„Weber! WE-BER!”
Augenblicke später.
„Herr Hauptkommissar …”
„Hier haben Sie mein Handy. Bild vom Toten, dann wieder zu mir. Hier draufdrücken.“
„Für wie dämlich hält er mich! Jawohl, Herr Hauptkommissar! Bild vom Toten.“
Weber stapft zum H 55 und verdreht die Augen.
Malvoisin wendet sich Horch und Greiff zu.
„In diesen unmittelbaren Abschnitt des Strandes einschließlich der Brücke können Ihre und dritte Gäste bis zum Ende der Spusi-Arbeit nicht. Es geht nicht anders.“
„Sie werden sicher den Strandkorb mitnehmen müssen, Herr Kollege.“
„Oh ja, das müssen wir, Herr Kriminalrat. Selten können wir einen Tatort abtransportieren, aber hier können und müssen wir. Sie bekommen ihn so bald als möglich zurück.“
„Dürfen wir die Lücke mit einem Reservekorb auffüllen?“, fragt Frau Horch, besorgt über den möglichen Verdienstausfall. Dreißig €uro die Woche oder acht €uro Tageskorb − das ist auch Geld.
„Aber selbstverständlich“, beeilt sich Malvoisin, sie zu beruhigen. „Sobald die Spusi ihre Arbeit beendet hat, der Sand durchgesiebt ist und wir abgezogen sind, steht dem nichts im Wege.“
Horch und Greiff verständigen sich wortlos mit Blicken. Der Mann hat seinen Auftrag.
„Herr Hauptkommissar. Bitte, Ihr Handy mit Bildern des Toten.“
Hauptmeister Weber reicht Malvoisin das photographierende Telephon. Der hält es Horch und Greiff hin.
„Kennen Sie den jungen Mann?“
Das Vermieterehepaar betrachtet das Bild im Anzeigenfeld genau.
„Tjoo“, setzt Frau Horch an. „Das ist doch einer der Rettungsschwimmer. Der zog alle Blicke auf sich, über ein Meter neunzig groß. Weißt Du nicht, wie er heißt?“ Marga Horch sieht ihren Mann an.
„Jo, doch. Den hat hier mal jemand ‚Malte‘ gerufen, aber weiter weiß ich auch nicht.“
Malvoisin ist zufrieden.
„Danke. Sie haben uns schon sehr geholfen. Ich muß dann mal.“
Malvoisin setzt seinen Rembrandt auf, verneigt sich kurz.
„Denn tschüs zusammen, Und falls Ihnen zu dem Toten etwas einfällt …“
Greiff macht stumm das Handzeichen des Telephonierens.
„Danke. Wir sehen uns.“
„Und viel Erfolg“, lächelt Frau Horch Malvoisin an.
„Tja, mal sehn.“
Malvoisin wendet sich ab und kehrt zum H 55 zurück.
„Nee, is dat nich allens gresig“, hört er sie noch murmeln. Er sagt nichts, er sagt nie viel, ist in Gedanken schon auf dem Weg zum Strandkorblager.
„Hans, was habt Ihr?”
„Eine Reihe Fingerabdrücke, wenig frisches. Abgeriebene Sonnencreme, ein paar schwarze Haare in der Korbritze. Und auf den ersten Blick hat der Tote Salz auf der Haut …”
„Das sagte Klinge schon, und die schwarzen Haare sind entweder vom Toten …”
„Es sind lange Haare.”
„… dann sind sie sehr wahrscheinlich von der Korbmieterin.” Malvoisin sieht sich um. „Kann Anderson den Toten jetzt mitnehmen?”
„Photos haben wir, sonst auch alles. Übrigens, neben der Brücke muß einer sein Brett vor dem Kopf verloren haben. Erste Kollegenbefragungen haben nichts ergeben. Keiner vermißt eines.” Er grinst schelmisch. Malvoisins rechte Augenbraue fährt hoch. Ihm ist gerade nicht nach Witzen. Nielsen räuspert sich. „Wir nehmen es mal mit. Man könnte es für eine Planke halten, doch es ist nicht glatt. Aber ab dafür. Das Sandaussieben dauert noch ‘n Weilchen. Bringt vermutlich nur jede Menge alter Kippen, die die Schweinigels einfach in den Sand stecken. Methode ‚Wozu ‘nen kleinen Aschbecher festhalten, wenn ich für den großen Kurtaxe zahle‘.” Malvoisin sieht sich um und entdeckt, was er sucht.
„Hans, die Korbmieterin steht da hinten am Strandkaufhaus. Nicole Neumayer heißt sie. Lauf man fix hin und laß Dir ‘ne Haarprobe geben; dann könnt Ihr sofort vergleichen.”
Hans Nielsen rennt gleich los. Er erwischt die junge Frau noch. Sie sieht ihn erst überrascht an, zupft sich dann aber doch gleich Haare aus und läßt sie in die ihr hingehaltene Plastiktüte gleiten. Nielsen bedankt sich, Nicole verschränkt die Arme und geht mit gesenktem Kopf über den Vorplatz am Seemannsdenkmal vorbei zur Strandstraße. Sie will nur noch ins Bett und heulen.
An ihr vorbei strömen die Badegäste, ein paar Senioren Arm in Arm, junge Eltern mit quicklebendigen Kindern, schöne Mädchen, hübsche Burschen, einige viel zu dicke Teenager. Sie hat für niemanden einen Blick übrig. Neben dem Strandkaufhaus baut die Obstverkäuferin ihren Stand auf. Sie hat schon gehört, was passiert ist. „Wird der wieder lebendig, wenn ich mich jetzt aufrege”, denkt sie bei sich. „Der kauft mein Obst nicht mehr und die 20 Neugeborenen von Hamburg heute morgen auch nicht, aber die Gäste, die heute zum Strand kommen. Also bau ich mein gutes Obst auf − fertig.” Gemütsruhe ist etwas Wunderbares.
Der Tote wird in den Sarg gelegt. Der wird geschlossen und weggetragen.
Professor Anderson sieht dem Abtransport kurz hinterher und wendet sich Malvoisin zu.
„Du hast meinen Bericht heute abend, bekommst eine schöne Bettlektüre.”
„Hau schon ab!”
Malvoisin spricht seinen stumm das Geschehen beobachtenden Kollegen Hauke Tewes an.
„Kommst Du, Mokwi? DLRG.“
„Jou.“
Malvoisin und sein schweigsamer Kollege stapfen im Sand auf die Promenade zu und wenden sich dort in Richtung der DLRG-Station. Die Spusi-Leute betreten gerade die Seebrücke und suchen auf beiden Seiten die Geländer ab.
*
„Was ist denn da los?“
„Haben Sie schon gehört was da passiert ist?
„Einen Toten soll es gegeben haben!“
Einige Leute sind stehengeblieben und beobachten jenseits der inzwischen funktionierenden Sperre, was am sonst so beschaulichen Strand los ist. Es kommen erste Gäste, um sich über die Absperrung zu beschweren, aber sie müssen wieder gehen. Drei Kinder nörgeln:
„Mami, warum dürfen wir nicht an den Strand?”
„Keine Ahnung. − Frau Horch, was ist denn hier los?”
„Frau Hansen, wir haben einen Toten …”
„Bitte was? Um Gottes Willen, was ist denn passiert?”
Herr von Greiff übernimmt.
„Kommen Sie bitte gegen Mittag wieder, dann ist der Strand sicher wieder frei”, und sieht sie freundlich an.
„Kommt Kinder, wir gehen zum Waldspielplatz” und zu Horch und Greiff gewandt, „… und den halben Tag bekommen wir doch erstattet, nicht wahr?”
Herr von Greiff macht gute Miene zum bösen Spiel. „Selbstverständlich, Frau Hansen, immer Dienst am Gast!”
„Na, wenn das so ist, sehr freundlich”, und schiebt damit ihre Kinder in Richtung Strandcasino und Ausgang.
„Hört von einem Toten und denkt nur ans Geld.” Greiff schüttelt verständnislos den Kopf.
Ein die Szene beobachtender Mann meint trocken zu seiner Frau:
„Na Liebling, dann machen wir heute unseren Ausflug nach Fehmarn.”
Horch und Greiff verschwinden kopfschüttelnd im Strandkorbhäuschen.
*
Malvoisin, begleitet von seinem Assistenten Hauke Tewes, genannt Mokwi, der zu ihm aufgeschlossen hat, nähert sich der DLRG-Station. Es ist baulich eine optische Beleidigung.
Malvoisin kannte die wunderbar altmodische Lesehalle seit seiner Kindheit. Auf dem Platz vor ihr fanden früher die sommerlichen Platzkonzerte statt. Wie oft war er mit anderen Kindern dem Blasorchester zur Waldstraße entgegengelaufen und hatte den Musikern in ihren marineähnlichen, blauen Jacken mit goldenen Knöpfen und den weißen Mützen bis zur Promenade Marschgeleit gegeben. Die Einheimischen waren dagegen, aber ein traditionsloser Bürgermeister ließ den hübschen Bau in einer Nacht- und Nebelaktion abreißen. Malvoisin konnte sich damit nie abfinden. Aber es war ja auch das schöne alte Hotel zur Post am Ring beseitigt und gegen belanglose Architektur ausgetauscht worden. Die alte Schule, die Heimatmuseum werden sollte, verschwand über Nacht. Gewachsene Geschichte wird gegen geltungssüchtige Bürgermeister immer verlieren. Daß künftige Generationen damit bestohlen werden − wer fragt danach. An dem Betonmonster hochschauend murmelt vor sich hin:
Читать дальше