„Ach, Kind! Setz dich her! Allzu kurz halte ich heute meinen Kondolenzbesuch doch wirklich nicht.“
Bevor Helena gegenüber am gedrechselten Schemel hockt, legt er den Hut zur Tischkante, knöpft den Mantel auf, lockert den vom Alter gebeugten Rücken. Zeitgleich mit seiner Einkehr geht ihm auf, wie widerspenstig Helena den geltenden Leitrollen trotze.
Sie befolge eine Königsdisziplin, und rackert sich ab, würde bald in lichter Neugeburt aus der Asche steigen, schneller als Fischweiber zuwege brächten. Ja, da er sie trimmte, nicht nur der literarische Damenkreis seiner werten Gattin Emilie, die ihnen passable Traditionen vorlebt. Was wäre, sorgte sie nicht dafür? Und für mehr, weil in Ahlbeck auch einmal eine Kirche stehen soll. Mager wäre seine Sammelbüchse, hänge sie einzig an seinen Sohlen. Rasseln Damen, sind Herren spendabel bei den so viel versprechenden Festen, wo er sich allem Widrigen stelle, und danach die Büchse verberge im günstigen Moment daheim, wo Emilie die Magd Rosa nicht auf Schleifspuren im Staub aufmerksam machen könnte. Mit Staub lebt Emilie in Fehde. Sie würde sogar die zehn Trauerränder unter Helenas Fingernägeln kritisieren, und wohl auch die tröpfelnden Augen.
Kurz sieht er an ihre unaufhaltsam rinnenden Tränen und rasch weg. In Helena geht vieles vor, ihm reizvoller als seine Dramen zu Hause. Der Lehrer tastet mit auf- und niederfahrenden Fingern in seinen Spitzbart, und löst den Kiefer zum Sprechen. „Ja, weine tüchtig, das erlöst und erleichtert. Irgendwann betrachtest du den Kummer wie einen ausrangierten Hut, und begreifst das als von dir gemeistert. Oder muss ich Emilie um etwas Mütterlichkeit bitten, die dir Trost spenden könnte?“
„Kaum ihr Talent. Deswegen fehle ich vorerst im Kränzchen. Ach, Lehrer Johann, meine Not schabt mich ganz hohl. Wird mir dieser harte Tisch aufdecken, was mich wahrhaft erlöst? Niemals brach er unterm Essgeschirr zusammen, alle Viere ausgestreckt.“
Helena wischt mit einem Ärmel über ihre Wangen. Unter dem Nässeschleier der Wimpern schaut sie an des Tisches Maserung, kratzt mit allen Fingernägeln darüber. Sinnlich in ihren spürenden Fingern unterwegs, schaut Helena von unten herauf.
„Übriggebliebenes als gemeistert erkennen?“
„Bei deiner Nachlese. Du hast Joos’ Eigenarten oft beklagt! Dem entgegen riet ich dir, lege die nicht auf die Goldwaage.“
„Mit Unzen war der nicht aufzuwiegen! Unter seinem Betragen litt ich einst mehr als eine Goldwaage verkraftet.“
Der Lehrer neigt sich vor und dahin auch den Funken in seiner Absicht. Erregt springen ihm seine Augenbrauen hoch zu den faltigen Gebirgen an seiner Stirn, die jetzt weit mehr noch gefordert ist.
„Ja, eure zurückliegende Zeit füllte Waagschalen, so groß wie Badekübel. Verkläre die nicht wie eine Trauernde, die Leere mit Glorifizierung füllt. Immerhin warst du jahrelang geduldig mit Joos. Diese Kraft setze wiederum ein, gegen den Kummer.“
Nun scheint dem Lehrer, er müsste sich den Schaum vom Mund abwischen. Er faltet die Hände auf der Tischkante, sammelt sich und wagt ein feines Lächeln bei seinem nächsten Rat.
„Ein Zauber steckt im Detail, meint Meister Fontane. Doch meinen andere Weise, es stecke im Detail der Gottseibeiuns! Er trete ein, wenn wir einzig hadern mit unserem wenigen Guten!“
Helena reagiert weder auf sein zahmes Lächeln, noch all die Hintergründe seiner Erregung. An die Tür der Stube blickt sie, daran klebt breit eine Erinnerung.
„Joos schlich oft beunruhigt fort. Hinterher nörgelte er, ich käme ohne ihn zurecht. Ernüchternd war das, ohne Zauber. Ab und an bringt auch Emilie bei mir so etwas zustande.“
Sie wechselt schon einen wissenden Blick mit ihm. Still fragt der Lehrer sich, wie oft sie im Ehealltag an einem Unabwendbaren verzweifelte. Irritiert sieht er Helena an. Doch er kennt ihr Mienenspiel und sieht einige dunkle Gedanken aus den emotionalen Ereignissen im Damenkreis weit fort eilen.
„Sowieso erinnere ich kaum Mütterliches. Einzig mein Name gibt ab und an dazu Anlass. Weil viele Leute denken, sie hätten sich verhört und nennen mich Helene, nach der Äbtissin von Bülow. Wie können die annehmen, ich wäre so fromm wie sie?“
Dezent spielt Lächeln um ihre Mundwinkel. Sachte liebkosend berühren ihre Hände die Tischplatte. Offensichtlich verflog ihr Groll, sagt dem Lehrer ihr Blick grauer Augen, der ihn leichter atmen lässt. Und schon dreht er den Kopf zum Fenster, sieht zum Wandbord darüber, den Reihen der Köppen aus glasiertem Ton, zu den Schatten dahinter. Im Augenwinkel erfasst er, Helena folgt seinem Blick nicht, sitzt nur aufrecht, in sich gekehrt. Keine Chance auf die behagliche Wärme eines Tees, denn vom Kaminholz brennt nur noch die Glut. Rede er also von ferneren Welten, um Helena mehr anzuregen.
„Sei stolz auf den Namen der Halbinsel Hela, den dir einst deine Mutter gab. Ah, ich sehe das Eis im Februar vor mir, woran die Kegelrobben ihre Jungen säugen. Es war schon so, bevor dort das Toben der Fluten die Ausgleichsküste erschuf.“
Aus solcher Ferne krabbeln nach Helena gierende glitschige Tentakelquallen, die sie niederdrücken. Helena knickt ein. Nun eingefangen von ihrer frostigen Kindheit, klagt sie schroff:
„Die kalte Ostküste kennzeichnet den familiären Stall, dem ich angehöre. Der eisige, schneidende Ton im Brief meiner Verwandten erinnert daran. Zu dem wuchs Mutter in Urgroßvaters Heimweh und Sehnsucht auf. All dem entspringt mein Name, obschon sie riet, ich soll mehr daraus machen, eine Helena wäre nicht irgendein Weib. Ablegen will ich meinen Namen nicht, doch die frostige Tonlage in der Familie grub sich ins Gemüt. Ja, ja, die muss mich umso mehr fürs karge Leben stärken!“
Nicht in diese Richtung wollte der Lehrer schwenken. Heftig und laut atmet er. Helena will er seine Hand reichen. Schließlich kam er deshalb. Aber konnte er ahnen, in welch freudloser Tiefe sie heute fischen würde? Ihm steigt dennoch eine kleine forsche Idee für eine gelingende Ablenkung in den Geist. Vor nur wenigen Minuten tröpfelten Helenas Augen. Nur trockene erkennen Neues. Suchend sieht er zu den behauenen Deckenbalken, und startet in eine Wende.
„Ach, glückt mir nicht, dir dein sonniges Gemüt herüber auf die Goldwaage zu locken? Oder doch? Ich jedenfalls bestaune bei jedem Besuch die Höhe oben, die breiten Dielen, gut erwogen von Joos’ Eltern, da sie nah der Feuchtwiesen bauten. Es sollte für alle Ewigkeit halten.“
„Du springst von Hölzchen zu Stöckchen, um mich aufzuheitern.“
Nun wähnt Helena, den Verlauf seines Besuchs neu bestimmen zu sollen, derhalben prickeln die fünf Fingerkuppen an ihrer Rechten unmissverständlich. Sie deuten zu den Bodendielen. Dahin führt ihre unumstößliche Instanz das Ruder und weist sie an, mit den gefühlten Impulsen sorgsam umzugehen, und mit denen ihres guten Freundes. Sie faltet die Hände, stillt das Prickeln, und kann sich sortieren.
„Mein sonniges Gemüt liegt brach, dazu mag ich nichts mehr erklären. Aber zum Bau von Joos’ Eltern vermag ich zu sagen, er war wegen dem Käsekeller gut erwogen, denn die Großmutter ließ sich ihre Milchkühe nicht ausreden, als sie in diese Kate einzog.“ Helena bemerkt im hellen Blick des Lehrers sein Begehr. Aber vor hat sie nicht, in den Keller zu gehen. „Eigensinnig war Großmutter, behielt ihre Käserei bei, wie Joos meinte, der ihr unendlich nachtrauerte. Mir drängte er die Schinderei mit den Laiben auf, zusätzlich zum Backen, das ich zum Glück schon konnte. Aus der Seitenklappe meines im Rauchfang eingemauerten Brotofens steigt kein Dunst von frisch gebackenem Krustenbrot. Zu lange her, Lehrer Johann! Nur Seufzen kann ich!“
Sie schrappt mit den Nägeln abermals über den Tisch. Das Gekratze ist dem Lehrer geläufig von den Tischen in der Schule, er verbirgt es hinter einem nachsichtigen Blick.
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