„Hab ich’s doch gewusst!“, schimpft die Mutter. „Immer müsst ihr Extra-Würste braten.“
„Mama.“ Klärchen hat sich vor das Sofa neben die Mutter gekniet. „Ist doch nichts passiert.“
„Trotzdem.“ Toni schüttelt den Kopf. „Fritz, ich versteh dich wirklich nicht. Dass du so etwas zulässt?“
Papa Fritz geht auf seine Frau zu. Die hat sich inzwischen auf dem Sofa aufgesetzt. „Ach Schatz, wenn du wüsstest, wie bequem das war.“
„Ist schon Aufstehen?“, mischt sich Xaris Stimme ein.
„Nein, du Faulpelz“, lacht Bruno, „schlaf du ruhig weiter. Du blickst es ja doch nicht.“
„Bruno“, ermahnt ihn der Vater.
„Ach ist doch wahr“, vermeldet Bruno noch schnell.
„Und was machen die Menschen unten?“, erkundigt sich Mutter Toni.
„Sie räumen schon wieder“, gibt Klärchen Auskunft. „Sieht so aus, als wollten sie wirklich hier einziehen.“
„Was sind das für Leute?“, will Xari plötzlich wissen. Er ist neugierig geworden.
„Das kann dir doch egal sein“, fährt ihn Bruno an. „Du bekommst sie ja doch nie zu Gesicht.“
„Bruno, wenn du keine Auskunft geben willst“, sagt die Mutter streng, „dann halte doch bitte einfach den Mund.“
„Ach, lass mich doch in Ruhe“, ruft Bruno erbost. „Immer dieser Angsthase.“
Jetzt meldet sich Papa Fritz zu Wort. Er weiß, dass auch seine Frau daran interessiert ist, wer hier einzieht. „Nun ja, da sind die Eltern und zwei Kinder. Ein Mädchen und ein Junge. Außerdem haben wir einen Hund, eine Katze und Vögel gesehen.“
„Oh, je“, stöhnt Toni, „einen Hund. Hoffentlich beißt der nicht.“
„Aber Toni“, erwidert Fritz beruhigend, „der kann dich doch gar nicht beißen. Du bist ein Nachtgespenst.“
Ja, Mama Toni hat schreckliche Angst vor Hunden. Ihr müsst wissen, im früheren Menschenleben ist sie einmal von einem Hund gebissen worden.
Die fünf Nachtgespenster waren natürlich alle einmal ganz normale Menschen. Das ist aber schon sehr lange her.
Als Familie haben sie sogar in diesem alten Bauernhaus am Ortsrand eines kleinen Dorfes in der Nähe der Alpen in Süddeutschland gewohnt.
Sie hatten zwei Kühe und drei Ziegen für Milch und Käse. Dazu ein paar Hühner, die die Familie mit Eiern versorgten. Als Transportmittel hatten sie einen Wagen vor den sie einen Ochsen spannten. Ansonsten waren es arme Leute, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen konnten.
Irgendwann, die Kinder waren noch klein, musste die Familie den Hof verlassen. Fritz und Toni hatten zu viele Schulden, die sie nicht mehr abbezahlen konnten.
Genau an dem Tag, einem Freitag, als Fritz, Toni und die Kinder den Bauernhof verlassen mussten, wurde Toni vom Hund des neuen Herrn gebissen. Daher also hat Toni diese panische Angst vor Hunden.
Und wie es im Leben manchmal so passiert, am Freitag auf der Fahrt in die nächste größere Stadt stürzte der Wagen mit der ganzen Familie und den Habseligkeiten in einen Abgrund. Alle Menschen starben bei dem Unfall.
Noch in derselben Nacht wurden sie zu Gespenstern. Natürlich kehrten sie in ihr Haus zurück.
So haben also Fritz, Toni, Bruno, Klärchen und Xari gemeinsam das alte Bauerhaus am Ortsrand eines kleinen Dorfes in der Nähe der Alpen in Süddeutschland zwar verlassen, doch sie sind in derselben Nacht wieder als Nachtgespenster dorthin zurückgekehrt.
Seit ziemlich genau hundert Jahren leben sie nun im Bauerhaus als Gespenster.
In all den Jahren gab es immer wieder einen Wechsel der Eigentümer.
Wie Fritz, Toni, Bruno, Klärchen und Xari feststellen durften, ereilte auch andere das Schicksal, dass sie den Bauernhof aus finanziellen Gründen nicht halten konnten.
Zuletzt jedoch stand der Hof einige Jahre lang leer. Die fünf Nachtgespenster hatten schon Angst, dass das Bauernhaus vielleicht abgerissen wird, als eben die neue Familie sich anschickt hier einzuziehen.
Deshalb also freuen sich die Geister so, als sie sicher sind, dass endlich wieder Leben ins Haus einkehrt.
Aber Toni vergisst manchmal, dass sie überhaupt kein Mensch mehr ist, sondern ein Geist. Regelmäßig passiert ihr das, wenn sie auch nur das Wort Hund hört.
Dann muss Fritz seine Frau daran erinnern, dass ihr überhaupt nichts passieren kann.
„Du hast ja Recht.“ Mama Toni lächelt ihren Mann jetzt an. „Ich bin ja ein Geist.“
An diesem Morgen ist die Familie endgültig ins Haus eingezogen. Sie sind schon so früh angereist, dass die Nachtgespensterfamilie noch in den Betten gelegen hat, als die Geräusche im Bauernhaus begonnen haben.
Daher anschließend die Hektik, die gemütlichen Betten augenblicklich zu räumen und auf den Dachboden zu flüchten.
Jetzt sind die Gespenster ruhiger geworden. Außerdem sind sie neugierig. Vorsichtig schleichen sie schwebend durch die Räume.
Nach Tonis Geschmack sind die Möbel etwas komisch und zu modern, aber insgesamt vermitteln die Zimmer einen gemütlichen Eindruck. Hier würde sie auch gerne wohnen.
Xari begleitet seine Familie beim Erkundungsschweben durch das Haus. Zur Sicherheit hält er die Hand seiner Mutter fest umklammert.
Sie beginnen im Erdgeschoss. Im Augenblick verweilt die Familie in der Küche.
Schnell stellen Fritz, Toni, Bruno, Klärchen und Xari fest, dass das Haus vollkommen umgebaut worden ist. Zumindest im Erdgeschoss. Im ersten Stock etwas weniger.
Die fünf Nachtgespenster schweben durch die Stube, die jetzt als Wohnzimmer eingerichtet ist. Hier steht ein Vogelbauer mit zwei Wellensittichen.
„Dass sich die Menschen Vögel im Haus halten?“, wundert sich Klärchen. „Draußen gibt es doch so viele.“
„Schon komisch“, meint auch Papa Fritz. „Und noch dazu so fremde Vögel. Die gab es zu unserer Zeit nicht. Zumindest habe ich solche Vögel nie gesehen.“
Xari schwebt ganz nah an den Käfig. „Legen die auch Eier, die man essen kann?“
„Schätzchen.“ Mama Toni stellt sich neben ihren Jüngsten. „Das wissen wir nicht. Wir wissen ja auch nicht, weshalb diese komischen Vögel in Käfigen gehalten werden.“
„Kommt, lasst uns weitergehen“, schlägt Fritz vor.
Durch die Wand gelangen sie in einen Raum, der ganz eigenartig ausgestattet ist. Dass es Fernseher gibt, das wissen die fünf Nachtgespenster inzwischen. Schließlich hatte die letzte Familie einen, aber dieser Fernseher ist wirklich eigenartig.
Die Tür des Raumes steht offen. Sie schweben in den Flur hinaus. Gegenüber befinden sich eine Dusche und eine Toilette. Im hintersten Raum stehen ein großes Bett, ein Schrank und ein Sessel.
„Wer schläft denn da?“ Bruno ist neugierig geworden.
„Vielleicht die Kinder“, vermutet Mutter Toni.
„Aber warum befinden sich Schlafzimmer im ersten Stock?“, überlegt Klärchen laut, aber natürlich nicht für Menschen hörbar.
„Wir warten ganz einfach ab“, legt Fritz fest.
Sie schweben in den ersten Stock. Bereits ortskundig zeigen Fritz, Bruno und Klärchen den beiden anderen die Zimmer.
„Hier habe ich heute Nacht geschlafen.“ Klärchen schwebt ins erste Zimmer. „Das Mädchen wird hier schlafen. Ich bin mir sicher. Schau nur die schönen Puppen! So eine hätte mir auch gefallen.“
„Du kannst sie dir noch oft anschauen“, erinnert Bruno seine Schwester.
Klärchen nickt selig.
„Das ist das andere Kinderzimmer“, sagt nun Bruno. „Xari, das ist dein Fall.“ Bruno zeigt auf Bauteile von Playmobil, die wohl mal eine Burg werden sollen. Zumindest ist das auf dem Bild des Kartons zu erkennen.
Xaris Augen leuchten. „Oh, wenn die erst einmal steht, werde ich oft hier sein.“
„Ich denke, du hast Schiss“, erinnert ihn Bruno.
Xari zuckt zusammen. Stimmt ja, er hat Angst vor Menschen. Wie soll er da alleine in das Zimmer des Jungen kommen? Am liebsten hätte er losgeheult, aber er kann sich beherrschen. Er kann sich doch nicht jedes Mal von seinem älteren Bruder auslachen lassen.
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