Hubert steckte seine Hände in die einfachen Baumwollhosen und runzelte die Stirn. „Meine Güte“, entfuhr es ihm. „Stell dir das einmal vor: In etwas mehr als einer Woche sind wir schon in Amerika!“
„Es ist ganz seltsam“, erwiderte Juliane nachdenklich, während ihre hellen, fast bernsteinfarbenen Augen die Seitenwand des Dampfers hinaufglitten. Es waren die Augen ihrer Mutter Luise – sie hatte als einzige die rotblonden Haare und diese seltenen Augen vererbt bekommen. Dazu das feine, etwas kantige Gesicht mit den vollen, roten Lippen und dem hellen Teint, der von kleinen Sommersprossen gezeichnet war. Sie konnte nicht als außergewöhnlich hübsch bezeichnet werden, jedoch herzlich in ihrer Ausstrahlung und bezaubernd mit ihrem fröhlichen, ungezwungenen Charakter, der ihr regelmäßig in die Quere kam zu dem, was Luise von ihr erwartete. Als Tochter eines Pastors hatte Juliane stets höflich, zurückhaltend und adrett zu sein und ihre burschikose, teils vorlaute Ader kollidierten nur allzu gern mit den Wertvorstellungen ihrer Mutter.
„Weißt du“, sagte Juliane jetzt und legte den Kopf schief. „Ich finde, es wäre nicht nötig, dass wir auswandern.“
Ein Schmunzeln bildete sich um die Lippen ihres älteren Bruders.
„Das wird Vater kaum von seinem Vorhaben abbringen können! Er ist fest entschlossen, sich dort drüben nützlich zu machen!“
Das junge Mädchen seufzte. „Ich weiß. Er sieht sich als eine Art Missionar. Trotzdem wäre ich lieber hiergeblieben. Wir sind doch hier Zuhause!“ Sie verzog betrübt das Gesicht und Hubert fasste sie bei der Hand.
„Keine Angst, Schwesterchen. Es kann dir überhaupt nichts passieren, wenn wir zusammenbleiben! Du wirst sehen, Amerika ist herrlich! Ich habe so viele Reiseberichte und Schilderungen von Auswanderern in der Zeitung gelesen...“ Sein schmales Gesicht nahm einen sehnsüchtigen Ausdruck an. „Ich freue mich unbeschreiblich darauf, all das selbst zu sehen, was dort geschrieben stand!“
„Du vielleicht“, murmelte Juliane, „aber ich kann nicht einmal mehr zur Schule gehen!“
„Die meisten Mädchen deines Standes gehen überhaupt nicht zur Schule“, wagte Hubert leise, doch hart einzuwerfen, die Stirn kritisch gerunzelt. „Weder hier in Deutschland, noch sonstwo auf der Welt!“
Störrisch warf Juliane den Kopf zurück. Ihre Augen blitzten herausfordernd. „Ich habe nicht vor, eine dieser ungebildeten, dummen, affektierten Puten zu werden, die nicht einmal wissen, dass der Rhein ein Fluss und kein neuer Staat ist! Aber einen reichen Mann heiraten – das wollen sie alle!“
Hubert konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. Er kannte den Trotz und die Sturheit seiner Schwester was die Emanzipationsfrage anbetraf. Ein Punkt, der regelmäßig zu Streit zwischen ihr und ihrer Mutter führte, die eine völlig andere Auffassung von den Aufgaben einer Frau vertrat.
Liebevoll strich Hubert das schulterlange, rotblonde Haar zurück, das Juliane meist offen trug, nur die vorderen Strähnen mit einem blauen Band zurückgehalten. Auch das war eine Sache, die Luise störte, die sie jedoch nicht in den eigenwilligen Schädel ihrer Tochter hineinbekam: Eine anständige, junge Dame steckte ihr Haar streng und glatt nach oben und verbarg es unter einer Haube, wenn sie das Haus verließ. Juliane allerdings sah darin lediglich eine Tortur und ihre persönliche Freiheit eingeschränkt und wehrte sich vehement dagegen.
Die „Elbe“ stieß drei langgezogene Pfiffe aus. Es war das Zeichen, dass die letzten Passagiere aufgefordert wurden, an Bord zu gehen. Von einer Sekunde auf die andere brach tumultartikes Chaos aus und ein großes Drängen und Schieben begann.
„Schnell!“ Hubert fasste seine beiden jüngeren Geschwister an den Oberarmen. Wie immer fühlte er sich als Ältester für sie verantwortlich. „Wir dürfen Vater und Mutter nicht verlieren!“
Sie kämpften sich durch die Menschenmenge, die es nun auf einmal, da die Zeit drängte, sehr eilig hatte, an Bord zu gelangen. Vor den Holzprielen bildeten sich lange Schlangen, die alle noch mit aufs Schiff wollten.
„...deshalb hoffen wir, dass es Ihnen im neuen, gelobten Land nur bestens ergehen wird!“, erklärte der Vorstand ihrer Kirchengemeinde jetzt und schüttelte Friedrich Kleinfeld die Hand. „Sie werden uns sehr fehlen, Pastor!“
„Sie mir auch! Alle werdet ihr mir fehlen – die ganze Gemeinde!“, versicherte Friedrich und schob seinen schwarzen, breitkrempigen Hut zurecht, den er immer auf seiner Glatze trug, sobald er aus dem Haus ging. Dazu hatte er seine lange, schwarze Kutte über seine Alltagskleidung gezogen, denn jeder sollte sehen, dass er mit Leib und Seele Geistlicher war und sich in jedem Moment seiner Aufgabe verpflichtet fühlte.
Einen Schritt hinter ihm, freundlich lächelnd, jedoch ohne sich in das Gespräch einzumischen, stand Luise. Im Vergleich zu seiner großen, breiten Erscheinung wirkte sie trotz ihrer Fülle sehr klein und unauffällig. Außer ihrem Gesicht war keine nackte Haut zu erblicken. Ihr rotblondes Haar steckte fest unter der dunkelbraunen Haube und ihre Hände wiederum in feinen Strickhandschuhen. Sie wandte kurz den Kopf, als sie ihre drei Kinder hinter sich bemerkte. Sie nickte Hubert und Nikolaus zu, bevor sie Juliane einen strengen Blick zuwarf. Das junge Mädchen ignorierte die unübersehbare Kritik gegenüber ihrem Erscheinungsbild jedoch völlig und lächelte stattdessen freundlich in die Runde der Menschen, die die Mühe auf sich genommen hatten und von Wittenberge bis nach Bremerhaven gereist waren, um sich hier von ihnen zu verabschieden. Alle waren sie angesehene Bürger der Stadt und Mitglieder des Kirchenvorstands. Ihr Vater hatte die protestantische Gemeinde kurz nach seiner Heirat übernommen. Seitdem lebte und arbeitete er dort. Es war für niemanden ein Abschied, der ohne etwas Wehmut begangen wurde.
„Ich glaube, es ist besser, wir stellen uns gleich einmal hinten an der Schlange an, bevor sie noch länger wird!“, meinte Friedrich jetzt, während er reihum ging und den Männern und deren Gattinen, die teilweise ebenfalls mitgekommen waren, zum Abschied die Hand reichte. Auch, wenn er sich zuversichtlich und voller Vorfreude gab – ein wenig Traurigkeit machte sich dennoch in ihm breit. Es war ein Abschied ohne Wiedersehen. Amerika wartete auf ihn, mit neuen, anderen Herausforderungen, die er sonst nirgendwo auf sich nehmen konnte.
„Nun“, meinte er schließlich und fasste seine Frau am Ellenbogen. „Es wird Zeit für uns.“
„Auf Wiedersehen!“ – „Schreiben Sie uns bald!“ – „Gott sei mit Ihnen!“ – „Alles Gute!“ drang es aus den Kehlen ihrer Freunde und Nachbarn. Winkend und lächelnd führte Friedrich seine Familie in Richtung Schiff. Ganz allmählich lichtete sich der Nebel und der Sonne gelang es, durch den Schleier zu brechen. Fast schien es, als ob ihre Strahlen nicht nur die Stille zerbrachen, sondern auch die Aufregung in ihnen allen weckte.
„Ich will als erster rein!“, rief Nikolaus immer wieder, während er auf der Stelle hüpfte, um zu sehen, wieviele Passagiere noch vor ihnen auf Einlass warteten. Es ging nur sehr langsam vorwärts und durch die vielen Schaulustigen, Verwandten und Freunde der Reisenden, die alle noch am Pier herumstanden, sich unterhielten und darauf warteten, dass der Dampfer ablegte, war eine Unterscheidung zwischen ihnen nicht möglich.
Luise seufzte. „Ich bin froh, wenn wir unsere Kabine haben und ich mich ein bisschen hinlegen kann!“
„Aber ich will ganz oben stehen und zuschauen, wenn wir ablegen!“, rief Nikolaus, erschrocken, das Spektakel des Auslaufens verpassen zu können.
„Ja, ja! Keine Sorge! “ Lächelnd legte Hubert ihm seine Hände auf die Schultern. „Das machen wir beide schon!“
„Ich will auch mit!“, rief Juliane laut, was ihr einen empörten Blick ihrer Mutter einbrachte.
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