»Ah … Wie konntest du …? Du bist so gut wie tot.«
Er lachte leise, doch es hörte schnell auf, da es ihm scheinbar Schmerzen bereitete. Eric stand über ihm, empfand eine zunehmend gefährliche Lust, den Schützen zu töten. Doch er hielt sich im Zaum, konnte allerdings kaum verhindern, dass sein langer Schwanz zielstrebig auf den Mann zu kroch. Langsam kam der Stachel zum Vorschein, berührte haargenau und kontrolliert mit seiner Spitze die Stirn des Mannes und zwang ihn, sich wieder auf den Rücken zu legen. Sofort wanderte der Stachel blitzschnell zum Solarplexus des Mannes und Eric hielt die Waffe an Ort und Stelle, spürte das Gift darin und hielt es zurück. Der Mensch erstarrte, traute sich kaum, zu atmen, da jeder Atemzug seinen Brustkorb anheben und den Stachel somit hineinzwingen konnte.
»Warum so still? Drohe mir. Na komm! Wer bist du? Woher kommst du? Was willst du?«
»Ich … Manou, mein Name ist Manou. Aus den Bergen, ich komme aus den Bergen!«, stammelte er und Eric erkannte in Manous Gedanken einen stechenden Schmerz, als der Stachel ein paar Millimeter tief in seinen Körper schnitt und stetig heißer wurde. Doch Eric ließ nicht locker, hatte das Gefühl, nur in eine Richtung gehen zu wollen. Als er den Stachel langsam vorantrieb, schrie der Attentäter.
»Weiter. Du hast versucht, mich zu töten. Sprich weiter.«
Eric spürte das warme Blut an der Spitze des Stachels, was beinahe einen Reflex auslöste, welcher das Gift mit hohem Druck injiziert hätte. Doch er hielt sich weiterhin zurück. Manou zitterte, konnte trotzdem keinen Funken Mitgefühl oder Erbarmen bei dem Jungen erkennen, welchen er so einfach hatte erschießen wollen. So antwortete er gehorsam.
»Ich bin Jäger, aus den Ewigen Wäldern des Herrschers. Ich lebe dort. Ich kam in seinem Auftrag hierher. Ich … ich dachte, du wärst … Ich musste doch … Ich weiß nicht … Bitte, ich habe eine Familie, bitte!«
Eric verwunderten die vielen ich`s, er dachte schnell über die mechanische Antwort des Jägers nach. Ewige Wälder? Auf dem Eis? Wo sollten die sein? Selbst für den Fall, dass sie weit weg wären und somit keine Erfindung, dann müsste der kleine Mann für den Auftrag sehr lange unterwegs gewesen sein. Um einen einzigen Jungen zu finden, welcher rein zufällig irgendwo auf einem Eisberg auftauchte? Und wer hatte ihn geschickt? Ein Herrscher? Eric sah in den Gedanken des Jägers eine erstaunlich große Holzhütte im Wald.
»Wald, sagst du? Ich sehe hier nur Eis. Neuer Versuch!«, fauchte Eric wütend. Der Schmerz in seinem Rücken hing noch immer in seinen Gedanken fest.
Manous anfängliche Überheblichkeit war wie vergessen, vor lauter Angst vergaß er völlig, was er gerade gesagt hatte. Er schielte auf den Stachel des Drachen, dann sah er nach oben, direkt in dessen glühende Augen. In seinen Gedanken sah Eric die nahende Erkenntnis, dass er sterben würde und gleichzeitig eine Art fanatische Überzeugung, dass das gar nicht sein könnte.
»Die Wälder des Herrschers, es sind seine! Ich bin mit ihm, stehe in seinem Dienst! Sie befinden sich weit von hier und doch in der Nähe, hinter der Gebirgskette dort drüben. Lass mich gehen, ich habe eine Familie!«
Eric durchsuchte die Gedanken Manous nach einer Frau oder Kindern, fand aber keine. Der Stachel bewegte sich weiter abwärts, einen weiteren Zentimeter, was in Manou eine Explosion an Adrenalin und Schmerz verursachte, da Eric jetzt den dicken Nervenstrang erwischt hatte, welcher genau an der Stelle verlief. Manou begriff, dass er die Wahrheit nicht verschweigen konnte. Die gedanklichen Fesseln des Drachen schnürten ihm die Kehle zu und er hörte auf, sich zu wehren. Er hatte ja doch keine Chance. Falls dies das Ende für ihn sein sollte, dann hatte der Herrscher gelogen. Er hatte ihm und seinen Freunden versprochen, sie zu beschützen. Beinahe hätte er es geschafft, mit dem vergifteten Pfeil den Drachenjungen zu töten. Aber der hatte mehr Kraft als der Herrscher gesagt hatte. Beinahe wäre eine Belohnung fällig geworden, die niemand sich erträumen konnte. Jetzt stand er kurz davor, mit dem Tod belohnt zu werden. Das alles war verkehrt, nicht nach Plan.
Eric las all diese Gedanken und sein Herz schlug schneller. Unentschlossen zog er den Stachel zurück und schlug ihn wütend neben Manous Kopf ins Eis, was dem eine Gehirnerschütterung verpasste und ihn durch die blitzschnelle Bewegung so schockierte, dass er brav liegen blieb, wie gelähmt durch ein lautes Pfeifen in seinem linken Ohr. Eric entfernte sich von ihm, wanderte gereizt über die Eisfläche. Während sich der Stachel fast widerwillig zurückzog und abkühlte, peitschte der Schwanz angespannt durch die Luft. Eric empfand dies als Warnung, durchsuchte seine Sinne nach Bildern oder Eindrücken, die ihm verraten konnten, was sich da entwickelte, aber noch war weder etwas zu sehen noch zu spüren. Nur riechen konnte er etwas. Ein herber, ekelhafter Geruch mischte sich unter den süßlich salzigen Duft des Eismeeres und die Geruchlosigkeit des eiskalten Windes. Er blickte kurz zum Horizont. Dunkelheit, die sich weiter näherte.
Manou bekam von all dem nichts mit, lag nach wie vor mit dem Rücken auf dem Eis, was ihn langsam auskühlte. Scheinbar hatte Eric eine Art Zweifel in ihm ausgelöst und so Manous Idee davon untergraben, dass es richtig wäre, den Jungen oder das Monster zum Schutz anderer zu töten. Manou schien von der Idee besessen, dass Eric um jeden Preis sterben müsse. Doch dass er jetzt noch lebte, was man schon fast mit Gnade oder einer Form von Mäßigung deuten konnte, schwächte dieses Vorhaben im Moment. Noch ehe die Zweifel jedoch richtig fußfassen konnten, hatte sich Manou schon dagegen entschieden. Der Herrscher hatte immer recht. Der Junge würde irgendwann sterben. Nicht heute, aber eben später. Er musste nur still liegenbleiben.
Eric drehte sich geladen zu Manou um, bohrte seinen Blick tief in dessen Seele und erhaschte darin eine Art Geständnis. Verdrängte Fetzen von Schuld und Erinnerungen. Er sah angewidert die Bilder von grausam zugerichteten Leichen. Tiere, Menschen … Darunter einige Kinder, die in ihrem eigenen Blut erfroren oder verfaulten. Feinde des großen Planes, Unwürdige, Verräter … Manou hatte keine Angst. Dafür war kaum noch Platz. Er spielte nur, kalkulierte. Eric schloss die Augen. Wenn er sich getraut hätte, dann hätte er den Mörder zu seinen Füßen gefressen. Doch war dies nur ein Traum, warum also sollte er? Eric hielt inne. Ein Traum … richtig. Zeit, aufzuwachen. In seinem Kopf brannten sich die schrecklichen Bilder ein wie ein glühender Metallstab in ein Stück weiches Holz. Eric sah Manou kalt an, verpasste ihm einen heftigen Schlag mit seiner Schwanzspitze, was dem kleinen Mann den linken Arm aufriss und die geschockte Gestalt meterweit über das Eis schleuderte. Eine wunderschöne rote Spur blieb zurück. Eric stieß sich kraftvoll mit den Hinterbeinen ab und schoss von dem kleinen Eisberg weg in Richtung Gebirge, wo er hergekommen war.
Langsam wurde Eric der Raum um sich herum bewusst. Seine Augen waren geöffnet, doch erst jetzt konnte er etwas sehen. Das leise, unheimliche Knistern der feuchten Erde in einem der Blumentöpfe holte ihn vollends zurück, als er sich träge daran erinnerte. Eric setzte sich auf. Sein Kopf fühlte sich schwer an, er fasste sich an die Stirn. Ein Verband mit Kühlpäckchen. So hatte Mia ihn ausschlafen lassen. Er wickelte die erhitzten Beutel ab und legte sie neben sein Lager, setzte sich seitlich hin und schlug die Decke zurück. Es musste Abend sein, denn aus dem Essraum drangen sehr leise die Gespräche und das Klirren der Messer und Gabeln herüber. Das späte Sonnenlicht, welches durch das große Fenster in den Raum fiel, wirkte wärmer als sonst. Und zur Essenszeit war es normalerweise ein wenig heller. Seit wann war er in diesem Raum? Eric stand auf, streckte sich, spannte die Muskeln an und plumpste zurück auf die Matratze. Seine Glieder waren noch etwas lahm und ein unfassbarer Hunger steckte ihm tief in den Knochen, er prüfte seinen Körper. Stark und wieder leistungsfähig. Sehr sogar. Aber wie? Gedankenverloren betrachtete er seine Hände, spürte die messerscharfen Krallen des Drachen. Offensichtlich war sein Geist noch immer damit beschäftigt, beide Gestalten zusammenzubringen. Er dachte an seine erste Begegnung mit dem Drachen. Warum waren sie überhaupt getrennt? Ein betäubendes Kribbeln irgendwo im Hinterkopf ließ ihn blinzeln. Viele Fragen.
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