Er tastete nach einer Zigarette, nahm sie und zündete sie an. Das Dupont-Feuerzeug machte ein lautes kratzendes Geräusch. In dem Augenblick klingelte das Telefon. Kalle hob den Hörer ab und lauschte ein paar Sekunden, sagte dann:
„Hallo…, ja, ja, ich melde mich später“, bevor er das Gespräch beendete.
„Wo wohnte Sabrina?“, führte Max die Unterredung fort.
„Hab ich doch schon gesagt, nur hier im Haus, hatte oben ein Zimmer für sich“, raunzte Kalle ihn an.
„Wer war letzte Nacht an Personal und Gästen hier anwesend?“, fragte Herbst.
„Es muss doch keiner wissen, wer mit wem oder so! Diskretion ist angesagt…ist ja auch das Motto des Hauses, Herr Kommissar“, erwiderte Kalle Bis mit schwerem Atem.
Max hatte den Eindruck, dass Kalle` s larmoyantes Gerede einfach nur gekünstelt und theatralisch von ihm in Szene gesetzt wurde.
„Herr Bis. Wir sind nicht von der Konzessionsbehörde, aber auch nicht blöd, wie Sie vermuten. Also, klare Kante, sonst…!“
„Was sonst?“, war der lachende, flapsige Kommentar von Kalle, dessen Lachen übermütig klang und Max Mühe hatte, ihn zu verstehen.
Max änderte seinen Tonfall und versuchte es mit Strenge:
„Beleidigen Sie nicht meinen Scharfsinn, Karl-Heinz Bis. Wenn Sie nicht kooperieren, werden Sie mich dafür verantwortlich machen können, dass hier Razzien ohne Ende stattfinden werden. Danach können Sie feststellen, ob sich unsere Maßnahmen umsatzfördernd auf Ihre Geschäfte ausgewirkt haben, Herr Bis. Also, entscheiden Sie sich!
Das hier ist der Ort des Verbrechens.
Wir behalten uns vor, Ihnen jederzeit lästig zu sein, solange, bis wir zum Erfolg gekommen sind. Damit das klar ist, Herr Bis!“
Kalle, dessen gute Laune und Siegesgewissheit schlagartig verflogen war, bemühte sich um Schadensbegrenzung.
„Mensch, Jungs. Es sind doch nur hochkarätige Gäste hier, die sich in ihrem Licht sonnen wollen. Es ist ein Salon der besonderen Art, wo jedermann seine speziellen Neigungen ausleben kann. Eben ein Prominentenclub erster Sahne.
Macht ihn mir doch bitte nicht kaputt oder wollt ihr mir Schwierigkeiten bereiten? Ich habe große Pläne mit diesem Club. Außerdem strebe ich einen Öko-Puff an. Hier werden in Zukunft nur noch Bräute aus der Region arbeiten, Herr Kommissar, ha, ha.
Hole doch nur die erwerbslosen Damen von der Straße, damit sie dem Sozialamt nicht zur Last fallen. Ist quasi so eine Art Unterstützung für den Staat“, säuselte Kalle mit einem schmierigen Grinsen.
„Ich brauche einfach Frauen, die Stil und Klasse haben. Solche, die in der Lage sind, halbwegs sinnvolle Sätze in deutscher Sprache herauszubringen. Konversation nennt man so was wohl. Dabei sollen sie Champagner saufen und die Freier animieren. Wir suchen stets hochklassige Bräute, die sich hier verwirklichen können. Sie müssen aber spezielle Typen sein, die meinem Club die unverwechselbare, reizvolle Atmosphäre geben.
Aber, die kann man leider nicht so leicht finden. Da müssen wir schon gegenhalten, sonst schwinden die Umsätze und wir sind mause. Ich mache keine öffentliche Werbung für meinen Club. Alles regelt sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda.
Wir brauchen hier keine Internationale Gartenausstellung oder einen militärischen Flottenverband, der auf einmal 3000 Matrosen ausspuckt. Das ist eh nicht unsere Klientel. Wir sind kein Matrosenpuff.
Nein, wir haben die Großverzehrer dieser Stadt, die hanseatische Gesellschaft im Visier, die nicht auf die Mark schaut. Sie sind es, die wir haben wollen und auch bekommen. Aber, Verschwiegenheit ist das Motto des Hauses. Dafür müsst ihr doch Verständnis haben“, jammerte Puff-Kalle mit aufgesetzter Leidensmiene, während er Max Herbst stramm in die Augen sah und auf Zustimmung wartete.
„Ich wiederhole mich nicht gern, Herr Bis. Reden Sie nicht solch einen Blödsinn und hören Sie auf zu schleimen!“
Kalle schluckte schwer und schnaufte. „Tja…, wenn’s dann sein muss“, stöhnte er theatralisch mit einem hörbaren Seufzer und kam endlich zur Sache:
„Also, die Bardame Biene Schmidt, Leck-Hans, also Hans Knappe, Helma März, Angelika Maurer und wie gesagt Sabrina, mehr nicht - waren nur schwach besetzt“.
„Und die Freier…, waren Stammgäste darunter?“, fragte Herbst.
„Muss das sein? Hm, ja, einer…, der von Sabrina. Der ist aber schon um halb drei gegangen. Er kommt seit einem Jahr regelmäßig, meistens mittwochs gegen Mitternacht.
Gestern war eher die Ausnahme. Soll einer von der Behörde sein, wie ich aufgeschnappt habe“, antwortete Kalle zögerlich.
„Geht’s auch etwas präziser, Herr Bis?“
„Ich weiß nicht, kenne den nicht…Er kommt immer sehr scheu und stiekum hier rein.
Hat dann meistens einen schwarzen Mantel an und trägt einen schwarzen Hut tief ins Gesicht gezogen. Ist auch nur so klein wie Sabrina. Er verschwand dann immer sofort in Sabrinas Zimmer. Die Gäste laufen hier ja alle nackt rum.
Der Typ zieht sich bei ihr aus und wenn die mal an die Bar gehen, dann trägt er eine Maske wie andere Freier übrigens auch. In der Regel war er nach gut drei Stunden verschwunden. Soll ein großzügiger Gast gewesen sein.
Sabrina klagte mir einmal, dass er sich total in sie verknallt hätte und ihr die Besuche langsam lästig würden.“
„Kalle, haben Sie etwas gehört? Stimmen, einen Streit, ein Handgemenge?“
„Nein, nichts von alledem. Ich war ja auch nicht in der Nähe, war drinnen. Ich hatte im Lagerraum den Bestand an Spirituosen geprüft, wenn Sie verstehen? Wie soll ich da was hören können? Die Tür war zu und außerdem hat der Raum kein Fenster.“
„Hm, weiter Kalle.“
„Sabrina…, sie fehlt mir so. Sie war jung, schön, jetzt ist sie tot“, flüsterte Kalle, während er sich einmal theatralisch mit dem Handrücken über die Augen wischte.
Max hörte das Geplapper und dachte:
Arschloch, dieser widerliche Lude. „Wir wollen doch alle wissen warum, oder nicht, Karl-Heinz Bis?“, sagte Max mit scheinbarer Anteilnahme in der Stimme.
„Ja natürlich, Herr Kommissar. Nicht nur warum, sondern auch, wer es war.“
„Ach ja, Kalle. Hätte ich fast vergessen“, beendete Max Herbst den kleinen Schlagabtausch.
„Gut, Karl-Heinz Bis. Herr Meyer wird jetzt vier Zeugenvorladungen für die Frauen Schmidt, März, Maurer und Herrn Knappe ausfüllen und hier lassen. Sie überreichen den Frauen und Ihrem Türsteher bitte heute Abend die Ladungen. Wir möchten sie morgen zur Vernehmung in unserem Büro sehen. Nun gehen wir beide einmal nach oben und Sie werden mir das Zimmer von Sabrina zeigen.“
„Hm…, dann kommen Sie!“
Kalle Bis ging die steile Treppe hinauf in das Zimmer mit den schrägen Wänden, Max folgte ihm.
Es war schon eine Luxusabsteige mit Hochbetrieb jede Nacht. Das besondere an diesem Etablissement war, dass sogar in den kleinsten Zimmern ein Bidet installiert wurde. Wenn die Dirnen vor ihrem Einsatz diese Art der Spülbecken benutzten, konnte man durch die dünnen Zimmerwände stets das Rauschen des Wassers hören.
Der Bordellbesitzer Puff-Kalle betätigte den Lichtschalter und eine grelle Deckenlampe erleuchtete den Raum. Dieses war also der einzige private Zufluchtsort des Opfers.
Der Fußboden war mit einem graumelierten Flokati-Teppich bedeckt, der nach minderer Qualität aussah und einen leicht muffigen Geruch von sich gab.
An den beiden Fenstern befanden sich dunkelrote, schwere Vorhänge, die zugezogen waren und die Sicht nach draußen versperrten. Die horizontal verlaufenen Falten der Vorhänge reichten bis auf den Teppich.
Die Wände waren mit englischen Samttapeten, auf denen sich ein dunkelgrünes Rosenmuster befand, tapeziert. Das Mobiliar bestand aus einem runden Tisch aus Mahagoniholz. Die vier Stühle waren passend dazu ausgewählt worden.
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