Herüber vom anderen Ufer quert ein Zug mit Lastwaggons die Brücke, daran quietschen Stämme, gesichert mit Ketten, für das Ahlbecker Sägewerk, und allerlei Gerüste des Bauhandwerks. Der Qualm vom Schlot der Lok steigt in den Nebel, den der frostige Ostwind anhob, doch braune Schwaden über den Feldweg deckt, wo ein hochrädriger Einspänner wartet.
Unter dessen Dach kauert, haltend den Zügel vom feurigen Traber, ein Helfer des Agenten, Krischan. Er hat einen Leinenbeutel mit rohen Bernsteinen, an deren Leuchten in Gold er nicht denkt. Er kaut an rissigen Lippen, ebenso wie am Drangsalieren, das ihn immerzu verfemt und ächtet. Prompt verätzt ein Tropfen dreister Bosheit sein Überlegen, schmerzt in der Nase und dem blau geäderten Wulst daran. Wie seit der Hetzfahrt herbei von Ahlbeck. Als Lehrer Johann ihn aufhielt, tadelte bei einem Heilsgequatsche, nur bestimmt für die Bernsteinsammler.
Der allseits beliebte Lehrer dreht bei meinem Heil den Hahn nicht zu!, wütet Krischan vor Rage, in der ihm Kaiser Wilhelm II. Bernsteinmonopol blinkt. Das verhagelte seinem Dienstherrn, Mittelsmann Danziger Kaufleute, einst das Grünzeug. Aber dessen Heimtücke brachialer Überwachung presst alles Denkbare aus den Küstensammlern heraus. Denn reiche Adern, wie in alter Sage die Bernsteinhexe im Streckelsberg fand, findet ein schlauer, zäher Greifvogel in anderen Bergen, randaliert im Inneren Krischan hinein in den Hall des Dröhnens auf den Schienen über dem Wasser.
Der Hall lässt nach. Nun wirft sein Traber den Kopf hoch. Leises Klirren unterlegt das Gerappel der Kutsche, die wenig fern anhält. Aus der Tür heraus fährt ein Gehstock, am Knauf krümmt sich ein winkender Finger. Und dorthin schlendert Krischan hinüber, als ständen Banalitäten an.
„Dag, Krischan.“
Der bieder in feines Wolltuch gekleidete Alte, seine Beine umhüllt eine Webdecke, fixiert ihn wie ein seniler Geier aus eng stehenden Augen minutenlang. Schließlich wischt er über seine schiefe Nase, zieht eine Börse aus einer Manteltasche.
„Danziger Kaufmannsgesetze bleiben Gottes Gesetz,“ ertönt dröge seine Stimme, in ein Krächzen gedämpft. „Strandsammler rühren sich. Bist du mit Swinemünde durch, klappere die Usedomer ab.“
Krischan taxiert die Börse. Wieselflink dämmert ihm etwas, das heraus muss. „Die verschieben ihren Bernstein selber. Für eine Reichsmark wird keiner denunziert, deine fetten Zeiten sind längst rum.“
Widerspruch hat der Agent keinen erwartet. Sein Kinn klappt faltig herab an den Mantelkragen.
„Läuft die Tour miserabel, pack Riemen ein, leg Feuer unter deren Mors! Ich mache den Rest, du bist bloß mein Knecht! Pah! Und dafür nimm hin deinen Lohn, Schmarotzer!“
Wie jedes Mal nach Austausch von Börse und Leinenbeutel, trommelt der Gehstock auf die Tür. Der Kutscher schnalzt den Pferden, und die Kutsche biegt bald darauf in einen Seitenweg ab.
Auf die Brücke blickt Krischan, dort heben sich gurgelnd die Bodenplatten der Schienen. Tief im Wasser der freien Durchfahrt nähert sich ein mit Fässern voller Kahn unter braunen Segeln.
Krischans Nase prickelt. Heraus gärt niederträchtig, was ihn den Agenten gänzlich vergessen, an nur eines denken lässt: Am Swinemünder Markt entlädt der Kahn Schwarzes, längs des abblätternden Namens Helena. Die bringt Glanz in schnöden Alltag! Und Eggebrecht! Der greift zur Ladung wie nach einem Strohhalm, damit sein Kopf oben bleibe, ihm sein Swinemünde nicht vollends absäuft. Ich bin also gar nicht mit Observieren durch. Kiek eens det an, der Nebel wäre geklärt!
Krischan springt mit entkrampften Knien hinter die Zügel, bringt den Einspänner in Position.
An einem Nachmittag im Februar quert des Lehrers Einspänner von Ahlbeck herbei den Wiesenweg. Kurz darauf fährt er in den von Schnee überkrusteten Hof der Kate hinein, deren Fachwerk höher reicht als bei anderen in der Gegend. Über den Stufen öffnet sich die massive Eingangstür. Helena tritt heraus. Ihr Kopftuch umrahmt die Stirn wie ein Riegel vor inneren Welten, den Rinden gleichend im nahen lichten Wald. Der Lehrer geht zu ihr, ihn begrüßen reglose graue Augen in blassem Gesicht.
Er folgt ihr hinein in die Kök mit den soliden Schemeln aus Grünebergs Ahlbecker Zimmerei, an den Wänden verteilt sind eine Truhe und robuste Regale, am Milchtisch das Durcheinander der Kannen. Düster wirkt der Raum trotz des Glühen im Kaminfeuer und dem am Tisch hell schimmernden Kuvert.
In den Lehrer huscht eine Ahnung. Er setzt sich, wie er es vorgehabt hatte, an den Schemel am Tisch, und stemmt die Stiefel darunter, der Fahrtwind versteifte ihm die Beine und jetzt auch den Abstand zum Brief. Er zieht den Filzhut vom Kopf, dreht ihn in der Hand, streicht behutsam seinen korrekten Seitenscheitel nach.
„Nur kurz sehe ich heute herein zu dir.“
Er mustert ihren Seemannspullover. Lang wie ein Sack hängt der über den dunkelblauen Wollrock, der zu den Stiefeln reicht, die sie im Haus trägt. Blitzartig geht ihm auf, dieser Pullover wärmte Joos, ihm nahe will Helena sein! Doch an ihr ist mehr. Nachlässig gebunden hängt ihr Zopf unter dem Kopftuch, ihrem Äußeren widmet sie vor Gram keine Pflege. Ihre Augen wirken wie das Wasser in einem Gebirgssee. Lehrer Johann erinnert seine Wanderung, einst über die Lande. Er fand an einem solchen See für sein Herz den möglichen Anker in jeder Lage, und im Glauben an seine Berufung. Deshalb sitze er nun auch hier bei Helena. Mit väterlicher Güte mag er ihr helfen, und fragt sich doch unbehaglich, ob es gelingt? Sie macht nicht den Eindruck.
In Helenas Geist ringen noch zäh seine Worte der Begrüßung. Sie streckt langsam eine Hand, deren sonst zupackende Kraft wie erloschen nach dem Brief greift, der anfängt: Besinn dich, zieh her, nimm Anstellung bei einer Pension in Swinemünde. Und diese harsche Aufforderung brennt in ihr. Nur der Truhendeckel kann ihre Aufmerksamkeit davon abziehen.
Die in Jahren gedunkelte, lederbeschlagene Holztruhe öffnet Helena, legt den Brief hinein. Krachend fällt der Deckel herab, pufft den Staub seiner Rillen seitlich heraus. Helena zuckt mit weiten Augen zurück. Ihr wirkt der Deckel wie ein Spiegel der gefährlichen Gegenwart voller scharfer Kanten, und sprengt ihr den Mund auf, sie wendet sich um.
„Ach, Lehrer Johann! Der Brief der Verwandten ist wie jede andere Belästigung, seit Joos mich als Witwe sitzen ließ! Mich ändert das doch nicht! Ich will nicht inne Backsteinvilla, mit runzlig engen, hochnäsigen Mündern voll! Auf keinen Fall lasse ich mich als bemitleidenswertes Anhängsel betiteln, und fürs Schöntun begehrlichen Herren in Swinemünder Salons vorführen!“ Feucht blinzeln ihre Augen den Lehrer an, und fordern sein verständnisvolles Zuhören. „Verwandtschaft schwimmt auf eigene Weise. Mir sind Heringe und Aale in der Beek lieber. Alle Male treibt sie ihre Gleitfähigkeit an, die brauche ich jetzt.“
Helena spricht in der kernigen Schwermut, mit der sie sich selbst seit dem tödlichen Sturm von allem Winterleben ringsum trennt. Der emphatische Blick des Lehrers verlangt danach, ihre Wehmut zu erklären, aus ihrer Kehle sprudeln zu lassen. „Wachtmeister Karl zeigte mir den Polizeibericht, nur eine Bestätigung der Rückkehr ohne Joos. Seither meiden mich Fischerfrauen als hätte ich Krätze.“
„Wie konnte das nur passieren! Sonderbar“, wirft der Lehrer ein, und sucht ratlos nach dem Grund für die voreingenommenen Gemüter, und seinem sonst flüssigen Trost bei derlei Geschick.
„Die Wetterlage nur, die könnte den tödlich endenden Unfall erklären.“
Sein leiser Kommentar lässt Helena seufzen, von allem, was ihr vor Augen steht. Sie entlädt sich mit einem Wortschwall. „Ich will nichts von denen, die in wortkarger Einfalt mich übersehen als wäre ich nicht mehr! Lieber horche ich, ob Joos nicht doch übern Hof latscht, vor der Treppe grunzt, sich der Stiefel entledigt. Auf Socken steht er nie wieder im Türspalt, nie mehr umarme ich seinen nach Fisch stinkenden Pullover! Na, ich erledige, was jeder Tag fordert. Doch Sprotten und Dorsche vom Fang draußen, Flundern von der Küste, die Joos heimbrachte, die fehlen mir wie er. Aber niemals gebe ich mein Land auf! Diese Scholle bleibt mein, auch wenn ich allein mit allem dastehe.“
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