»Komm, trödle nicht«, hörte sie ihre Mutter, die sie in der Zwischenzeit wieder eingeholt hatte und jetzt neben ihr stand.
Erschrocken sah Christina sie an. Und augenblicklich schob sie die Gedanken an den Galeristen und an den unbekannten Künstler weit weg.
Sie lief in ihr Zimmer und duschte. Beim Föhnen der Haare blickte sie sich an und sah in ein erwartungsvolles Gesicht. Alles war wieder da: der Traum, die Gedanken an das Bild, an den Maler, an den Fluss ... an das morgige Vorhaben. Diese Gedanken und Erwartungen gefielen ihr.
Und nun würde die bevorstehende Teestunde auch nicht dieses gewohnt triste Ereignis sein. Sie hatte etwas, womit sie sich auf angenehme Weise die Zeit vertreiben konnte, ohne unhöflich zu wirken, ohne sich inmitten all der fremden Leute zu langweilen.
Sie zog sich ein dunkelgrünes Cocktailkleid an, schlüpfte in halbhohe schwarze Pumps und war dann auch schon fertig. Und das gefiel sogar ihrer Mutter, die, wie immer, befürchtet hatte, dass ihre Tochter, nicht rechtzeitig zur Stelle sein würde.
Am nächsten Tag zeigte Paris sich wieder von seiner schönsten Seite. Der Himmel war makellos blau, die Sonne trocknete die letzten Pfützen rasch aus, die Menschen genossen die wohlige Wärme und begegneten sich fast überall mit zurückhaltender Freundlichkeit.
Nach dem Frühstück war Christina losgegangen. Auf einem Stadtplan, den sie in der Tasche trug, hatte sie die Brücken in der Nähe der Freiheitsstatue markiert. Vorsichtshalber. Noch immer war sie sich nicht sicher, was sie da wollte. Einem Traum nachjagen? Wozu?
Und immerfort musste sie über diese Frage, über diesen Gedanken lächeln. Er schien sinnlos und sonderbar. Absurd.
Und letztlich war sie mit sich übereingekommen, sich nur die Bilder anzusehen ... falls sie diesem Pierre tatsächlich begegnen sollte.
Zumindest hatte sie versucht, sich das einzureden.
Ihre Eltern hatten sich gefreut, dass sie eigene Pläne hatte. Sie mussten geschäftlich zwei Auktionen besuchen. Hätten sie um die Pläne ihrer Tochter gewusst, wäre ihre Freude zweifellos kühler ausgefallen. Man war hier, um Geschäfte zu machen und, um sich abends zu amüsieren, aber nicht, um die Zeit mit der Suche nach armen Künstlern zu verbringen. Zumal Armut nicht in ihr Leben passte, nein, ... Armut gab es nicht in ihrem Leben. Punkt!
Hubertus Neuenhofen hatte in Kehlheim, einer Kleinstadt in Süddeutschland, einen Münzhandel, der einen hervorragenden internationalen Ruf besaß. Der Aufenthalt in Paris diente in erster Linie dazu, wichtige Auktionen zu besuchen, einige Privatsammlungen zu begutachten und gegebenenfalls Einzelstücke oder ganze Sammlungen zu erwerben.
Christina liebte ihre Eltern und sie kannte deren Einstellung zum Leben, zum Geld, doch diese Einstellung teilte sie nicht. Und deshalb hatte sie auch nur etwas von einem langen Spaziergang an der Seine erzählt, von einem Bummel durch Boutiquen, von einem möglichen Rundgang durch den Louvre.
Als sie endlich an der ersten Brücke stand, die Freiheitsstatue im Rücken, bekam sie Angst vor der eigenen Courage. Was willst du wirklich hier?, fragte sie sich wieder. Diesmal sehr ernsthaft.
Ein Gefühl!, war ihre vergleichsweise unvollständige Antwort. Sie sah auf die Seine, die ruhig dahinfloss und plötzlich war dieser Traum wieder greifbar, der Traum von dem Maler und seinem eindringlichen Lächeln, der Traum von dem ruhig dahinziehenden Fluss und von den Farben der Bilder. Das hatte etwas zu bedeuten. Sie war sich jetzt ganz sicher.
In einiger Entfernung sah sie mehrere Künstler, die auf Klapphöckerchen saßen und malten oder einfach nur dasaßen, in sich versunken, Kaffee tranken oder rauchten ... und auf Touristen warteten. Sie musste lächeln, entsprach dieses Bild doch so ganz dem Klischee, dass sie von Paris hatte. Es fehlten nur noch der Rotwein und die Clochards.
Christina ging weiter. Als sie den ersten Künstler erreicht hatte, erschrak sie ein wenig, denn sie blickte in das ausgezehrte Gesicht eines alten Mannes. Pierre der Deutsche?, fragte sie sich.
Nein! Diese Antwort gab sie sich flugs. Mit einem Blick auf seine Bilder wusste sie sofort, dass er es nicht sein konnte. Dieser Künstler malte anders, ganz anders.
Doch die Anspannung blieb. Was, wenn dieser Pierre tatsächlich ein alter, ausgezehrter Mann war? Ein Traum ist eben nur ein Traum.
Gedrückt ging sie weiter. Ich möchte nur seine Bilder sehen und vielleicht ein oder zwei kaufen. Mehr nicht!
Diese Lüge half. Christina wurde ruhiger. Und eindringlich betrachtete sie die Bilder all der namenlosen Künstler, die ihre Arbeiten hier zum Verkauf anboten.
Doch sie entdeckte kein Bild im van-Gogh-Stil. Nicht eines. Nicht einmal ansatzweise war irgendwo ein solcher Stil erkennbar.
Und sie überlegte. Sie würde fragen müssen.
Aber machte sie sich damit nicht lächerlich? ... Wissen Sie, wo ich ›Pierre den Deutschen‹ finde? Er soll ab und an hier irgendwo sein ... Machte sie sich mit dieser Frage nicht lächerlich? Ohne lange zu überlegen, schüttelte sie den Kopf. Nein, nur wenn ich mich lächerlich dabei fühlte, dachte sie.
Und lächerlich fühlte sie sich nicht.
Gedankenversunken ging sie noch zwei Schritte und stand dann vor den Bildern eines älteren Künstlers. Eiffeltürme. Bei Tag, bei Nacht. Im Frühling, im Sommer. Handgroß und mannshoch. Was immer die Touristen suchten, hier würden sie ihren Eiffelturm finden. Wie schrecklich, dachte Christina. Dennoch würde sie hier fragen.
»Entschuldigung, ich habe gehört, hier soll ein Kollege von Ihnen auch seine Bilder ausstellen. ›Pierre der Deutsche‹ wird er wohl genannt. Wissen Sie, wo ich ihn finden könnte?«, fragte sie in ihrem unzulänglichen Französisch und wusste nicht, ob ihre Worte richtig gewählt waren.
Aber der Künstler schien sie verstanden zu haben.
»Pierre? ... Pierre?«, überlegte er und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Mademoiselle, ... da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Aber schauen Sie sich doch einfach meine Bilder an. Sie werden sicherlich etwas finden.«
»Herzlichen Dank für die Auskunft. Aber es geht mir um diesen Künstler.«
Und wieder erschrak sie. Hatte sie das eben wirklich gesagt? ... Es geht mir um diesen Künstler? ... Ja!, das hatte sie. Und noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, ließ der unbekannte Maler all seinen Charme spielen und zeigte mit einer einladenden Handbewegung auf einen leeren Stuhl.
»Bitte, Mademoiselle, nehmen Sie Platz. Wenn sie keinen Eiffelturm möchten, denn werde ich ihr Porträt in einer Stunde in Öl verewigen. Ein so schönes Gesicht muss der Nachwelt erhalten bleiben.«
Christina lächelte.
»Nein, danke. Ich wollte mich nicht porträtieren lassen.« Und sie wendete sich ab.
»Moment, Mademoiselle. Jetzt fällt es mir ein. ›Pierre der Deutsche‹?«
»Ja?«
Christina antwortete knapp und drehte nur den Kopf ein wenig um. Sie wollte nichts kaufen, sie wollte auch kein Porträt in Öl. Auch nicht über einem charmanten Umweg.
»Ich hatte Sie eben nicht richtig verstanden. Tut mir leid. ›Pierre der Deutsche‹ sitzt da drüben.«
Der ältere Künstler zeigte auf einen freien Platz, etwa zwanzig Meter von ihm entfernt.
»Heute ist er leider noch nicht ... Seltsam ... Normalerweise ist er jeden Tag um diese Zeit schon lange hier.«
Augenblicklich schlug Christinas Herz hoch bis zum Hals. Es begann zu rasen. Doch halt! Bleib ruhig, sagte sie sich, bleib ganz ruhig. Denn noch immer konnte Pierre der Deutsche ein unsympathischer Mensch sein, der es lediglich verstand, gut mit Farben umzugehen.
Dennoch ... ihre Ungeduld war unübersehbar.
»Und Sie meinen, er wird noch kommen?«
»Ganz sicher. Außer ... ihm ist etwas passiert.«
Читать дальше