„Ich habe meinen Sohn nackt gesehen, als er geboren wurde, ich habe ihn nackt gesehen, als ich ihn wickelte, ich habe ihn nackt gesehen, wenn ich ihn badete, ich habe ihn nackt am Strand gesehen, ich habe ihn nackt in der Sauna gesehen, ich habe ihn nackt gesehen, wenn er sich in meinem Garten sonnte …”
Kröger wird dabei immer lauter und schreit fast.
“…, und ich werde ihn nun nackt im Tode sehen!” Damit reißt er das Tuch weg, erstarrt, läßt es fallen, verfällt in Stoßatmung, zieht hörbar den Atem durch die Nase ein, schwankt, wehrt Malvoisin ab, als der ihn halten will, ergreift im selben Augenblick mit festem Griff dessen rechten Unterarm, wendet sich ihm zu. Sein Gesicht bebt, und er zischt:
„Finden Sie die Bestie, die das getan hat, und finden Sie sie schnell, ehe ich es tue.”
Kröger läßt Malvoisin los, der schweigend verharrt, den direkten, starren Augenkontakt ausgehalten hat, und geht hinaus.
„Puh, da möchte ich aber nicht in der Haut derjenigen stecken, die Du finden mußt, ehe der Mann sie erwischt!”
Malvoisin, sich fassend, wendet sich Anderson zu: „Wie kommst Du darauf, daß wir eine Täterin und nicht einen Täter suchen?”
„Oh, da gab es mal einen berühmten Fall in Japan in den 30er Jahren vor dem Krieg. Eine Sexsüchtige hat ihrem fleißigen Liebhaber das beste Stück abgeschnitten, nachdem sie ihn als übersteigerten Akt erwürgt hatte, und lief damit noch tagelang in Tokio herum. Das ein Mann das tut ist eher unwahrscheinlich, plagen uns doch alle heimlich, still und leise Kastrationsängste.”
Malvoisin ist erstaunt.
„Na, Du kennst ja tolle Schweinereien!”
Anderson bleibt gelassen.
„Das läppert sich im Laufe der Jahre. − Im übrigen sollten wir von mehreren Tatbeteiligten ausgehen …”
„Wie kommst Du darauf?”
„Wir haben hier einen zu Lebzeiten sehr kräftigen Mann vor uns, vermutlich bestens trainiert, sportlich. Der hat nicht einfach stillgehalten. Die erste Betrachtung hat ergeben, daß er keine Blutergüsse von Schlägen hatte, aber Druckstellen an den Handgelenken und Unterarmen, und eine Verletzung am Kopf, die geblutet hat; er ist also niedergeschlagen worden. Und er war an den Händen gefesselt − sieh hier an den Handgelenken − …”
„… und an den Füßen?”
„Nein, er konnte noch laufen. Merkwürdig ist, daß er zwei Holzsplitter in einem Fuß hatte. Er hat sie nicht mehr herausgezogen, also muß er sie kurz vor seinem Tod eingetreten haben. Er hat leichtere Hämatome an beiden Ober- und Unterarmen. Das kann von kräftigem Zupacken stammen, muß aber nicht zwingend auf einen bösartigen Kampf hindeuten. Das kann auch von hitzigem Sport herrühren. Beachvolleyball zum Beispiel. Aber jetzt lasse mich meine Arbeit machen, Du willst schließlich noch heute meinen Bericht haben. Und bring’ den Vater zurück, den Mann kannst Du im Moment nicht allein lassen.”
Professor Anderson wendet sich der Leiche zu, blickt nochmals auf.
„Übrigens, habt Ihr seine wertvollsten Zentimeter gefunden?”
„Nein, den Penis haben wir nicht.”
Anderson macht eine hinausschickende Kopfbewegung und wirft die kleine Kreissäge zum Öffnen an.
Malvoisin wirft nochmals einen Blick auf den Toten und murmelt:
„Nee, das muß ich nich’ haben, nich’ vorm Essen“ und verläßt den Obduktionssaal. Er ist gar nicht so sicher, ob er vor dem Abend überhaupt zum Essen kommt und ob dann sein wunderbarer Matjestopf noch vorhanden sei. Er kennt die Begeisterung seiner Lieben, wenn er einen Matjestopf angesetzt hat. Da muß er stets aufpassen, noch etwas abzukommen. Insgeheim schreibt er ihn für dieses Mal ab.
*
Malvoisin setzt Kapitän Kröger vor dessen Privathaus in Plön ab.
„Herr Kapitän, hat Ihr Sohn Malte bei Ihnen noch ein Zimmer gehabt?”
„Ja, warum?”
„Dürfte ich es mir ansehen?”
„Selbstverständlich, wenn es Ihnen hilft, die Mörder zu finden …”
„Sie sprechen in der Mehrzahl …?”
„Es müssen mindestens zwei gewesen sein, ein Einzelner hätte meinen Sohn nicht überwältigen können, völlig unmöglich. Und wäre sein Bruder in der Nähe gewesen …
„Ach, Sie haben noch einen Sohn?”
„Ja, Martin, mein Zweitgeborener.”
„Wo ist er?”
„Mein Kleiner ist an Bord der ‚Gorch Fock’ auf See …“ Er überlegt kurz. „… muß gerade in Höhe Gran Canaria auf der Rückreise sein.”
„Werden Sie ihn informieren?”
„Nein, warum sollte ich?! Er kann seinem Bruder nicht mehr helfen. Auch mein oder seiner Mutter Tod würde ihm nicht gemeldet werden. Unkonzentriertes Verhalten an Bord kann Menschenleben kosten. Es genügt, wenn er es zu Hause erfährt. Man ändert damit nichts mehr.” Kröger hält kurz inne, sieht, wie nach etwas suchend, gen Himmel. Dann fährt er fort.
„Übrigens, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich meine Frau vorher unter vier Augen informiere?”
„Nein, natürlich nicht. Ich warte am Wagen.” Malvoisin schließt den Wagen ab und lehnt sich dagegen, wobei er die Seite mit Blickrichtung auf das Haus behält. Kapitän Kröger geht zum Haus, betritt es und schließt die Tür.
Malvoisin kann vom Auto aus sehen, wie sich das Ehepaar im verglasten Terrassenbereich trifft. Der Kapitän spricht mit seiner Frau, die plötzlich aufschreit, die Arme hochreißt, schwankt, fällt. Kröger kann sie auffangen und auf ein Sofa legen. Er telephoniert, sieht anschließend nach seiner Frau. Kurz darauf kommt er aus dem Haus und auf Malvoisin zu, der von der anlehnenden in die aufrechte Haltung wechselt.
„Herr Kommissar, es tut mir leid, ich muß Sie bitten, später zu kommen. Ich mußte den Arzt rufen. Es ist zuviel für sie.”
„Ich bedauere, Herr Kapitän, aber bei einem Tötungsdelikt kann ich nicht warten. Ich muß das Zimmer Ihres Sohnes unverzüglich in Augenschein nehmen. Das duldet keinen Aufschub.”
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