Nun versuche ich im Bett liegend gedanklich das Gespräch mit Dr. Eisenring zu rekonstruieren. Der Nebel, der sich in meinen Gedanken gebildet hatte, seit der Arzt das Wort „Brustkrebs“ aussprach, lichtet sich allmählich. Während ich mich konzentriere, kommen mir immer mehr Gesprächsfetzen in den Sinn, die ich zuvor beim Termin nicht mehr verarbeiten konnte. Nach dem Schreckmoment hatte ich einfach nur funktioniert. Ähnlich wie bei einem Computer war das Programm „Arztgespräch“ angegangen und hatte diese Aufgabe für mich erledigt, während ich in Gedanken von einer hohen Klippe heruntergefallen war. Es schien so, als ob dieses Programm das Gespräch für mich aufgezeichnet hatte und ich nun am Abend dazu bereit war, diese Aufzeichnung abzurufen.
Verständlicherweise hatte Dr. Eisenring mir nicht direkt gesagt, dass ich Brustkrebs habe. Er hatte auf der Röntgenaufnahme etwas Verdächtiges gesehen. Zusammen mit einigen Indizien in meinem Blutbild ergab sich daraus der Verdacht, dass es im schlimmsten Fall Brustkrebs sein konnte. Er hatte mich für den nächsten Morgen im Krankenhaus zu einer Computertomografie angemeldet, und anschließend sollte ich mit den Bildern zu einer Spezialistin namens Dr. Seifert gehen. Meine Akten ließ er ihr per Kurier zukommen.
Daraus schlussfolgerte ich nun: so weit, so gut. Es war bestimmt nichts Ernstes. Wahrscheinlich nur eine Zyste, die sich gebildet hatte. Es würde bestimmt gut ausgehen, es ging bisher immer gut aus für mich. Ich erinnerte mich daran, dass Uwe schließlich damals diese Lotte hätte heiraten können, statt sich für mich zu entscheiden. Wir hatten beide um ihn geworben, aber ich hatte ihn für mich gewonnen. Das war vor zehn Jahren, und ich habe es bis heute in keinem Moment bereut. Geheiratet haben wir dennoch nicht, und Kinder haben wir auch keine. Dafür hatten wir uns aufgrund unseres Alters, als wir uns erst kennengelernt hatten, entschieden. Wir gingen beide bereits auf Mitte dreißig zu, und dann kamen noch das Leben, unser Beruf und vieles mehr hinzu. Jedenfalls vergingen viele Jahre, und wir sind auch ohne die Hochzeit ein sehr glückliches Paar. Ich schmunzele über die Erinnerungen und drehe mich im Bett zu ihm.
Er schläft tief und fest. Ich frage mich, ob ich es ihm gleich heute hätte sagen sollen. Ach nein, besser nicht, denn manchmal erzählt man die Dinge in Angesicht der Angst unnötig komplizierter, als sie in Wirklichkeit sind. Er würde sich dann nur unnötig Sorgen machen, und am Ende wäre ja doch nichts. Ich würde morgen einfach ins Krankenhaus und anschließend zu dieser Frau Dr. Seifert gehen. Da sie Spezialistin ist, kann sie bestimmt gleich Entwarnung geben. Erst anschließend erzähle ich Uwe davon, und ungefähr im Stil wie „ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht“.
Der Geruch aus dem Wartezimmer des Krankenhauses signalisiert einem bereits, dass man krank ist, und am liebsten möchte man einfach nicht dazugehören. Im Krankenhaus liefen die ersten Vorgänge ganz schnell und formell ab. Ich hatte kurz gewartet und war dann auch schon zur Computertomografie geführt worden. Nun warte ich hier, bis Frau Dr. Seifert Zeit für mich hat. Sie würde mit mir alles Weitere besprechen. Natürlich habe ich sie gestern Abend im Handy gegoogelt. Sie ist Onkologin und hat sich in ihrer Doktorarbeit damit befasst, wie sich die Behandlung der psychischen Folgen einer Krebserkrankung in die Krebstherapie integrieren lässt. Ob sie neben Medizin auch Psychologie studiert hat, weiß ich nicht. Sie war also eine Art Feuerwehr und Trauma-Team in einer Person. Der Gedanke gefiel mir, während ich noch wartete, obwohl ich von einem Trauma-Team nicht allzu viel hielt.
Ich weiß noch genau, wie es damals war, als unser Kollege Herbert morgens im Büro nicht zur Arbeit erschien. Ich spüre noch heute den Schock, der mich traf, als der Chef, umringt von einem dieser Trauma-Teams, vor uns getreten war. Ich habe noch seinen Tonfall im Ohr, wie er uns mitteilte, dass Herbert auf der Intensivstation lag, weil er versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Ich wollte danach einfach nur meine Arbeit machen und nicht allein sein. Ich wollte nicht darüber sprechen und mich ganz einfach auf meine Arbeit konzentrieren, um nicht darüber nachdenken zu müssen. Aber dann schlich dieses Trauma-Team im Büro umher. Sie wollten mit ihren sanften Stimmen von uns wissen, ob wir mit der Situation umgehen konnten. Da ich noch da war, ging ich offensichtlich meiner Arbeit nach. Meiner Meinung nach hätten sie sich besser fragen sollen, wie es wohl Herbert gegangen war, bevor er versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Diese Frage hätten wir uns alle damals stellen sollen.
Aber als ich dann zwei Tage später in der Nacht einen Heulkrampf hatte und Uwe sich nach unzähligen Versuchen nicht mehr zu helfen wusste, da war ich dann doch froh, dass mir Selina vom Trauma-Team ihre Karte gegeben hatte. Danach war ich froh, dass ich mit Uwe darüber sprechen konnte. Ich war froh, dass Uwe an die Kontaktkarte gedacht hatte. Ebenfalls war ich vor allem froh, dass Selina ein Profi war, die nachts bei uns vorbeikam und mit mir reden konnte, wie ich es mit niemandem sonst gekonnt hätte.
Herbert kam durch, war jedoch erblindet. Herbert war der liebenswürdige Tollpatsch, den es wohl in jeder Firma gab. Er war immer gut aufgelegt, freundlich, höflich und konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Deshalb waren wir auch alle sehr geschockt, als er versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Von Herbert hätte ich das am wenigsten erwartet. Aber sind es nicht oft diejenigen, von denen wir so etwas am wenigsten erwarten?
Er hatte versucht, sich zu erschießen, doch sogar dafür war er zu tollpatschig. Er benutzte eine Pistole mit einem zu kleinen Kaliber und setzte diese dann zu weit vorne an. Er schoss sich damit buchstäblich das Augenlicht aus. Es wäre eigentlich zum Lachen, wenn es dabei nicht gleichzeitig zum Heulen wäre.
Endlich werde ich aufgerufen, und nun begegne ich Frau Dr. Seifert, die gleichzeitig Feuerwehr und Trauma-Team in einer Person ist. Mein erster Eindruck ist, dass sie auf dem Foto größer schien, aber ansonsten erkenne ich sie sofort wieder. Noch während der Begrüßung möchte ich ihr mitteilen, dass ich sie gegoogelt habe und nun weiß, was sie kann. Sie schüttelt meine Hand und erwidert mein Lächeln: „Sie haben mich bestimmt schon gegoogelt“.
Ich bin total baff und weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Dann fangen wir beide gleichzeitig an zu lachen. Ich mag sie bereits, und es wundert mich nicht, dass sie es wahrscheinlich darauf abgesehen hatte, mit diesem Spruch. Aber nun sei’s drum, denn sie hat mich damit voll erwischt. Sie weiß offenbar ganz genau, was sie da tut. Sie scheint das Thema ihrer Dissertation verinnerlicht zu haben, und bei mir hat sie damit vollen Erfolg. Die kleine Auflockerung führt nämlich gleich zu Beginn dazu, dass ich mich nun auf den Inhalt dieser Besprechung konzentrieren kann.
Sie berichtet mir, dass sie die Bilder aus der Computertomografie ausgewertet hatte. Darauf konnte sie jedoch nicht sehen, um was es sich nun wirklich handelte. Sie erklärt mir nun, dass das Objekt ungewöhnlich tief liegt. Normalerweise, erklärte sie, würde sie in derartigen Fällen eine sofortige operative Entfernung empfehlen, um daraufhin eine Biopsie zu machen. Jedoch würde dieser Schritt in meinem Fall aufgrund der Lage des Objektes einige Gefahren mit sich bringen. Darum möchte sie mit einer langen, dünnen Nadel ein Stück des Gewebes herausnehmen, um die Biopsie durchführen zu können. Danach würde endlich Klarheit herrschen, und die nächsten Schritte könnten besser geplant werden. Sie hebt jedoch während des Gespräches hervor, dass dieses Vorgehen auch seine Vorteile hat, denn ich würde somit schneller Bescheid wissen.
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