Natürlich war das kein Trost gewesen, im Gegenteil, diese Worte – »Ihre Frau hat entschieden!« – waren ihr Todesurteil gewesen, von ihr selbst ausgesprochen … ohne ihn zu fragen.
Ohne mich zu fragen, hallte es ihm durch den Kopf.
Entrückt blickte Raymond-Lazare Landgraf zu Sipplingsberg auf die weißen und roten Rosen, die jetzt im Dunkel der Grube auf ihr Ende warteten. Er brachte es nicht über sich, eine Schaufel Sand auf den Sarg fallen zu lassen. Er wollte, dass dieser Albtraum endlich ein Ende fand. Er wollte aufwachen, Melissa in den Arm nehmen, ihr sagen, dass er sie liebte, ihr zuflüstern, dass sie sein Leben war, mit ihr lachen, mit ihr unbeschwert den Tag erleben, sie lieben, von ihr geliebt werden … All das wollte er …
… aber nicht jetzt eine Schaufel Sand auf ihren Sarg fallen lassen.
Nein, kein Abschied. Nicht für immer. Nicht heute. Vielleicht in fünfzig oder sechzig Jahren, aber nicht heute. Man stirbt nicht mit siebenundzwanzig .
Das Leben war ungerecht. Gott oder wer auch immer dafür verantwortlich war … er war ungerecht.
*
»Raymond, komm.«
Seine Mutter hakte sich schwerfällig und seltsam unbeholfen bei ihm ein – unbeholfen für sie, nicht für ihn, für ihn wäre ihre merkwürdige Zuneigung, wenn er darauf geachtet hätte, eher befremdlich gewesen –, und zog ihn zwei Schritte zur Seite, sodass die anderen Trauergäste nun auch Abschied nehmen konnten und anschließend, teilweise mit von Tränen verschmierten Gesichtern, teilweise mit Entsetzen im Blick, ihr Mitgefühl zum Ausdruck bringen konnten.
Raymond-Lazare ließ es geschehen, alles ließ er geschehen, bis Sibylle und Ingmar Scholz stumm vor ihm standen. Melissas Eltern. Aus toten Augen sahen sie ihn anklagend an. Hatten sie ihn überhaupt jemals angesehen? Er konnte sich nicht erinnern.
Sie hatten ihre Tochter verloren, ihr einziges Kind. Und Raymond-Lazare konnte es genau sehen: Sie machten ihn dafür verantwortlich. Er war schuld an allem. Nur er.
Sie waren mit ihm als Schwiegersohn nicht einverstanden gewesen. Nie hatten sie einen Hehl daraus gemacht. Robert Kleinert hätten sie gern an der Seite ihrer Tochter gesehen. Robert Kleinert, einen Zahnarzt. »Er wird dich auf Händen tragen«, hatten sie bis zum Schluss versucht, Melissa von der Heirat mit ihm – diesem Adligen – abzuhalten.
Doch ihre Tochter liebte ihn , nicht den Adligen, nur den Mann, den Mann Raymond – Ray nannte sie ihn liebevoll. All das versuchte sie, ihren Eltern deutlich zu machen. Doch sie verstanden sie nicht, wendeten sich enttäuscht ab.
Dem Anstand gehorchend kamen sie zur Hochzeit. Natürlich, man gab sich keine Blöße, man gab keinen Anlass für Geschwätz. Sie mieden aber danach jeglichen Kontakt. Melissa litt zutiefst darunter.
Die Schwangerschaft, die aufkommende Vorfreude auf das Kind, auf ihr erstes Enkelkind, brach das Eis ein wenig. Nach mehr als sechs Jahren gab es den ersten vorsichtigen Kontakt.
Aber jetzt … war sie tot. Ihre Tochter war tot. Mit siebenundzwanzig Jahre. Und er war schuld. Er, dieser Adlige .
All das las Raymond in ihren verzweifelten Augen, all das schrien ihm ihre Blicke kalt entgegen. Er fühlte sich hilflos.
Nie würden sie verstehen, dass sein Schmerz, der ihn beinahe zerriss, vielleicht ebenso groß war wie der ihre, und nie würden sie glauben, dass ihre Tochter es gewesen war, die diese schreckliche Entscheidung getroffen hatte, auch würden sie nie glauben, dass er diese Entscheidung niemals mitgetragen hätte.
Dennoch waren sie am Ende die Einzigen, die seinen Schmerz hätten nachempfinden können, wenn sie ihm diesen Schmerz zugestanden hätten. Sie hatten ihre Tochter, ihr Fleisch und Blut, verloren, er nur seine Frau, waren Gedanken, die ihnen ins Gesicht geschrieben standen.
Zittrig reichte er Sibylle Scholz die Hand. Worte kamen ihm nicht über die Lippen. Welche auch?
Sie sah ihn nur reglos an. Tot und kalt. Einen lang anhaltenden Moment.
Schließlich wendete sie sich ab, gestützt auf ihren Mann, der ebenfalls ohne versöhnliche Geste blieb. Und mit schleppenden Schritten gingen sie los, verließen sie den Friedhof – ohne Blick zurück.
Was für eine Anklage. Und was für ein Urteil, das sich zusätzlich bleiern auf seine Trauer legte.
*
Eine halbe Stunde später stand nur noch der engste Familienkreis am Grab zusammen. Seine Mutter, Fürstin von Brammen, sein Stiefvater, Fürst von Brammen, seine ältere Schwester Helen-Luciana, Gräfin von Hohenbrugg, mit ihrem Gatten und auch Silvana Larbang, die beste Freundin seiner verstorbenen Frau. Obwohl Silvana nach Meinung seiner Familie nicht hierhergehörte, wurde sie am heutigen Tag für Stunden in ihrer Mitte geduldet.
Raymond kannte Silvana kaum, im Grunde nur aus den überschwänglichen Schilderungen seiner Frau, und natürlich von der Hochzeit – sie war Melissas Trauzeugin gewesen –, doch selbst da hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt; auch war sie erst vor zwei oder drei Wochen wieder hierher an den Bodensee zurückgekehrt. Mel hatte sich unsagbar darüber gefreut. Vielleicht war es ihm auch deshalb wichtig, sie heute hier, in seiner Nähe, in Mels »engster« Nähe zu wissen.
Alle schwiegen, achteten mit gesenktem Blick nur auf Raymond. Teilnahmsvoll, so schien es. Zutreffender wäre eine andere, nicht so freundliche Umschreibung gewesen. Denn tatsächlich ging es ihnen nur um den Schein, zumal sie Raymonds Frau nicht einmal ansatzweise gekannt hatten, nie hatten kennenlernen wollen. Einen vorsichtigen Versuch, diese »Liaison« zu hintertreiben, die in ihren Augen keine wirkliche Liebe sein konnte, hatte Raymond rasch und vehement unterbunden.
»Diese Frau, Melissa Scholz, liebe ich mehr als alles andere. Sie wird meine Frau, ohne Wenn und Aber. Und wem das nicht passt, der hat bei uns nichts verloren«, hatte er damals unzweideutig verkündet.
Dem Anstand folgend war seine Familie zur Hochzeit gekommen. Auch sie waren nur kurz geblieben. Danach hatten sie kaum mehr als ein-, zweimal im Jahr Kontakt miteinander gehabt. Im Grunde traf man sich nur noch auf Beerdigungen, und auch mehr zufällig auf Vernissagen, Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Bällen der Gesellschaft und tauschte dort kaum mehr als Höflichkeiten und Klatsch aus.
Das galt bis heute.
Nur leider konnte man sich diesem bedauerlichen Anlass hier nicht entziehen.
Scholz! Was für ein entsetzlich bürgerlicher Name, und was für entsetzlich bürgerliche Menschen waren hier zusammengekommen. Um eine solche Frau trauerte man nicht in ihren Kreisen; müsste man dann nicht um jede Frau Müller, Schmidt oder Neumann trauern, die sich irgendwann einmal durch ihr Geld oder durch ihr Äußeres einen von ihnen geangelt hatte und am Ende ihres unnützen Daseins ebenso vergraben wurde wie diese Frau hier?
Was für eine erschreckende Vermutung, die seinen Verwandten sicher so und nicht anders durch den Kopf schlich – Raymond hätte seine Hand dafür ins Feuer gelegt.
Auch war seine Frau ja nicht einmal in der Lage gewesen, ein Kind anständig auf die Welt zu bringen. Dieser Gedanke ruhte als unausgesprochene Missbilligung sicher tief in ihren Seelen.
All das konnte man an der hochmütigen Haltung und an den kühlen, unnahbaren Blicken deutlich ablesen. Oh, wie kultiviert ihre Oberflächen doch waren.
Es war lediglich die Landgräfin, Melissas Titel, dem sie versuchten, hier auf dem Friedhof mit Respekt zu begegnen.
Anders verhielt es sich mit Silvana. Ihre Trauer war aufrichtig, und ihr Blick auf Raymond war voller Mitgefühl. Er hatte den wohl wichtigsten und zärtlichsten Teil seines Lebens verloren – sie sah und spürte es.
Schleppend wagte Raymond den ersten Schritt, weg von Melissa, weg von ihrer letzten Ruhestätte. Und sie blieb zurück, eingehüllt in weiße Seide, er wusste es, er sah es beinahe, doch er sah auch, dass sie nichts mehr wärmen konnte.
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