„Ich habe nicht gedacht, dass du herkommst.“
„Als ich von deinem Unfall erfahren habe, habe ich Panik bekommen. Ich habe mir gewünscht, dass ich in dem Auto gewesen wäre und nicht du. Und als ich auch noch erfahren habe, dass du bewusstlos bist, hatte ich Angst, dass ich dich verliere. Schließlich wusste ich nur das, was ich von Mason erfahren habe. Und der wusste selber nicht sehr viel.“
Seine Stimme bricht. Mir wird klar, dass ich ihm unrecht getan habe. Ich weiß, dass wir zwar noch darüber sprechen müssen, doch ich weiß, dass die letzten zwei Wochen alleine meine Schuld waren. Hätte ich mich nicht so verhalten, wären wir nicht in dieser Lage gelandet und vielleicht würde ich auch nicht hier liegen.
Diese Feststellung sorgt nicht unbedingt dafür, dass es mir besser geht. Doch es ist die Wahrheit.
Jax liebt mich. Er würde mich nicht verletzen , denke ich.
„Nicht weinen“, versucht er meine aufgebrachten Nerven zu beruhigen.
„Ich liebe dich“, wispere ich mit von Tränen erstickter Stimme.
„Ich glaube, wir müssen einiges besprechen. Aber das werden wir nicht jetzt und nicht hier machen. Ein Krankenhaus ist definitiv nicht der geeignete Ort. Jetzt zählt nur, dass wir wieder zusammen sind und du schnell wieder gesund wirst. Irgendwann werden wir die nötige Ruhe dafür haben.“
Liebevoll sieht er mich an. Es gibt einige Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Ich will mich bei ihm entschuldigen, dass ich nicht auf eine seiner zahlreichen Nachrichten geantwortet habe. Ich will mich bei ihm entschuldigen, dass ich ihm nicht gesagt habe, was ich mit angehört habe. Vor allem will ich mich aber dafür entschuldigen, dass ich ihn nicht schon viel eher darauf angesprochen habe.
Doch Jax hat recht. Es kann warten, bis es mir wieder besser geht und ich hier wieder raus bin. Gerade will ich mich nur an ihn lehnen und die Schmerzen vergessen, die mich wieder fest im Griff haben.
„Ich werde einen Arzt holen, damit er dich untersuchen kann“, sagt Jax und will aufstehen. Bevor er das machen kann, greife ich aber nach seinem Handgelenk und hindere ihn so daran.
„Nein“, sage ich bestimmt. „Bleib bei mir. Ich will gerade mit keinem Arzt sprechen. Erzähl mir lieber, was genau bei diesem Unfall passiert ist. Es war doch ein Autounfall, oder?“
Er kann einen Dickkopf haben. Doch den habe ich auch. Und das weiß er auch. Und ich weiß wiederum, dass er hin- und hergerissen ist. Doch nun bin ich es, die keinen Zweifel daran lässt, dass sie es ernst meint. Bevor ich mich mit einem Arzt auseinandersetze, der wahrscheinlich noch weitere Untersuchungen macht, will ich wenigstens die Kopfschmerzen vorher ein wenig verloren haben.
„Okay“, stimmt er schließlich zu, scheint sich jedoch nicht sicher zu sein, ob es wirklich die richtige Antwort ist. Darauf gehe ich allerdings nicht ein. Glücklich darüber lächle ich ihn an und lasse mich noch tiefer in die Kissen sinken. „Aber bist du dir sicher, ob du dich darüber unterhalten willst?“
„Ich brauche ein wenig Ablenkung von den Schmerzen.“
„Woran kannst du dich noch erinnern?“
Wieder habe ich die Bilder vor Augen, wie ich gegen einen anderen Wagen geschoben werde. Es waren nur wenige Augenblicke, doch mir kamen sie eindeutig länger vor. Und das ist auch jetzt noch so.
„Nicht mehr viel. Ich weiß noch, dass ich versucht habe den Wagen auf eine freie Fläche zu bringen, irgendwo auf die Straße. Doch er ist zur Seite gedrückt worden, sodass ich gegen einen Wagen gefahren bin. Wahrscheinlich war das auch gar nicht so schwer, da die Kreuzung sehr klein ist und ich nur etwas abgebremst habe.“
Bei meinen Worten kann ich beobachten, wie Jax sich anspannt. Seine Lippen bilden eine dünne Linie und der Kiefer ist angespannt. Seine Hand ballt sich sogar kurz zur Faust. Als er merkt, dass es mir aufgefallen ist, entspannt er sich schnell wieder. Dennoch weiß ich, dass es ihm schwerfällt.
Ich komme nicht drum herum mir vorzustellen, was ich machen würde, wenn er hier liegen würde. Ich wäre durchgedreht.
„Konntest du den Fahrer erkennen?“ Seine Lippen bewegen sich nicht, während er spricht.
Ich habe das Gefühl, als würde ich ihn enttäuschen, wenn ich Nein sage. Obwohl es die Wahrheit ist. Dennoch will ich ihm eine Antwort geben. Ich schüttle den Kopf und verziehe ein wenig das Gesicht. So zeige ich ihm, dass ich mir darüber bewusst bin, dass ich keine große Hilfe bin.
„Die Polizei versucht ihn zu finden. Doch da du ihn auch nicht erkannt hast, stehen die Chancen wohl nicht sehr gut, dass er auch wirklich wieder auftaucht.“
Ich spüre, dass ihm das nicht gefällt. Und dem kann ich mich nur anschließen. Zu gerne würde ich erfahren, wem ich es zu verdanken habe, dass ich hier liege. Dennoch ziehe ich es vor, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich will mich jetzt nicht mit dem Mann befassen. Zumal ich eh nicht sagen kann, wer er eigentlich ist.
„Woher weißt du das alles?“, erkundige ich mich stattdessen.
„Das ist wirklich eine interessante Geschichte, die ich dir nicht vorenthalten möchte. Deine Eltern haben es versucht, also etwas in Erfahrung zu bringen. Allerdings gab es da ein kleines Problem. Die Polizisten durften ohne mein Einverständnis nichts herausgeben. Durch die Hochzeit bin ich dein nächster Angehöriger geworden. Was soll ich sagen? Auf diesem Weg haben sie dann auch gleich erfahren, dass wir verheiratet sind.“
Schlagartig macht sich ein schlechtes Gewissen in mir breit. Mal abgesehen von meinen Freundinnen, habe ich niemanden von der Las Vegas Hochzeit erzählt. Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass es sich nie ergeben hat und dann war Jax schon weg und ich war mit meinen Problemen beschäftigt, von denen meine Mom dann erst Recht nichts wissen sollte. Ich bin mir sicher, dass sie sich bereits gedacht hat, dass etwas passiert sein muss.
„Und Mason wahrscheinlich auch.“
„Ja, das ist die nächste interessante Geschichte.“
„Oh Mann“, seufze ich.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen will, was als Nächstes kommt oder nicht. Doch ich bin mir sicher, dass ich es wissen muss, um meinem Bruder gegenüber treten zu können.
„Hattest du eine Ahnung, dass er es bereits weiß?“
„Was?“, frage ich ihn und verschlucke mich beinahe an meiner eigenen Spucke.
„Du hast schon richtig gehört. Er wusste von Anfang an, was zwischen uns ist. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mit dieser Information so einiges Sinn ergibt. Vor allem, dass er uns auf ein gemeinsames Date geschickt hat.“
Jax sieht nachdenklich aus. Doch auch meine Gedanken schweifen ab. Ich muss wieder an die Unterhaltung denken, die ich mit angehört habe und mit der dieses ganze Chaos erst angefangen hat. Jetzt wäre wahrscheinlich doch der passende Zeitpunkt, um ihn darauf anzusprechen, doch das mache ich nicht. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt. Doch ich bekomme die Worte nicht heraus.
Wahrscheinlich ist es seine Reaktion, vor der ich Angst habe. Doch ich weiß, dass es nur ein kleiner Teil ist. Es spielt nämlich alles zusammen.
„Denk nicht soviel darüber nach. Ich weiß, dass du es mit angehört hast. Nur das würde dein Verhalten in den letzten Wochen erklären. Und hätte Mason gewusst, dass du dich in der Nähe befindest, hätte er mich wahrscheinlich nicht geprüft. Doch auch diese Unterhaltung gehört mit dazu, dass er es bereits wusste.“
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich will etwas erwidern, irgendetwas, doch mir fällt nichts ein. Es ist egal, was mir in den Kopf kommt, nichts davon würde mein Verhalten erklären.
„Ich liebe dich. Und das werde ich auch immer. Ich habe nicht den geringsten Grund dich zu verlassen. Hätte ich das vor, hätte ich dich nicht gefragt, ob du mich heiraten willst. Und nach dem, was vorgefallen ist, werde ich dich nicht mehr aus den Augen lassen. Ich werde wie ein Schatten an dir kleben. Und um auf deine Eltern zu sprechen zu kommen, sie haben sich gefreut, auch wenn sie ein wenig überrascht waren.“
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