Wie war das möglich, dass man so ein Spiel programmierte? Da musste ein gewaltiges und vor allem aufwendiges Programm dahinter stehen. Oder etwa nicht? Ich kannte mich in der Informatik nicht aus, wodurch ich die Gedankengänge unterbrach, weil ich eh niemals auf ein Ergebnis kommen würde.
„Ich werde hier auf dich warten, während du auf den Schwarzmarkt gehst. Ist vielleicht das Beste“, machte ich ihr schließlich einen Vorschlag, wobei sie mich kurz zweifelnd ansah, bevor sie dann über den Vorschlag nachdachte und schließlich nickte. „Da könntest du Recht haben. Geh einfach die Straße entlang. Da müsste irgendwann ein Gastwirt namens ‚Zum singenden Hirsch’ kommen. Setz' dich an einen Tisch und trink vielleicht etwas. Hier ich gebe dir ein paar Münzen.“
Damit drückte sie mir das kalte Metall in die Hand und ich nickte ihr zu, bevor ich in die Richtung sah, wo sie mich hinschicken wollte. Ich würde den Ort schon finden, wodurch ich sie zuversichtlich anlächelte und nickte. „Ist gebongt. Viel Erfolg und danke für deine Hilfe.“
„Kein Problem. Man sieht sich und halt dich von den Männern fern. Sie können sehr lästig werden.“ Sie wandte sich ab und bog nach wenigen Metern in eine dunkle, kleine Gasse ein, wodurch ich noch einmal seufzte und mich dann auch umdrehte, um in den besagten Gasthof zu gehen…
Ich war dort unbehelligt angekommen, wodurch ich mich an einen Tisch niederließ und mir schließlich ein Getränk bestellte. So wie es mir Laura gesagt hatte und wenige Augenblicke später stand der Trank auch schon vor meiner Nase auf dem Tisch, wodurch ich ruhig danach griff und zu trinken begann.
Die Steuerung war nicht so schwer, wie ich am Anfang dachte. Viel geschah über Gedanken. Nur das Gehen selbst nicht. Aber die restlichen Bewegungen, wie etwas Greifen oder wie die Füße standen, passten sich an die Gedanken des Spielers an.
Der Gasthof selbst war eher sporadisch eingerichtet. Durch die winzigen Fenster drang nur wenig Licht und der Rest wurde von kleinen Lampen an den Wänden gespendet. Wenn man nicht gesehen werden wollte, dann musste man das hier auch nicht. Der Geruch von Bier und auch ein wenig Erbrochenen lag in der Luft. Es gab viele dunkle Ecken. Bei manchen davon war ich mir nicht sicher, ob sie auch wirklich so leer waren, wie sie zu sein vorgaben. Die Einrichtung selbst bestand nur aus einfachen Holzmöbeln und auch der Wandschmuck war eher schlicht gehalten. Vereinzelt hingen Jagdtrophäen und auch Bilder auf Kopfhöhe an der Mauer.
Immer wieder glitt mein Blick durch den Raum, wobei ich die anwesenden Charaktere begutachtete. Es war jede Rasse vertreten, doch hauptsächlich Männer, die sich betranken und mit ihren Freunden redeten. Ich hatte noch nie ein solch soziales Netz in einem MMORPG gesehen, wodurch ich mir eingestehen musste, dass ich davon schon fasziniert war und gerne wissen würde, wie das Ganze eigentlich funktionierte.
Plötzlich erhob sich ein männlicher Elf, der sich vorher mit einem männlichen Vampir unterhalten hatte und kam zu mir, wobei er sich ein wenig über die Tischplatte zu mir herüber beugte, weil ich an der Wand saß und mich somit der Tisch von der Mitte des Raumes trennte.
„Na, was macht eine kleine Werwolfdame wie du, hier in dieser heruntergekommenen Kneipe? Du bist auch noch Level eins. Hast also noch nicht viel von der Welt gesehen. Wahrscheinlich nicht einmal ein Monster erlegt. Wessen Hure bist du denn?“ Am Anfang empfand ich den Kerl noch als sympathisch, aber als ich die letzte Frage hörte, verdunkelte sich mein Gesicht und ich knurrte tief. Es war mir egal, dass der Elf schon den maximalen Level erreicht hatte. Diese Tatsache gab ihm noch lange nicht das Recht, so mit mir zu sprechen.
„Ich bin die Hure von niemanden“, kam es gepresst von mir, wobei er noch breiter grinste. „Irgendwer muss dich hierher gebracht haben. Sonst wärst du in so einem niedrigen Level nicht hier. Also, wer ist dein Freier, kleines Wölfchen?“
„Das geht dich nichts an.“ Warum spielte er mit mir? Hörte er nicht, dass ich ein Junge war? Doch dann trat der Vampir zu ihm, wobei er sanft seine Hand auf den Arm des Elfen legte. Die Zwei schienen sehr vertraut miteinander zu sein. „Lass es gut sein, Seriphon. Es ist nur ein stinkender Werwolf.“
Diese Bezeichnung trieb mich noch mehr zur Weißglut, wobei mein Knurren tiefer wurde. „Was wollt ihr von mir?“ „Nichts, nur unseren Spaß und Shino sei nicht so gemein zu ihr. Du siehst doch, dass sie das aufregt“, spottete der Elf weiter, wobei ich irritiert war, dass er mich immer noch als Frau bezeichnete, obwohl er doch deutlich hören musste, dass ich ein Kerl war. Warum ignorierten sie diesen Fakt einfach?
Ein verächtliches Schnauben erklang nur von dem Vampir, als er sich abwandte und davonging. „Wären wir nicht in der Öffentlichkeit hätte ich sie schon längst umgebracht. Ich hasse Werwölfe.“
Der Elf blieb bei mir und ließ sich einfach an meinen Tisch nieder. „Nimm ihn nicht zu ernst. Er ist halt ein Vampir mit Fleisch und Blut. Und was treibt dich nun hierher?“
„Ich möchte mit dir nicht sprechen.“ Ich blieb auf Abstand, wobei mein Blick nicht hasserfüllter sein konnte. Warum ließ er mich nicht in Ruhe und ging mit seinem ach so tollen Vampirfreund mit? Ich konnte auf seine Gesellschaft getrost verzichten.
„Warum bist du hier?“ Er ließ sich nicht beirren, wodurch ich nun trotzig meine Arme vor der Brust verschränkte. „Ich warte auf einen Freund von mir, der noch etwas besorgt, bevor er mir die Welt zeigt.“
„Also bist du doch eine Hure von jemand. Ich wusste es doch.“ Er lachte leise auf und erhob sich dann. „Na, dann wünsch' ich dir viel Spaß mit diesem Spiel. Man sieht sich bestimmt noch einmal wieder. Und halt dich von den bösen Vampiren fern. Du hast es ja gehört. Sie werden dich sonst töten.“
Ich wollte darauf gar nichts mehr antworten, wodurch ich den Elfen nur dabei zusah, wie er den Gasthof verließ und ich mich langsam entspannte. Nach ein paar Atemzügen, in denen ich meine Ruhe wieder fand, griff ich nach meinen Krug und trank noch einen Schluck daraus.
Eigentlich wollte ich wirklich warten, doch ich bemerkte, dass immer mehr Blicke in meine Richtung gingen und als ich sah, wie sich erneut jemand in meine Richtung erhob, leerte ich den Krug mit einem Zug und stand auf, um die Kneipe fluchtartig zu verlassen.
Nein, ich hielt es dort nicht mehr länger aus. Wenn ich noch einmal so ein Gespräch, wie das mit dem Elfen führen musste, dann würde ich wohl Amok laufen. Darum eilte ich einfach durch die Straßen in Richtung Schwarzmarkt, wo Laura irgendwo sein musste. Nur in ihrer Nähe war diese Stadt einigermaßen erträglich…
Ohne groß über die Worte nachzudenken, die mir Laura vor kurzem gesagt hatte, schlüpfte ich ebenfalls in die dunkle Seitengasse und folgte ihrem Verlauf, um irgendwo den Trollschamanen zu finden.
Die Rüstung schabte leicht an der Mauer, weil ich zu breit war, doch ich ignorierte es und nach wenigen Metern wurde die Gasse breiter und ich stand in einem neuen Händlerbereich. Die Straße wirkte enger, als sie tatsächlich war, weil sich die Stände zu beiden Seiten ausbreiteten. Sie waren mit Stoffen und Leinen verhängt. Darum sah man die angebotene Ware erst, wenn man davor stand. Die Händler selbst hatten sich ebenfalls verhüllt, sodass man meist nur die Augen erkannte. Ich wusste nicht woher das Gefühl kam, aber die Atmosphäre hier war um einiges düsterer und gefährlicher als außerhalb dieser Seitenstraße. Ich erkannte auch keinen einzigen Soldaten. Sie schienen um diesem Teil der Stadt einen Bogen zu machen. Obwohl alles in mir danach schrie umzudrehen und davon zulaufen, machte ich weitere Schritte in die Straße hinein und ließ meinen Blick über die Waren gleiten. Man tuschelte um mich herum. Ich hörte ein Huschen neben mir und drehte mich reflexartig um, doch dort war niemand.
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