Der Professor zieht die Handschuhe aus. Im Hintergrund stapfen die Sargträger der Rechtsmedizin heran.
„Kann ich ihn mitnehmen?” fragt Anderson.
„Nein, noch nicht. Die Spusi war doch noch nicht hier −” Malvoisin ringt mit der Fassung.
„Weber! − WE-BER!”
Der Gerufene eilt herbei.
„Ja, Herr Hauptkommissar?”
„Mensch, rufen Sie das K6 an! Wo bleiben die denn?”
„Mach’ ich.”
Weber zieht sein Funktelephon, tippt die Nummer ein, hält sich das Gerät ans rechte Ohr, wartet.
„K6? − Weber, Einsatzort Kellenhusen. Mensch, wo bleibt Ihr denn? Malvoisin wird schon grätig! − Was, Trecker? − Dann fahrt doch ‘rum! − Ende!”
„Übrigens, er ist nicht hier gehenkt worden -”
Malvoisin ist noch etwas verwirrt: „Wie?”
„Der Strandkorb ist nicht hoch genug, um ihm das Genick zu brechen.”
„Schlaumeier, das weiß ich auch!”
„Na, ich mein’ ja nur. Ein Galgen steht hier weit und breit nicht, aber such’ doch mal die Seebrücke ab … Von den Aussichtstürmen wird ihn keiner hergeschleppt haben, hm?”
„Verstehst Du das, Klinge?” Malvoisin grübelt.
„Hals durch, Messer im Bauch, Kopfschuß, aber Hängen und … Du weißt schon … ab − wer macht denn so etwas?”
„Malle, Du wiederholst Dich! − Na ja, Fräulein Kronborg wird sich freuen. Endlich hat sie mal etwas Schönes auf dem Tisch, nicht immer nur Wasserleichen und erbbereinigte Opas, obwohl das Seil des Glockenspiels fehlt …”
„Klinge! − Dein Humor ist wie immer unübertrefflich!”
Malvoisin sieht ihn mit hochgezogener rechter Augenbraue an.
Der Professor grient, wie nur ein langgedienter Profi seines Faches in des Todes Nachbarschaft lächeln kann und geht weg.
Weber kommt heran und meldet Malvoisin:
„Herr Hauptkommissar …”
„Ja?”
„K6 meldet unterwegs Treckerhindernis.”
„Wie bitte?“ Er zieht eine gespielt gleichgültige Miene, innerlich ist er sauer. „Na ja, wi hebbt jo Tiet. Gott schuf die Zeit, hat der ‘was von Eile gesagt?” Weber muß grinsen.
Nun schaltet sich rauchig die Bürgermeisterin wieder ein.
„Und was wird hier jetzt weiter passieren, Herr Kommissar? Der Strandbetrieb muß weiterlaufen! Wir verlieren sonst Gäste und Kurtaxe!”
Malvoisin wird deutlich.
„Frau Bürgermeisterin, hier laufen erst einmal unsere Ermittlungen und sonst gar nichts. Es hat ein junger Mensch sein Leben verloren, und ich will zum Donnerwetter wissen, warum!”
„Aber unser guter Ruf”, protestiert sie.
„Erstens haben wir auch einen guten Ruf zu verlieren, oder wollen Sie, daß die Tat nur deshalb nicht aufgeklärt wird, weil wir zu früh Ihre Gäste hier herumlaufen lassen und wertvolle Spuren vernichtet werden? Und zweitens ist das hier ein Tatort und Sie stehen im Weg. Also bitte!” Malvoisin macht eine verabschiedende Handbewegung mit Aufforderung zum Gehen.
„Impertinent!”
Die Bürgermeisterin stapft mit zorniger Miene davon.
„Oh, diese Verwaltungsleute”, murmelt Malvoisin leise und schüttelt den Kopf.
Malvoisin wendet sich zunächst an die junge Kriminalbeamtin.
„Sie können gehen, Frau Kollegin, ich übernehme jetzt hier.”
Die Angesprochene steht vom Strandkorb auf und entfernt sich. Malvoisin spricht betont leise die schwarzhaarige Schöne im H 76 an.
„Mein Name ist Malvoisin, Kripo Lübeck. Ich leite hier die Ermittlungen. Darf ich fragen, wie Sie heißen?”
Sie schaut hoch, sieht ihn verweint, aber gefaßt an:
„Nicole. Nicole Neumayer.”
„Sind Sie im Urlaub hier?”
„Ja, wir haben Semesterferien.”
„Oh, Sie studieren?”
„Ja, Kunstgeschichte und Französisch.”
„Wo?”
„In Tübingen.”
„Ah, aus dem Ländle, hört man aber gar nicht …”
„Nein, ich bin aus Essen. Meine Eltern leben noch dort. Sie kommen bald her.”
„Sie haben hier eine Ferienwohnung?”
„Ja, im Haus Lehmann”
„Ah, bei Mama Lehmann.”
„Sie kennen sie?”
„Oh ja. Bitte gehen Sie jetzt, ruhen Sie sich aus, halten sich aber zu unserer Verfügung.”
Malvoisin wendet sich ihr im Weggehen nochmals zu.
„Wie lange haben Sie den Korb H 55 schon?”
Nicole steht auf.
„Eine Woche.”
„Haben Sie den Toten schon vorher gesehen, ich meine, als er noch lebte?”
Malvoisin sieht sie forschend an.
„Oh ja, er gehört zu den Rettungsschwimmern. So wie der sich vor der Rettungsstation immer aufbaute war er nicht zu übersehen. Na ja,” − sie schaut traurig − „ein Angeber, aber ein schöner Typ war er schon, irgendwie. Ist ja auch groß, äh, war …”
Sie schnieft.
„Dankeschön. Wir kommen auf Sie zu. Übrigens, wie lange bleiben Sie noch?”
„Drei Wochen.”
Nicole verschränkt die Arme und will weggehen.
„Fritz! FRITZ!”
Malvoisin sieht sich nach seinem Assistenten um. Er spricht Nicole nochmals an.
„Ich danke Ihnen für Ihre Auskunft. Sollte Ihnen doch noch etwas einfallen, hier haben Sie meine Karte. Bitte melden Sie sich gleich. Auch Kleinigkeiten sind wichtig.”
Nicole nimmt wortlos die Karte, steckt sie ein und entfernt sich.
Langeland dreht sich in die Richtung des Rufes. „Komme!” Er stapft auf seinen Chef zu. „Der Gast da hinten …“ Malvoisin folgt der angedeuteten Blicklinie Langelands Kopfdeuten. „… ist gestern abend noch am Strand spazieren gegangen, hat aber nichts gesehen, was uns weiterhelfen könnte. Aber …?”.
Langeland sieht Malvoisin fragend an.
„Fritz. Ruf’ mal die Schiffsdienste in Timmendorfer Strand an, daß sie heute vormittag hier nicht anlegen können. Die Brücke bleibt dicht.”
Langeland verzieht sein Gesicht.
„Na, das Gemaule wegen des entgangenen Umsatzes hör’ ich schon.”
„Mach’s einfach.”
Langeland zückt sein Handy.
Inzwischen „eilt” die Spurensicherung herbei. Malvoisin entdeckt sie und geht gleich den ersten Kollegen an.
„Moin Hans. Mensch, wo bleibt Ihr denn? Das ist hier doch nicht Brigadoon, das auf keiner Karte verzeichnet ist!”
„Das mag ja sein, aber wir hatten drei Trecker vor uns und immer Gegenverkehr.”
„Hat man Euch das Blaulicht weggenommen?”
„Hast Du vergessen, wo wir hier sind?”
Hans Nielsen sieht ihn grinsend an.
„Vertell mol de Buern wat ‘ne Einsatzsirene is! Und wenn ich dem zugerufen hätte, wir müßten zu einem Tötungsdelikt, da sagt der glatt zurück: ‚Man jümmers sinnig, de is doch al dood, de hett nix mehr to vertellen’ und dann tuckert der gemütlich weiter. In Lübeck kannst de Lüüd mit Blaulicht beeindrucken, aber hier doch nich‘. Man jümmers suutje un damit is allens seggt.”
Jetzt kann selbst Malvoisin sich ein Grienen nicht verkneifen und sagt bloß noch schulterklopfend: „Nu mook mol Dien Kram.”
Malvoisin läßt die Spurensicherung ihre Arbeit machen und stapft zum Strandkorbhäuschen der Frau Horch. Sie steht bereits aufgeregt an der Sperre, neben ihr ihr Lebenspartner, der pensionierte Kriminalrat von Greiff.
„Herr von Malvoisin, was ist denn nun los hier? Stimmt das mit dem Toten? Mein Mann sagte mir gerade, wir müßten mit bis zu sechs Stunden Sperre rechnen. Kommt das wohl hin?”
Marga Horch bleibt auch angesichts der ungewöhnlichen und aufregenden Situation bei ihrer ruhigen und liebenswürdigen Art, die ihre Gäste so sehr an ihr schätzen. Nur ihr Gesicht weiß nicht so recht, ob es nun blaß oder von rötlich frischer Farbe sein soll. So wechselt es sie hin und her.
„Moin, moin, liebe Frau Horch.”
Malvoisin bleibt vor ihr stehen.
„Es ist leider so. In Ihrem Korb 55 befindet sich die Leiche eines jungen Mannes … Moment.” Er unterbricht sich selbst.
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