Das Sofa, fast schon eher eine Ottomane, war mit einem rosafarbenen Blumenstoff bezogen. Auf dem Tisch befanden sich eine Tiffany-Lampe und ein Ascher aus Kristallglas.
„Machen Sie, machen Sie“, drängelte Kalle. „Ich weiß zwar nicht, was Sie hier suchen oder finden wollen, aber nur zu“, war der mürrische Kommentar von dem Bordellbesitzer.
Gelangweilt ging er zu einem der Fenster, schob den Vorhang beiseite und sah scheinbar teilnahmslos nach draußen, obwohl er schon reges Interesse an den Amtshandlungen des Mordermittlers hatte.
Max schaltete die Deckenbeleuchtung wieder aus und ging zu dem Mahagoni-Sideboard, das sich neben dem Sofa befand. Er zog die oberste Schublade auf und sah nach einem flüchtigen Blick, dass ganz oben eine Art Notizkalender mit ledernem schwarzen Einband lag. Nachdem er ihn aufgeklappt hatte, las er „Tagebuch“. Die Buchstaben waren in Goldfarben gedruckt.
Max Herbst blätterte hastig auf die nächste Seite und registrierte sofort, dass es sich um ein sogenanntes Tagebuch mit den Kontakten ihrer Freier handelte. Es sah wie ein penibel geführtes Clubregister aus.
Höchstbrisant. Die Freier stammten fast alle aus den höheren Kreisen der hanseatischen Kaufmannsgilde. Was für ein Skandal, wenn diese Informationen in falsche Hände gerieten. Max beschloss, dieses Beweismittel erst einmal allein in aller Ruhe zu sichten.
Von den Namen eines Verlegers und bekannter Schauspieler, waren auch Reeder, ein stellvertretender Bezirksamtsleiter und ein Autohausbesitzer aufgeführt. Also ein bunter Querschnitt gehobener Berufe, aber wem stand es schon auf die Stirn geschrieben?
Einige Seiten fehlten ganz offensichtlich und waren wohl herausgerissen worden. Max klappte das Tagebuch zu und steckte es von Kalle unbemerkt in seine Jackentasche.
Hinweise auf Verwandte oder Bekannte des Opfers waren nach flüchtiger Durchsicht nicht vorhanden. Behutsam schob er die Schublade wieder zu. Der Fund war für Max eine äußerst sensible Angelegenheit. Er würde mit niemandem darüber reden. Im Zweifelsfall könnte es sein Ass, ein bedeutender Trumpf, bei diesem üblen Verbrechen sein.
„Gibt es Sparbücher oder Bargeld, Herr Bis?“
Kalle riss sich von dem Fenster los und wandte sich wieder Max zu.
„Sparbücher nicht, Geld gab sie mir zur Aufbewahrung. Ist aber nicht mehr viel übrig. Sie hat ja immer teure Klamotten gekauft und die Miete…und, und, und“, gab Kalle weinerlich Auskunft.
Dieser Schweinehund. Hat sie bis zum Letzten ausgebeutet. Andererseits dürfte er wohl kein Motiv gehabt haben, sie zu töten oder doch…? Warum wurde gerade sie zum Opfer? Hatte sie sich mit den falschen Leuten eingelassen? , dachte Max.
Nach etwa fünfzehn Minuten verließen Herbst und Bis das Zimmer des Opfers.
„Na, sehen Sie, Herr Herbst, nichts gefunden. Den Weg hätten wir uns sparen können“, war der lakonische Kommentar von Kalle.
„Ist ja gut, Herr Bis. Man weiß ja nie. Immer nach dem Sprichwort: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, antwortete Max.
Als Herbst und Bis wieder unten im Salon eintrafen, hatte Toni gerade die letzte ausgefüllte Vorladung auf den Tisch gelegt.
„So, Herr Bis! Wir nehmen Rücksicht auf die Damen und Herrn Knappe, haben sie erst für nachmittags vorgeladen. Frau Schmidt beginnt, dann Frau März, danach Frau Maurer und zum Schluss Leck-Hans.
Wiedersehen. Wenn wir weitere Fragen haben, hören Sie von uns.
Halten Sie sich bitte zur Verfügung!“ verabschiedete sich Herbst und sah Puff-Kalle noch einmal scharf in die Augen, während Toni schon kommentarlos auf dem Weg nach draußen war.
„Und, Herr Herbst, was gefunden. Beweismittel oder so?“, fragte Toni mit Blick auf Max, während er den Ford-Granada startete.
„Nein, nichts“, log Max, während er den Kopf schüttelte und absichtlich einen geistesabwesenden Eindruck erkennen ließ, als er eine Eintragung in seinem Merkbuch vornahm.
„Fahren Sie schon, Herr Meyer, unsere Zeit ist begrenzt“, sagte Max.
Nachdem Max Herbst und Anton Meyer in ihrem Büro eingetroffen waren, stand Ines bereits erwartungsvoll auf der Matte.
„Max, der Sachverständige der KTU hat sich gemeldet.
Er hat die Fingerabdrücke der Leiche sofort als Eilsache gecheckt und einen Treffer gelandet.
Die Sabrina heißt Miranda Genc, ist zwanzig Jahre alt und wurde in Pristina im Kosovo geboren. Sie kam als Sechzehnjährige als unbegleiteter Flüchtling über die DDR nach Westdeutschland und wurde mit Fingerabdrücken in der Flüchtlingsunterkunft Zirndorf registriert. Die Prints wurden im Ausländer- Zentral- Register erfasst und an das BKA weitergeleitet, wo sie in dem automatischen Fingerabdruck- System gespeichert wurden. Es gibt keine Zweifel. Ansonsten ist sie noch nie kriminalpolizeilich aufgefallen. Aber, sie ist, beziehungsweise war, illegal. Es gab damals nur eine Duldung, die zweimal verlängert wurde und nach einem weiteren Jahr sollte sie zurückgeführt werden. Das war nicht möglich, weil sie untertauchte.
Der Bericht folgt“, ratterte Ines herunter.
„Ja, in der BRD gibt es für Illegale nur drei Möglichkeiten zu überleben. Erstens putzen, zweitens Puff und drittens einen deutschen Mann heiraten in der Hoffnung, dass er sie in kein Bordell steckt.
Danke für die Info, Ines“, sagte Herbst, während Ines bereits wieder auf dem Weg in das Geschäftszimmer war.
„So, Toni.
Sie fahren jetzt in das Polizeipräsidium am Berliner Tor zur Kriminalaktenhaltung und werden sich einmal die Kriminalakte von Kalle Bis ansehen.
Notieren Sie die Delikte, in die er involviert war mit den entsprechenden Daten und eventuellen Mittätern. Ich möchte einen präzisen kriminellen Lebenslauf dieses Mannes haben. Normalerweise rufe ich dort an und lasse mir die Akte telefonisch vorlesen. Aber für den Buchstaben B ist eine Angestellte verantwortlich, die ein unverständliches Deutsch spricht. Sie scheint aus dem Ostblock zu stammen. Es kam in letzter Zeit immer wieder zu Missverständnissen. Deshalb fahre ich ständig rüber, wenn ich Beschuldigte aus diesem Buchstabenbereich habe, auch wenn es zeitaufreibender ist.
Wenn der Auftrag erledigt ist, fahren Sie noch einmal zum Klinkenputzen in Tatortnähe. Stellen Sie sich an den Fundort des Opfers und prüfen Sie die umliegenden Hausfassaden. Wer könnte etwas gesehen haben? Dann klingeln Sie bei den Personen, die als mögliche Zeugen in Betracht kommen könnten und vernehmen diese gegebenenfalls.“
„Gut, Max, äh…, ich meine, Herr Herbst.“
„Na, dann gehen Sie schon!“
„Behörde, Behörde“, überlegte Max Herbst. Ein Stammfreier von einer Behörde. Wer sollte das sein? Kommt meistens mittwochs in der Nacht. Wer war dieser Mann von der Behörde. Wer zum Teufel war er eigentlich. Wie hing er in der Sache drin? Könnte noch interessant werden. Hoffentlich keine hochgestellte Persönlichkeit oder war das nur eine Trugspur aus dem Rotlichtmilieu?
Max fragte sich, ob er tatsächlich auf der richtigen Spur war oder wollten die Luden ihn lediglich auf eine falsche Fährte locken, einfach von sich ablenken. Gab es einen Haken bei der Geschichte?
Er schweifte in Gedanken ab zu seinem neuen Praktikanten, den er wohl erst noch zurecht stutzen musste:
Diese rote Hose! Einfach ein absolutes No-Go. Wenn der morgen wieder so kommt, dann raste ich aus. Übermorgen kommt er womöglich in kurzer Hose und Badelatschen zum Dienst, wenn die Temperaturen weiter steigen. Aber nicht mit mir.
Kriminalkommissar Max Herbst versuchte, seinen Ärger herunter zu schlucken und seine Gedanken auf das Wesentliche zu konzentrieren:
Wir könnten zur Beweissicherung bei dem Bordell in Blankenese eine stationäre Observationsstelle einrichten lassen. Nur für etwa zwei Wochen. Vielleicht tut sich ja etwas. Gästemäßig beispielsweise. Vielleicht landen wir so einen Volltreffer. Hoffentlich hat das LKA Kapazitäten für so was frei. Na, nochmal bis morgen warten.
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