Wir wogen diese Idee gemeinsam ab und fanden sie letztlich nicht so übel.
Karl war eben ganz schön überzeugend. Er meinte, wir seien doch alle Stadtkinder und gewohnt, abends auf die Strunz zu gehen.
Jeden Morgen stiegen wir in den Bus, der uns zum Startpunkt der Wanderung brachte. Grundsätzlich zufrieden, aber müde von Weg, Hitze und von Karls immer wiederkehrendem Maulen über die Auswahl des Weges trafen wir am späten Nachmittag in unserm Häuschen ein.
Das Feuer am letzten Abend war wieder Karls Idee. Er hatte ständig neue Einfälle, er bastelte, stapelte oder schraubte unentwegt an irgendetwas herum.
»Guckt mal, ich glaube, ich habe eine Feuerschale gefunden«, rief er, als er mit einer großen Schüssel aus dem Schuppen kam, sie auf den Rasen stellte und nachdenklich betrachtete.
»Das ist doch keine Feuerschale«, meinte Gabi, »das sieht für mich nach einer Wachsschale für ein Schmelzfeuer aus. Da ist ja sogar noch Wachs drin.«
»Ach was«, meinte Karl, »lass mich mal machen.«
»Ist es nicht viel zu heiß für ein Feuer?«, warf ich fragend in die Runde.
»Nein, ist doch gemütlich«, meinte Karl.
An unserm letzten Abend fände er es schön, um ein Lagerfeuer zu sitzen.
»Wir könnten ja sogar zusammen singen, so wie früher, als ich jung war.«
Die anderen zuckten mit den Schultern. Wie so oft setzte sich Karl durch, wir waren zu lahm für Widerstand, es war schließlich unser Abschied.
Karl behielt Recht, es wurde wirklich gemütlich. Als die Dunkelheit hereinbrach, saßen wir mit der inzwischen dritten Rotweinflasche um die Schale herum und hielten Rückschau auf den Urlaub. Das Wetter hatte mitgespielt, im Wald war es schön kühl und die Abende im Städtchen sind lau gewesen. Wir hatten uns keine Blasen gelaufen. Eigentlich hatten wir vier uns sogar ganz gut verstanden.
Gabis Freund Karl war in Ordnung, eigentlich ein lustiger Typ, aber er schien sich berufen zu fühlen, uns immer wieder die Welt unaufgefordert zu erklären. Manchmal ging mir genau das auf die Nerven, andererseits war er unglaublich hilfsbereit. Er schleppte unsere Koffer und den Einkauf, holte morgens die Brötchen und sprang gleich auf, wenn es etwas zu tun gab. Kurzum: Er verwöhnte uns und wir ließen ihn. Auch das nervte mich oft, schließlich gab ich aber meinen müden Füßen und der Gruppen-Stimmung immer wieder den Vorrang.
Manchmal trafen sich Lauras und meine Blicke und wir wussten beide sofort, was die andere dachte. Gabi hatte nur Augen für ihn.
Ein kleines Flämmchen züngelte inzwischen in der Schale vor sich hin.
»Das ist ja mickrig«, nörgelte Karl.
Das Wachs zerschmolz und das Flämmchen wuchs ein wenig. Für mich musste das Feuer in so einem kleinen Garten nicht größer sein. Außerdem war es ohnehin noch warm.
»Lass gut sein, Karl«, sagte ich zu ihm.
Da fuhr er mich unerwartet an: »Du bist so langweilig, Kirsten.«
Mit diesen Worten stand er auf, ging in den Schuppen und kam mit zwei Händen voller Holzspäne zurück, die er in das heiße Wachs warf. Zufrieden beobachtete er, wie die Flamme wuchs.
» Das ist ein Feuer!« Er setzte sich und öffnete den nächsten Rotwein.
Nach einer Weile wurden in den umliegenden Häusern die Fenster geschlossen, denn es begann zu rauchen. »Friert ihr?«, rief ein Nachbar vom Balkon. »Braucht ihr vielleicht auch noch eine Decke? – He, was soll das?«
Das Feuer wuchs und wuchs. Binnen Sekunden stand die ganze Wachsschale in Flammen, schwarzer Rauch stieg zum Himmel auf.
Wir sprangen von den Stühlen. Erschrocken und hilflos, aber auch fasziniert starrten wir auf die Feuersäule, die sich sogar über Karls Kopf erhob. Der Hibiskusbusch sengte an und wir wichen vor der Hitze zurück.
Wieder wusste Karl Rat. Er lief ins Haus und kam mit einem Backblech als Deckel zurück, unter dem er das Feuer ersticken wollte. Doch die Hitze war so stark, dass er sich nicht richtig nähern konnte.
»Achtung!«, rief er und warf das Blech in die Flammen.
Dieser Karl! Tatsächlich landete es mitten auf der Schale und das Feuer erstickte. Wir atmeten erleichtert auf. Doch Karl, der große Held, wollte nachsehen und hob das Blech wieder ab. Dabei kippte er die Schale um. Einige glühende, in Wachs getränkte Holzspäne flogen auf und gegen Lauras Unterschenkel. Schreiend vor Schmerz sprang sie herum und versuchte die Hose auszuziehen.
Andere Späne gruben sich glühend in die trockene Wiese.
Karl wusste nicht, wo er zuerst handeln sollte, sein Blick flatterte zwischen dem Hibiskusbusch, dem Rasen, der Schale und Laura hin und her. Dass ihm sein Lagerfeuer aus dem Ruder gelaufen war, merkte er erst jetzt.
Gabi versuchte, den glimmenden Rasen auszutreten, ich warf eine Decke aus dem Schuppen über den Hibiskus. Ein Nachbar kam auf das Geschrei mit einem Notfall-Kästchen gelaufen.
Karl starrte.
Die Sirenen mehrerer Löschzüge hallten durch die Gassen, Blaulicht flackerte in unsere Augen. Gabi und ich ließen uns auf die Stühle fallen.
Laura schrie noch immer.
Karl starrte.
Ohne Worte
Nadejda Stoilova
Er war ein Wolf. In den Bergen.
Tagelang irrte er auf nicht betretenen Pfaden. Je tiefer er im Wald war, desto besser konnte er seine Gedanken ordnen.
Er war scheu. Vermied die Menschen. Sie machten ihn unruhig. Sie machten ihn zum bösen Wolf. Einer, der mit den Zähnen die Luft zischend zerreißen konnte. Angriffsbereit.
Er hatte keine Angst, böse zu sein. Anzugreifen, wenn es sein muss. Sein Revier zu verteidigen. Das hat er jahrelang in seinem Berufsleben getan.
Jetzt wollte er seine Ruhe haben. Weg von den Menschen. Weg von der Verantwortung. Weg vom Geprahle des eigenen Egos. Ab und zu musste er die Luft rauslassen. Allein sein. In den Bergen. Da wollte er in Ruhe nachdenken.
Es ist gefährlich geworden. Sie war gefährlich. Tea war ihr Name.
Er war daran gewohnt, die Kontrolle zu behalten. Als Alphatier war er immer ein paar Schritte voraus.
Von außen war er eher unscheinbar. Kein typischer Macho. Dürr, klein, zierlich, aber trainiert. Keine Tattoos. Kurzes borstiges graues Haar, beinahe Glatze. Stets gebräunt.
Sein unscheinbares Äußeres verhalf ihm oft, einen Treffer im Herzen der Tatsachen zu erzielen.
Er war ein Sieger. Ein weiser Mann. Er konnte tief in die Seele seines Gegenübers schauen. Seine innere Klarheit verschaffte ihm diese Fähigkeit. Es schien durchaus, dass er Entscheidungen auch dann noch treffen konnte, wenn andere nicht mehr dazu in der Lage waren. Zumindest im Beruf.
Nur Gefühle waren sein Schwachpunkt. Vor allem bei Frauen.
Echte Gefühle kannte er nicht.
Seine Mutter war eine gefühlskalte Frau. Sie war stets distanziert. Er hatte nie gesehen, wie sie einen ihrer Männer küsste. Oder überhaupt irgendwelche Zärtlichkeiten zeigte. Dennoch gab es immer Verehrer.
Seinen Vater hatte er nicht kennengelernt. Er war einfach nie da gewesen. Darüber hatte er nie mit seiner Mutter gesprochen.
Sein Elternhaus hatte er deswegen auch früh verlassen. Mit sechzehn hatte er seine erste Firma aufgebaut, einen Internetshop für jedermann. Zudem sehr erfolgreich. So dass er ihn zwei Jahre später verkaufen konnte. Dies gab ihm die finanziellen Mittel für eine Weltreise.
Alaska, Kanada, Sibirien.
Er liebte die Kälte, die Wildnis, die Einsamkeit.
Monatelang hat er in den tiefsten Wäldern Sibiriens gelebt. Er fühlte sich mit den Tieren und dem Wald verbunden. Dank seiner ausgeprägten Sensibilität konnte er ihre Stimmung spüren. Es genügte ein Blick, um sie zu besänftigen. Dabei schaute er tief in ihre Augen. Für Außenstehende mochte es so aussehen, als wären sie hypnotisiert. Doch es war mehr als Hypnose, die Tiere fühlten sich zu ihm hingezogen. Wilde Wölfe wurden zu gezähmten Hunden und lagen an kalten Nächten bei ihm am Feuer.
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