln.
Als das Taxi in ihre Straße bog, fühlte sie, dass sie nervös wurde. Nichts würde mehr so sein, wie vorher. Sie würde morgen nicht, wie üblich, zur Arbeit gehen. In ihrer Wohnung war sie alleine. Das war sie ja immer, seit sie sich von Ralf getrennt hatte, aber bisher war sie viel zu beschäftigt gewesen, um darüber nachzudenken.
Sie bezahlte den Taxifahrer und gab ihm trotz seines Kommentars von vorhin ein gutes Trinkgeld. Er konnte ja nicht wissen, wie es um sie stand. In ihrer Wohnung angekommen, nahm sie den Hörer und wählte die Nummer ihrer Eltern. Sie musste ihnen Bescheid geben, solange es ihr gut ging. Wer wusste schon, wie es ihr nach der ersten Chemo nächste Woche gehen würde.
Doch noch bevor das Freizeichen erklang, legte sie wieder auf.
Es war drei Uhr morgens und Ellen lag, sich hin und her wälzend, in ihrem Bett. Sie konnte einfach keine Ruhe finden. Unruhige Träume hatten sie geweckt und nun konnte sie nicht mehr abschalten. Sie konnte nur noch an all das denken, was noch vor, aber auch schon hinter ihr lag.
Ihre Gedanken spielten verrückt. Wäre sie doch nur früher zum Arzt gegangen. Hätte sie ihre Vorsorgeuntersuchungen doch regelmäßig gemacht. Wie oft hatte sie schon von Frauen in ihrem Alter gehört, bei denen Krebszellen gefunden worden waren und die mit der Diagnose leben mussten. Ja, aber viele von denen durften weiterleben. Sie nicht. Warum war ihr die Arbeit nur immer wichtiger gewesen als ihre Gesundheit? Für wen hatte sie sich eigentlich immer so abgerackert? Kinder hatte sie keine und einen Partner auch nicht mehr. Hätte Ralf ihr beigestanden, wenn er heute noch bei ihr gewesen wäre? Sie zweifelte daran. Ralf hatte sich über die 18 Jahre, in denen sie zusammen gewesen waren, in einen oberflächlichen Lebemenschen entwickelt. Spaß haben, das war seine Devise. Spaß haben und möglichst keine Verantwortung übernehmen. Deshalb hatte er sie in all der Zeit, in der sie zusammen gewesen waren auch kein einziges Mal gefragt, ob sie ihn heiraten würde. Immer hatte er es für besser gehalten, wenn beide ein Stück weit ihr eigenes Leben hatten. So hatte er auch großen Wert darauf gelegt, dass ihre Finanzen getrennt liefen. Und das, obwohl Ellen gar nicht schlecht verdiente und er durchaus finanzielle Vorteile durch eine Hochzeit gehabt hätte.
Hätte sie überhaupt ja gesagt? Es gab mal eine Zeit, da hätte sie es bestimmt getan! Nur die letzten Jahre nicht mehr.
Den jahrelangen Trennungsprozess hatten sie mit seinem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung abgeschlossen. Die wenigen Dinge, die sie sich zusammen gekauft hatten, wurden ohne Streiterei aufgeteilt und er verschwand ohne Umschweife und Beziehungsdrama aus ihrem Leben. Sie hatten sich beide darauf geeinigt, dass es einfach keinen Wert mehr hatte. Sie hatten sich, wie es so schön abgedroschen heißt „auseinandergelebt“. Gestritten hatten sie die letzten Jahre eher weniger, im Gegenteil: Das Desinteresse für den anderen wurde immer größer, bis sie fast nichts mehr zusammen unternahmen, sich immer weniger zu sagen hatten und einen immer unterschiedlicheren Freundeskreis aufgebaut hatten. Ralf liebte es, die Wochenenden im Fußballstadion zu verbringen, anschließend mit seinen Kumpels, von denen mindestens die Hälfte geschieden war, in die Kneipe zu gehen, Bier zu trinken und Fußball zu schauen. Dinge, die Ellen vor einigen Jahren, bis zu einem gewissen Maß, auch Spaß gemacht hatten. War sie in ihren ersten gemeinsamen Jahren nicht oft mit Ralf grölend auf Schalke gewesen und anschließend in der Kneipe feiern? Dies schien ihr nun fast unvorstellbar weit entfernt.
Die letzten Jahre hatte sie einen Geschmack für moderne Kunst entwickelt und viele Ausstellungen besucht. Sie ging gerne ins Theater oder schick essen. Wofür sollte sie auch sonst ihr Geld ausgeben?
Nur ein kleiner Kreis von Freunden und Bekannten gehörte zu den Menschen, die sie an ihrem Leben teilnehmen ließ und auch dieser Kreis war schon ziemlich ausgedünnt. In den letzten Jahren hatte sie immer weniger Zeit für Freizeit gehabt. Die Beförderung zur zweiten Geschäftsführerin, die steigenden Ansprüche in der Werbeagentur, die ständige Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, weil sie von jüngeren Mitarbeitern einfach überrollt wurde. Was würde jetzt werden, wo sie krank war? Würde sie, wenn sie nach der Chemo zurückkehrte, durch jemand anderen ersetzt worden sein? Würde sie jemals an ihren Arbeitsplatz zurückkehren? Wollte sie dorthin überhaupt zurückkehren?
Ellen blickte aus ihrem Schlafzimmerfenster. Die Jalousien waren oben, das Fenster gekippt. Sie hasste es, bei geschlossenem Fenster zu schlafen. Es war eine sternenklare Nacht. Ein lauer, fast schon frühlingshafter Wind blies sanft die Vorhänge zurück. Ihre Gedanken sprangen wild umher und sie musste wieder an Ralf denken. Wo er jetzt wohl war? Ob er eine Neue hatte? Seit ihrer Trennung hatten sie nur ein paar Mal telefoniert und das bloß, um sich über einige Dinge zu einigen, die sie als Paar gemeinsam gehabt hatten: Die Einrichtung der Wohnung, das Jahresticket für Schalke, das gemeinsame Lotterielos. Außerdem war da noch der vor Monaten gebuchte Sommerurlaub in Italien, welcher natürlich storniert werden musste.
Seit ungefähr fünf Monaten gab es keinen Kontakt mehr zwischen ihnen, was Ellen bisher auch nicht weiter vermisst hatte. Eigentlich hatte sie bis zu dieser Nacht keinen Gedanken mehr an Ralf verschwendet. Ihre Tage waren immer sehr ausgefüllt gewesen.
Heute Nacht vermisste sie ihn bewusst zum ersten Mal. Als ihre Beziehung noch gut lief, war er immer für sie da gewesen, wenn es ihr nicht gut ging, wenn sie in der Arbeit Stress hatte oder sie sich deprimiert fühlte. Mit seiner lockeren Art konnte er sie immer wieder aufheitern. Damals war er noch ein aufmerksamer Zuhörer gewesen. Dies war auch wohl der Grund dafür, warum sie so lange zusammengeblieben waren. Allerdings war Ellen schon etwas enttäuscht, dass sie in all den Jahren nie einen Heiratsantrag bekommen hatte. Zwar hatte Heiraten nie höchste Priorität für sie gehabt, doch hatte sie sich ganz tief im Innern immer einen Menschen an ihrer Seite gewünscht, der sie versorgt, auch wenn sie immer einen sehr selbstbewussten und selbständigen Eindruck machte. Das hatte ohnehin hauptsächlich mit ihrem Job zu tun, in dem man einfach selbstbewusst sein musste. In Wirklichkeit war sie nicht einmal halb so taff, wie sie sich gab. Das zeigte ja ihr kurzer Krankenhausaufenthalt.
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