Der Griff, der mich gefangen hielt, lockerte sich, wurde nachlässig - vergaß. Meine Chance!
Schnell wand ich mich aus der Bemächtigung der für mich fremden Frau. Doch diese, als geübte Mutter durchaus auf solche Attacken vorbereitet, festigte erneut ihren Griff und sah abschätzig zu mir herunter. Wut stieg in mir auf - türkisgrüne Wut. Sie betäubte mich, ergriff mich, zog mich in ein giftgrünes Gefühlschaos. Niemals würde ich zulassen, dass mich irgendjemand festhielt, niemals. Ich mobilisierte all meinen Mut und meine Kraft. Meine Oberschenkel zuckten, mein Fuß hob sich. Blitzartig und für meine Peinigerin völlig überraschend trat ich ihr an das in kostbaren Stoff gekleidete Schienbein. Damit hatte die zweifache Mutter wohlerzogener Jungs nicht gerechnet. Unvermittelt ließ sie mich los und griff mit beiden Händen an die Stelle, wo ich sie mit voller Wucht getroffen hatte. Meiner plötzlichen Freiheit gehorchend, setzte ich mich in Bewegung. Schnell, immer schneller rannte ich, geschickt um die Kinder und Muttis zirkelnd, in Richtung nach Hause. Ich musste sie retten, musste bei ihr sein, wenn er erneut zuschlug.
Noch einmal drehte ich mich um, ohne auch nur geringfügig das Tempo zu drosseln, in dem ich über den Platz rannte. Die genauestens festgelegten Gruppen mit ihrer scheinbaren Vornehmheit und Arroganz lösten sich auf in gemeinschaftlichen Tumult. Hier taumelte ein Kind, das ich in meiner wilden Flucht angestoßen hatte, dort rief eine Mutter, die mich gesichtet haben wollte. Hände griffen nach mir, ich wand mich und entkam. Manch Eine stellte sich mir siegessicher in den Weg - und doch - ich flog. Erst ihnen allen davon, dann auf die Nase.
Ich hatte einen dieser „ach wie putzigen“ Kinderrucksäcke mit netten kleinen Marienkäfern darauf übersehen und mich der Länge nach auf dem harten Asphalt ausgestreckt. Noch einmal spürte ich den starken Willen zu entkommen, der alles in mir beherrschte, doch es war zu spät. Ehe ich es mich versah, waren meine Verfolger um mich versammelt. Hart wurde ich am Oberarm gefasst und in die Höhe gezogen. Ein kurzer, musternder Blick. Kein Blut! Keine Schrammen! Alles gut! Unsanft brachte man mich zurück in die Gefangenschaft.
„So ein unerzogenes, undankbares Geschöpf“ wisperte und tuschelte es hinter mir und wie sehr man doch meine arme Mutter bedauern müsse. Wieder stiegen Angst und Verzweiflung in mir auf. Er würde sie töten!
Tränen schossen mir in die Augen, ich schrie. Doch Keiner sah meine Tränen, Keiner hört mein Schreien, keiner spürte meine Angst. Es war in mir - unsichtbar und besser so. Einen zweiten Fluchtversuch gab es nicht. Der Kreis um mich wurde enger gezogen und für ein Kind, sei es noch so einfallsreich und wehrhaft, nicht zu durchbrechen.
Als der Bus auf den Platz auffuhr, war alles wieder in seiner gewohnten Einvernehmlichkeit und scheinbaren Ordnung. Grob wurde ich in das Gefährt geschoben, der an beiden Ausgängen von übereifrigen Muttis bewacht wurde, die einen erneuten Ausbruchversuch meinerseits fürchteten. Keine Chance für kleine Mädchen. Missmutig setzte ich mich, dicht gedrängt an eines der Fenster. Trotzig, wurde später gesagt -trotzig hätte ich mich in die Ecke verzogen. In kürzester Zeit war der Fahrgastraum gefüllt mit all denjenigen und dem, was noch kurz zuvor den gesamten Kirchplatz eingenommen hatte. Der Rest konzentrierte sich rund um das Gefährt, reckte und streckte sich hinauf zu den Fenstern. Eltern drängten sich noch einmal hinein, Kinder noch einmal hinaus. Es wurde umarmt, geküsst, verabschiedet, als gäbe es kein nächstes Mal. Ich beugte mich unter den Fensterrand. Verbarg mein erhitztes Gesicht hinter meinen Locken. Das Gefühl der Liebkosung auf meiner Stirn war einem schmerzhaften Pochen meines rechten Oberarmes gewichen, an dem ich kurz zuvor zurück in den Gehorsam gezogen worden war. Mein Kopf dröhnte, meine Gedanken rasten. Ein heftiges Zittern durchfuhr den Bus, meinen Körper, ein Rucken nach vorne und die Welt da draußen löste sich auf, blieb einfach dort, wo sie war, zurück. Ich versank noch tiefer hinter der eiskalten Glasscheibe des Busses, die meine Stirn angenehm kühlte. Langsam, ganz langsam wich das Giftgrün meiner Seele dem sanften, stillen Dunkel meiner Phantasie. Die so quälend fröhlichen Stimmen, das so aufdringliche Gelächter, Getuschel und Geschwatze schien mit jedem Meter, den der Bus sich durch den Wald hinauf auf den Königstuhl arbeitete, leiser zu werden. Blieb zurück, dort wo alles ist. Meine aufgewühlte Seele kam zur Ruhe, zu tiefschwarzer Ruhe. Vorsichtig hob ich den Blick. Ich hatte mich aufgelöst. Glitt mit dem Schatten meines Reisegefährtes über steile Böschungen, durch graues Laub, das wild aufgestöbert durch die Luft tanzte und gleißendes Sonnenlicht, das ab und zu seinen Weg durch das dichte Sommerblätterdach auf den kühlen Waldboden fand. Ein unsanfter Stoß in die Rippen brachte mich zurück. Wie ein Schlag ins Gesicht trafen mich die Stimmen. Einen Moment lang gab mein Körper dem plötzlichen Geschwindigkeitsabfall des schweren Wagens in einer der 180 Grad - Wendung nach, um dann kurz darauf wieder in den Sitz gedrückt zu werden. Immer steiler und kurvenreicher wurde die Straße hinauf zum Bierhelderhof, unserem Ziel. Empört wandte ich mich in die Richtung, aus der der Angriff kam und sah in zwei lustig funkelnde, blaue Augen, die mich neugierig anschauten. Rotblonde Haare umrahmten das sommersprossige Gesicht. Und die kleine, leicht sonnengerötete Stupsnase zeigte direkt gen Himmel, in diesem Fall gen Bushimmel.
Fröhlich wippte sie auf dem Platz neben mir auf und ab und musterte mich dabei neugierig.
Als offensichtlich unwichtig erkannt, drehte ich mich wieder ab, um erneut in meine Tagträume zu flüchten. Doch auch diesmal ließ sie mir keine Chance, zog mich am Ärmel und sah mich unverwandt an. Wieder sah ich in dieses freundliche, lustige Gesicht und konnte mir ein Lächeln nur schwer verkneifen. Irgendwie hatte sie wohl das Zucken um meine Mundwinkel bemerkt und grinste mich nun mit einem Lächeln an, das mich mit der Welt und meinem Schicksal versöhnte.
Gut, ich war gefangen in diesem Bus mit all seinen gut gelaunten, fröhlichen Kindern. Jedes in seiner Abteilung, genau festgelegt nach sozialer Herkunft. Und ja, ich wurde abgeschoben in ein Sommerferienauffanglager für ungewollte Kinder, aber da gab es jemanden, der mich so herrlich anlachte, als gäbe es nichts Schöneres auf dieser Welt, als neben mir in diesem Zeltlagertransport zu sitzen. Plötzlich wurde alles ganz leicht, ganz klar und einfach.
Der Bus fuhr aus dem Wald heraus auf einen kleinen Parkplatz, wo bereits drei weitere Busse hielten. Aus dessen Türen strömten unablässig Kinder. Hüpfend, lachend, plappernd zog sich ein Strom von buntem, lebendigem Dasein am Waldrand entlang zu einem etwas erhöht liegenden Haus am Ende eines Maisfeldes. Auch unser Bus schob unter Stöhnen die Glastüren auseinander und entließ uns in den Strom von Sommer, Sonne, heißem Asphalt und kühlem Wald. Esther, meine neue kleine Begleiterin, und ich verschmolzen mit dem bunten Treiben und flossen mit all den anderen in die Gefangenschaft des Freizeitgeländes. Sicher eingezäunt, dass auch ja keines verloren geht. Wir mussten wohl so ziemlich die Letzten der zu erwartenden Kinder gewesen sein, denn wie von Geisterhand schlossen sich die großen eisernen Flügeltüren hinter uns und machten ein Entkommen endgültig zu Nichte.
Panik durchfuhr mich erneut. „Er wird sie töten“ schoss es mir durch den Kopf.
Instinktiv suchte ich nach einer Fluchmöglichkeit, einer Lücke im Zaun, einer flachen Stelle in der Mauer, die es durchaus zu überwinden ging. Mein Blick durchforstete die große Wiese mit den riesigen, weißen Zelten, die dort extra für die Dauer der Ferien aufgeschlagen worden waren. Wanderte entlang des Zaunes zu dem Spielplatz auf der anderen Seite, auf dem eine ausgediente Dampflok, kindgerecht ungefährlich gemacht, stand. All das wirkte wie ein Traum. So unwirklich wie ich, hier mitten in dieser Schar kreischender, von Ferienlaune erfüllter Kinder. Als hätte Esther meine Gedanken und Gefühle gespürt, schob sie ihre Hand in die Meine.
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