Es fiel Sara schwer, sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, während Björn in der Nähe saß und Saxofon spielte. Nachdem ihre Mutter ihr erklärt hatte, dass Björn der Sohn eines Bekannten war und nicht ihr Freund, konnte Sara sich eingestehen, dass Björn ihr sehr gut gefiel.
Eine Ungewissheit blieb allerdings. Sie war Björn noch nie in ihrem Leben begegnet, das wusste sie genau. Die Kinder der Freunde und Freundinnen ihrer Mutter kannte sie – alle! Woher kam nun auf einmal Björn? Sie fand, dass es an der Zeit war, mit dem Saxofon-Spiel aufzuhören.
»Was machst du eigentlich den ganzen Tag auf der MS Sara?«, warf sie unvermittelt in den Raum.
Ihre Mutter drehte sich nur kurz zu ihr um, erkannte, dass die Frage nicht für sie bestimmt war und trocknete weiter die Gläser für die Eisbecher ab.
Das Paar an dem Tisch vor dem Tresen beachtete Sara nicht, es war weiter in sein Gespräch vertieft.
Die anderen Gäste hatten sich bei dem schönen Wetter auf das Deck gesetzt. Wenig ergiebig für Sara, aber heute war sie mit Björn vollauf beschäftigt.
Er spielte einige letzte Töne auf dem Saxofon, dann legte er das Instrument an die Seite und grinste Sara an. »Meistens muss ich aufräumen und das Deck schrubben. Dein Großvater meint, je eher ich das lerne, umso besser.«
Auch über Saras Gesicht zog sich ein Grinsen. Sie konnte sich gut vorstellen, dass ihr Großvater diesen Satz genauso gesagt hatte. Schließlich hatte sie ihn selbst oft genug gehört.
»Manchmal darf ich auch neben deinem Großvater am Steuer stehen«, fuhr Björn fort. »Er erklärt mir, was es mit den roten und grünen Lampen auf sich hat und zeigt mir, wie man eine Seekarte liest.«
»Und was hat es mir den roten und grünen Lampen auf sich?«, polterte hinter ihnen eine tiefe Stimme.
Sara hatte nicht bemerkt, dass ihre Mutter und ihr Großvater die Plätze getauscht hatten. Sie stellte fest, dass Björn auf einmal nicht mehr so cool wirkte und schnell seinen Hut auf das Saxofon legte. Er schien großen Respekt vor ihrem Großvater zu haben. Zu großen vielleicht, als er anfing zu sprechen, stotterte er: »Ähm, rot, ähm bedeutet, ähm.«
Sara hatte Mitleid mit Björn. Wer wusste besser als sie, dass ihr Großvater unerbittlich sein konnte. Er würde Björn noch lange stottern lassen. Also sagte sie schnell: »Rot ist das Positionslicht an Backbord und grün das an Steuerbord!« Das brachte ihr einen dankbaren Blick von Björn und einen ärgerlichen Blick ihres Großvaters ein.
»Habe ich dich gefragt?«, brummte der Kapitän der MS Sara und sah Björn weiterhin fragend an. Der schaltete schnell und sagte, ohne nachzudenken: »Bei der Einfahrt in einen Hafen müssen die Lichter mit den Markierungen im Hafen übereinstimmen.«
Sara war überrascht, weil er plötzlich nicht mehr stotterte.
»Wir legen gleich an«, sagte Saras Großvater.
»Oh«, rief Björn überrascht und sah auf seine Armbanduhr, in dessen Zifferblatt ein Totenkopf eingelassen war. Sara erkannte, dass auch der Ohrstecker, der vorher vom Hut verdeckt war, die Form eines Totenkopfs hatte. Sie wunderte sich noch mehr, dass ihr Großvater Björn erlaubt hatte, das Praktikum auf dem Schiff zu machen. Er war zwar der Meinung, dass echte Seeleute Ohrringe trugen und hatte selbst einen kleinen silbernen Stecker. Ein Totenkopf jedoch war für ihn ein Zeichen für einen Piraten. Und einen solchen hatte er nun auf sein Schiff gelassen. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.
Björn stand auf. Er nahm Saxofon und Hut und fragte: »Darf ich die Sachen auf deine Bank legen?«
Sara stellte sich vor, wie Björn eines Tages mit einer Augenklappe und einem Säbel auf das Schiff kommen und ihren Großvater erschlagen und ihre Mutter als Geisel nehmen würde. Sie erinnerte sich an die Piratengeschichten, die ihr Großvater ihr zum Ärger ihrer Mutter als kleines Kind vorgelesen hatte. Ihre Mutter hatte sich geklagt, diese Geschichten wären zu blutig und voller Gewalt und daher nichts für Kinder.
Am Ruckeln des Schiffs spürte Sara, dass es anlegte. Björn stand noch immer mit Saxofon und Hut vor ihr und wartete auf eine Antwort. »Dein Großvater wartet!«, sagte er und sah sich um.
Ihr Großvater stand am Steuer und wies ihre Mutter an, das Schiff festzumachen. Bestimmt sollte Björn dabei helfen. Schnell nickte Sara. »Klar!«
Björn legte seine Sachen auf die zweite Bank an Saras Tisch und rannte nach vorne, um beim Anlegen zu helfen.
Sara hätte gerne gesehen, wie er sich beim Knoten anstellte. Als sie jedoch aufstehen wollte, ging ein Mann an ihr vorbei, den sie unbedingt in ihrem Notizbuch vermerken musste.
Ein Barfußläufer! Er hat weder Schuhe noch Strümpfe an und auch keine Schuhe in der Hand. Laura hat erzählt, dass es bei uns im Ort einen Barfußläufer gibt. Das muss der Mann sein. Er hat an Deck gesessen. Seine Hose geht bis zu den Knien und seine Haut an Beinen und Füßen ist so braun wie die Kruste eines Brotes. Sie sieht richtig ledrig aus. Ich wüsste gerne, wie die Haut unter den Füßen aussieht. Mal gucken!
- Pause -
Da bin ich wieder. Als ich mich vor die Bank kniete, fragte sofort jemand, ob ich etwas verloren hätte. Fast hätte ich den Moment verpasst, als der Barfußläufer seine Füße hob. Iih, die Füße sehen von unten aus wie eine Schuhsohle. Sein Gesicht ist auch braun gebrannt. Das Haar ist fast weiß und die Augenbrauen stehen wie Zahnbürsten weiß über den braunen Augenlidern und den braunen Augen. Zum Glück hat er zwei braune Augen. Wäre das peinlich, wenn das mein Vater wäre.
»Was schreibst du denn da?«
Sara hatte nicht bemerkt, dass das Schiff abgelegt hatte und Björn hinter dem letzten neuen Fahrgast an ihrem Tisch vorbeiging. Neugierig beugte er sich über ihren Computer.
»Das geht dich gar nichts an!«, fuhr Sara ihn an. »Und überhaupt, das hier ist mein Tisch, das habe ich dir schon einmal gesagt. Wie kommst du dazu, zu lesen, was ich schreibe. Das geht dich gar nichts an. Gar nichts!« Sie redete sich in Rage. Dass sie Björn eigentlich gut fand, hatte sie völlig vergessen.
Björn war das Grinsen inzwischen vergangen. Er sah sich suchend nach Saras Mutter und Großvater um. Die beiden unterhielten sich in der Steuerkajüte und bekamen von dem kleinen Streit nichts mit. »Sorry!«, lenkte er ein. »Ich wusste nicht, dass dein Computer unantastbar ist.«
Sara sah, wie er die Augenbrauen hochzog, als wollte er seinen Verstand in Bewegung bringen. Bei dem Gedanken an eine Maschine, die Gedanken ausspuckt, musste sie leise lachen. Sie konnte förmlich sehen, wie aus den Gehirnwindungen metallische Maschinenwindungen wurden. Immer, wenn jemand eine Frage stellte oder ein Stichwort gab, wurde die Maschine durch ein Hochziehen der Augenbrauen in Gang gesetzt. Dabei kamen Sätze heraus, die direkt in den Mund geliefert wurden. Bei manchen Menschen wurde die Maschine auch durch ein Kratzen am Ohr oder ein Streichen über die Nase bedient. Das war wie bei einem Auto, da war der Lichtschalter auch nicht immer an der gleichen Stelle.
Je genauer sich Sara diese Maschine vorstellte, die gerade in Björns Kopf ratterte, umso breiter wurde das Grinsen auf ihrem Gesicht.
»Was ist daran so lustig?«, unterbrach Björn ihr Kopfkino..
»Das verstehst du nicht«, antwortete Sara. Sie kicherte leise und klappte ihr Notebook auf, um die neue Idee aufzuschreiben. Irgendwann, da war sie sich sicher, würde sie diese Gedanken benötigen.
»Was verstehe ich nicht? Dass dein Computer unantastbar ist?«
Sara antwortete nicht. Ihre Augen waren auf den Bildschirm geheftet, während ihre Finger flink über die Tastatur des Notebooks glitten.
»Wow! Das ist geil!«, staunte Björn. »Spielst du Klavier?«
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