Zurück in Berlin erfuhr der Mussolini-Befreier Mitte Mai 1944, wo Tito steckte. Skorzeny erfuhr all die Informationen, die der aus dem 1. Proletarischen Korps ausgebüxte Deserteur Tetariæ ausgeplaudert hatte. Titos Hauptquartier befände sich in einer Höhle in einem schroffen Abhang mit Blick auf Drvar, bewacht von einem 350 Mann starken Bataillon, mit 6.000 Mann unter Waffen in der Umgebung, soll der Überläufer verraten haben. Wo genau aber die angebliche Höhle sich befinden sollte, wurde von den Deutschen nicht geklärt.
Skorzeny hielt von einem Großangriff auf Drvar nichts. Er war auch überzeugt, daß die Partisanen bereits mit einem Angriff rechneten. 55Offenbar hatte er ein besseres Überrumpelungsmanöver im Hinterkopf: Er selbst wollte mit einem Trupp als Partisanen verkleideter Spezialkräfte Tito in seinem Hauptquartier hochnehmen. 56An den Erfolg einer derart groß angelegten Operation, wie es der „Rösselsprung“ wurde, glaubte Skorzeny nicht. Der Österreicher war sich sicher: Zu viele lose Mundwerke zu vieler Beteiligter plapperten im Vorfeld zu viel aus.
Der Österreicher schickte seinen Stabschef, Hauptsturmführer Adrian von Fölkersam, zu Ernst von Leyser, den Kommandierenden General des XV. Gebirgs-Korps, nach Banja Luka, um die Operation „Rösselsprung“ anzukündigen. Als Skorzeny sich schon wieder Richtung Balkan aufmachen wollte, erschien von Fölkersam in Friedenthal, dem Standort von Skorzenys Sonderverband „zur besonderen Verwendung“, und brachte schlechte Kunde. „‘Da stimmt etwas nicht!’, sagte von Fölkersam. ‘Der General hat mich sehr kühl empfangen, und ich glaube nicht, daß wir mit seiner Unterstützung bei diesem Einsatz rechnen können!’” 57Eine Funkmeldung aus Zagreb brachte Klarheit: Das XV. Korps bereitete einen eigenen Einsatz gegen das Hauptquartier Titos vor. General Rendulic und Generalfeldmarschall von Weichs hatten Pläne, in denen der schillernde Österreicher keine Rolle spielte. Skorzeny und seine z.b.V.-Truppe waren aus dem Spiel. Erst im September 1944 kam das SS-Fallschirmjäger-Bataillon 500 unter das Kommando des schillernden Österreichers.
10. Bruchlandung. Lastensegler im Pech
Die frühen Morgenstunden des 25. Mai 1944. Die SS-Gleitertruppen haben sich noch vor Sonnenaufgang auf die Lastensegler verteilt. Je neun Soldaten scharen sich auf den Flugplätzen Zagreb-Luèko und Zirklach zu den Gleiterpiloten. Jeder Pilot sitzt unter einer Klapphaube, jeweils neun Soldaten hocken hinter ihm auf einer gepolsterten Bank mit Haltegriffen. Der Rumpf besteht aus geschweißtem Stahlrohrfachwerk mit Stoffbespannung. Um 5.55 Uhr, als das erste Tageslicht durchbricht, werfen die Piloten der Schleppflugzeuge ihre Maschinen an. An das Führerhauptquartier wird das Codewort durchgegeben: „Rainer rollt an“. 58Die Schleppflugzeuge rumpeln mit ihren schwerbeladenen Seglern über die Startbahn. Einer nach dem anderen hebt mit einem Gleiter im Schlepptau ab. Die Gleiter werfen ihre Fahrgestelle am Ende der Startbahn ab. Landen sollen sie auf dreifach gefederten Gleitkufen aus Holz. Die Schleppflieger ziehen ihre Fracht in Höhen von gut 3.000 Metern. Richtung Südosten folgen sie erst der Save, dann dem Unac. Unter ihnen liegen Karstlandschaft, Schluchten, teils zerstörte Dörfer, Wiesen und unbestellte Äcker. Ein Teil der Flieger nimmt während des Fluges US-amerikanische Jagdflugzeuge wahr, die US-Bomber beim Anflug auf die Ölfelder und Raffinerien von Ploești nach Rumänien begleiten. Die Jäger bemerken die Schleppflieger nicht oder reagieren nicht. 59
Neben dem Fotografen Hans Jochen Karnath ist Viktor Schuller einer der wenigen deutschen Kriegsreporter, der die Operation auch am Boden begleiten soll. An Bord der Lastensegler sind auch schwerere Waffen: Flammenwerfer, schwere MGs und Mörser, sogenannte „Ofenrohre“. Im Anflug auf Drvar preschen die Schlacht- und Sturzkampfflieger an den Schleppmaschinen mit den Seglern vorbei und bombardieren den Talkessel.
Schullers späterer sechsseitiger Bericht trägt den treffenden Titel „Der Griff ins Wespennest“. Der Leutnant ist an Bord einer der Lastensegler. „07.05 Uhr: Die Schleppseile werden ausgeklinkt. Wie Papierschlangen flattern sie am Schwanzende der abdrehenden Schleppmaschinen, als wollten sie Abschied winken.“ Schullers Bericht ist persönlich, ein Minutenprotokoll, das nicht den Gegner lächerlich zu machen sucht, sondern den Lesern der Zeitungen und Zeitschriften im Reich ein packendes Zeugnis des Geschehens liefern soll. „Der Flugzeugführer ruft: Wir stürzen! Ich glaube, es ist mehr ein Fallen, ein Absacken, ein rasend schnelles Fahrstuhlfahren, das kein Ende nehmen will. Jetzt jault der Wind im höchsten Diskant durch alle Fugen.“ Der Höhenmesser fällt in rasender Geschwindigkeit. Berghänge, „das qualmende Dorf“, die Menschen am Boden - alles nimmt Form an. Die meisten Gleiterpiloten öffnen die Bremsfallschirme, um den steilen Abstieg abzumildern. „Dann kracht es, dann schüttelt es, daß die behelmten Köpfe aneinander scheppern. Einer schreit: Raus!“ 60
Die Mehrzahl der Partisanen am Boden ist zunächst wie gelähmt. Für jeden der Tito-Kämpfer ist es der erste Einsatz gegen Luftlandetruppen. Die allerwenigsten von ihnen haben schon mal einen Lastensegler gesehen. Die Partisanen sehen einen Lastensegler nach dem anderen steil über Drvar niedergehen. Sie glauben, die Segler seien alle von den noch intakten Flak-MGs abgeschossen worden, und führen wahre Freudentänze auf. Schon bald erfassen sie aber die Situation richtig und feuern aus ihren erhöhten Stellungen auf die gelandeten Deutschen in das Tal hinein.
Die Verluste des SS-Bataillons bei der Landung sind erheblich. Etliche Fallschirmjäger fallen dem Abwehrfeuer der Partisanen oder den Angriffen der eigenen Luftwaffe zum Opfer oder verletzen sich bei der Landung. Staub und Rauch, den die deutschen Bomber mit ihren Abwürfen auf das Stadtzentrum aufgewirbelt haben, erschweren den Gleiterpiloten die Sicht. Von den Lastenseglern werden drei bei der Landung zerstört, andere schon in der Luft von den Flak-MGs getroffen. Wieder andere erreichen nicht die vorgesehenen Landzonen, weil sie zu früh ausgeklinkt werden.
Fatal verläuft die Landung für den Gleiter, den Unteroffizier Werner Schubert steuert. An Bord sind Soldaten der Gruppe „Panther“. Schubert wird beim Niederstürzen des Seglers tödlich getroffen, bevor er den Bremsfallschirm lösen kann. Der Gleiter kracht in die Landezone, überschlägt sich, die ganze Besatzung stirbt. Auch einer der Gleitsegler mit Soldaten der „Stürmer“-Gruppe überschlägt sich bei der Landung, die meisten Soldaten kommen um. Obergefreiter Kielmann, Pilot der III. Gruppe des Luftlandegeschwaders 1 (LLG1) mit Männern der Gruppe „Draufgänger“ an Bord, schafft es zwar, den Gleitflieger zu landen. Sekunden später jedoch wird er von Partisanenfeuer tödlich getroffen. 61
Böse ergeht es auch dem Gleiter, den Oberleutnant Friedrich Bredenbeck von der III. Gruppe des LLG1 steuert. Im Gleiter sitzen SS-Obersturmführer Richard Schäfer und acht Männer der von ihm kommandierten Gruppe „Beisser“. Schon zehn Kilometer vor Erreichen der Landezone klinkt der Lastensegler aus, vermutlich weil er vom Boden aus beschossen wird. Bei Bastasi kommt er zu Boden. Ganz in der Nähe ist eine Kompanie von Titos Begleitbataillon stationiert, die das Tagesversteck des Partisanenführers sichert. Titos Leibgarde ist schnell zur Stelle. Die gesamte Besatzung des Gleiters wird im Nu von den Partisanen niedergemäht.
Drei weitere Gleitsegler - darunter die zweite „Beisser“-Gruppe - lösen sich zu früh vom Schleppflugzeug und weichen vom Landeziel ab. Zwischen Bastasi und Drvar kommen sie im engen Tal des Unac nieder. Von der geplanten Landezone trennen sie fünf Kilometer. Die drei Besatzungen stoßen auf eine weitere verdutzte Partisanengruppe. Ein kurzes Gefecht mit Handfeuerwaffen und Handgranaten geht zugunsten der Deutschen aus. Die 30 SS-Männer machen 70 Gefangene, die sie aneinandergefesselt im Gänsemarsch nach Drvar führen. Ein beteiligter Fallschirmjäger wird in Rüdiger Franz' Buch „Kampfauftrag: ‘Bewährung’“ mit den Worten zitiert: „Die nicht fielen, ergaben sich dann, daher die hohe Zahl an Gefangenen [...].“ Immer wieder „mußten wir zu den mitlaufenden Gefangenen aus Hütten (Bauernhöfe kann man zu diesen Katen nicht sagen) neue herausholen. Bei etwas mehr Courage hätten die uns so in Gefechte verwickeln können, daß wir kaum unser Ziel hätten erreichen können!“ 62Nach zwei Stunden taucht die Gruppe mit den gefangenen Partisanen im Schlepptau beim eigentlichen Ziel auf: „Warschau“. Den Luftbildern nach müßte dies eine Funkstation sein. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Wetterstation der Amerikaner.
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