"Es ist spät, Alice" - sagte er mit großer Besonnenheit. "Ich habe noch zu thun. Und auch Du -." Er vollendete nicht die Bitterkeit, welche auf seinen Lippen lag, als er Alicen erblassen und in einen Strom von Thränen ausbrechen sah.
"So ist es wirklich aus?" - sagte sie nach einer Weile, indem sie sich erhob. "O Richard. Jetzt, wo mein Stolz sich zwischen uns gelagert hat, kann ich Dir sagen, daß es nur eines Wortes von Dir bedurft hätte, um jedes andern Glückes außer des von Dir mir gewährten zu entsagen. - Vielleicht aber ist's besser so." -
Sie warf den Mantel um und legte die Maske vor das Gesicht.
"Auf Wiedersehen morgen früh, oder vielmehr heute früh, denn Mitternacht ist wohl längst vorüber. Lebe wohl, Richard." Sie reichte ihm die Hand. "Laß uns ohne Groll scheiden. - Du hast mir sehr, sehr wehe gethan, aber ich schwöre es Dir bei Gott - nein, das ist eine Redensart - bei der Seele meines Kindes - das Du so oft auf Deinem Schooße gewiegt, ich werde Dich nie, nie hassen können. Denn Du bist der einzige Mann, den ich als Mann kennen gelernt. Lebe wohl."
Ehe noch Landsfeld ihren Abschiedsgruß erwiedern konnte, hatte sie bereits das Zimmer verlassen. Er öffnete das Fenster. Eben trat sie auf die Straße. Ihr faltenreicher schwarzer Mantel, unter dem zuweilen die weißen Beinkleider hervorblickten, flatterte noch lange im Scheine des hellen Mondlichtes und verschwand endlich den Blicken des Nachsehenden.
Landsfeld trat vom Fenster zurück. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen quälenden Gedanken davon verscheuchen. Dann richtete er sich hoch auf. Ein Siegeslächeln schwebte auf seinen Lippen, aber ein reineres als jenes höhnische Lächeln triumphirender Schadenfreude, das seinen Mund verzerrte, als er das Billet Lydia's gefunden.
"Ich will eine Entscheidung" - sagte er im lauten Selbstgespräch - "der letzte mögliche Beweis muß geprüft werden. Soll ich mich ewig mit der quälenden Ungewißheit foltern, ob es sich lohnt, an die Menschen zu glauben oder nicht? Soll ich immer wieder aus der Seelenruhe gleichgültiger Verachtung aufgestört werden durch die heuchlerische Hoffnung, es sei doch wohl ein Irrthum von mir, mit jeder Wahrheit in der Menschenbrust abschließen zu wollen? - Ich will Gewißheit haben, ich will ganz versöhnt sein mit den Menschen - und ich bin es, sobald ich Einen finde, von dessen Wahrheit ich so fest überzeugt bin, daß auch die Möglichkeit eines Zweifels undenkbar wird - oder ich will für immer das Recht haben, überall Schein zu sehen! - Darum, Alice, mußten wir uns trennen, Du giebst mir nur halben Glauben, bei Dir wird meine Sehnsucht nach der lautern und ungeschminkten Reinheit des weiblichen Herzens nur brennender und qualvoller. Aber Du kannst diesen Durst nicht löschen; und ich will nicht länger dürsten; wie der Wanderer in der Wüste suche ich nach der grünenden Oase - ich will nicht länger suchen. Noch einen Schritt will ich thun, noch einer Spur will ich folgen. Führt auch diese mich nur in die Irre, so will ich sagen:
Es giebt keine Quelle der Wahrheit in dem Weibesherzen."
Er setzte sich, um ein Billet an Cornelien zu schreiben, worin er ihr sagte, daß sie sich um 5 Uhr früh bereit halten sollte. Er siegelte es und rief seinen Diener.
"Carl, Du gehst sogleich nach dem Gasthof zum weißen Strauß, weckst den Portier, wenn er schon schläft, und giebst ihm dieses Billet mit der Weisung, es entweder gleich oder noch vor Sonnenaufgang an seine Adresse zu geben."
Dann schrieb Landsfeld noch einen andern Brief, an Lydia, worin er sie bat, sich um das etwaige Ausbleiben ihres Verlobten nicht zu ängstigen. Er gab als Grund das Duell an, da sie doch möglicher Weise durch einen Dritten davon hören könne, und dann ihre Unruhe noch größer sein würde; versicherte ihr aber auch zugleich auf sein Ehrenwort, daß er fest entschlossen sei, seinem Gegner kein Haar zu krümmen. Sie könne folglich ohne Sorge sein. Der Ton des Briefes ging in keiner Weise über die Forderungen conventioneller Höflichkeit hinaus.
Ohne eine Andeutung über die Gründe des Duells zu geben, stellte Landsfeld das Motiv seiner Mittheilung auf kein persönliches Interesse für die Empfängerin, sondern stellte als solches einfach seine Pflicht als Mensch und Ehrenmann hin, und vermied es, über seine Betheiligung und seine Gesinnung in Rücksicht auf diesen vorliegenden Fall auch nur entfernt zu berühren.
Als er mit dem Schreiben und der Schließung des Briefes fertig war, hatte sich auch bereits sein Diener des Auftrags an Cornelia entledigt.
Er hatte die Letztere noch sprechen können, und das Billet selbst übergeben.
"Sie würde zu jeder Stunde bereit sein, da sie sich gar nicht zur Ruhe begeben würde" - war ihre Antwort.
"Jetzt kannst Du ein Paar Stunden schlafen. Um vier Uhr mußt Du bereit sein, mich auf einem Spaziergange zu begleiten. Gute Nacht."
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