Das Schiff des Sultans wurde langsamer und sie segelten so nebeneinander, dass die beiden Männer sich gerade ansehen konnten und möglichst wenig Abstand zwischen ihnen war. Kurz fragte sich das Harethimädchen, ob sie wohl für den Schatten übersetzen musste. Das wäre in dieser Situation sicherlich noch unangenehmer als sonst, aber sie wurde von ihren Befürchtungen erlöst, als der Prinz das kurze Schweigen durchbrach und Machairi ansprach. »Ich sehe: Die Gerüchte sind wahr. Gebt mir meine Braut zurück und niemand muss zu Schaden kommen.« Eine Spur des typischen Harethiakzents schwang in seinem Cizethi mit, aber man merkte, dass der junge Mann eine hervorragende Ausbildung genossen hatte. Nur wenig holperte er über die harten Konsonanten und die fremde Betonung und Leén hätte es selbst kaum besser gekonnt. Nach Wochen in Kefa und in der Gesellschaft vieler Cecilian war ihr Cizethi inzwischen beinahe akzentfrei, aber sie hatte schließlich schon mit ihren Eltern beide Sprachen gesprochen.
Gina lehnte sich an das Geländer, das verhinderte, dass man allzu leicht vom Achterdeck fiel, und grinste. »Direkt zum Punkt… und da heißt es immer, die Südländer würden so gerne plaudern«, sinnierte sie und seufzte theatralisch. Erschrocken starrte Leén sie an und konnte nicht glauben, wie unverschämt dieses Mädchen war. Warum hatte scheinbar kein einziger Schatten irgendeine Grenze in seiner Respektlosigkeit? Machairi schnitt der Faust mit einer Geste das Wort ab, als sie Luft holte, um etwas sicherlich Impertinentes rüber zu dem anderen Schiff zu brüllen.
Der Prinz hatte die Augenbrauen leicht zusammengezogen, ließ sich aber weiterhin keine vermehrte Wut anmerken. Er wandte sich nur wieder Machairi zu und wiederholte. »Meine Braut.« Fest sah er zu ihrem Schiff hinüber, während er seine Forderung aussprach. »Sie sollte keine Gefangene sein.«
»Ich halte keine Gefangenen«, antwortete Machairi ruhig und selbst auf die Entfernung konnte man dem Prinzen einen Hauch von Überraschung ansehen. Vielleicht waren es nicht die Worte, die ihn überraschten, sondern vielmehr die Stimme des Schattens, die so unerwartet melodisch und klar war.
Nun schmunzelte Hareths Prinz und hob die Augenbrauen. »Und ich nehme an, dass ich das einfach glauben soll. Auf Euer Wort als Dieb?«, erkundigte er sich und schüttelte den Kopf.
»Nichts spricht dagegen, dass sich der Skeptiker umsieht«, antwortete der Schatten und Leén fragte sich, ob er sich so verdreht ausdrückte, um eine Anrede zu vermeiden, oder ob er noch etwas anderes damit aussagen wollte. Sie betrachtete das Messer, das sich schneller und schneller durch die weißen Finger drehte. Noch immer war sich das Mädchen nicht sicher, ob das vielleicht ein Ausdruck von Nervosität war. Ganz davon abgesehen fragte sie sich, ob er den Prinzen wirklich an Bord kommen lassen würde. Es wirkte doch eher wie das Letzte, was sie wollen konnten, oder nicht?
»Ein Angebot, das ich gern annehmen würde, wären nicht ein solch berüchtigtes Messer und ein sehr schmaler Steg zwischen uns«, bemerkte der Prinz, während tatsächlich jemand eine Planke herantrug, und musterte die tanzende Klinge in dem weißen Handschuh. Leén fand, dass das nach einer berechtigten Sorge klang, aber Grothia ließ ein Schnauben hören.
Machairi schmunzelte. »Wenn das das Problem sein soll …« Es sah aus, als verliere der Schatten die Kontrolle über die Klinge. Das Messer fiel ihm aus der Hand, schlug einmal auf der Reling auf und platschte dann leise ins Meer. Erneut war Leén überrascht. Gwyn hatte ihr einst gesagt, dass der Schatten gut auf seine Messer achtete. Der Feuerspucker war geradezu entsetzt gewesen, als Machairi ihr eine Klinge übergeben hatte, um sich besser verteidigen zu können (worin sie sich nicht besonders gut angestellt hatte). Wieso würde er eine Klinge über Bord fallen lassen? Sicher musste doch auch einem Harethiprinzen klar sein, dass der Messerdämon mehr als ein Messer trug. Vielleicht war es jedoch auch die Geste, die zählte, denn der Schatten setzte hinzu: »Die Zeiten, da ein toter Prinz eine sinnvolle Lösung wäre, sind vorüber.«
Prüfend musterte der Prinz sein Gegenüber, während einer seiner Diener ihm mit besorgtem Blick etwas zuraunte und der Steg zu ihnen herübergelegt wurde. Leén sah, wie ihr eigener Kapitän ihnen einen alarmierten Blick zuwarf und der Steuermann umklammerte das Rad nun so fest, dass man Angst haben musste, er könnte es unter seinen Fingern zerbrechen. Mit der gleichen Ruhe wie auch sonst immer ging der Schatten mit fließenden Bewegungen die Treppe zum Hauptdeck hinab und erwartete die Gäste jenseits der Planke.
Leén konnte nicht sagen, was Prinz Zedian veranlasste, auf diesen Vorschlag einzugehen, warum er nicht mit aller Gewalt entern ließ, um ihnen die Prinzessin zu entreißen. Doch der Prinz trat an die Reling, ohne weitere Bedenken zu äußern.
Ein uniformierter Vartija betrat den Überweg als Erster, den Blick skeptisch auf den Schatten gerichtet und die Hand fest um ein Schwert geschlossen. Jeder Soldat auf dem anderen Schiff schien angespannt und als der Prinz selbst den Steg hinter seinem Soldaten betrat, wurde die Stille so vollkommen, dass man die Anspannung fast in der Luft surren hören konnte. So entging niemandem das erste Grollen, das aus den Tiefen des Wassers erklang. Die Schiffe erbebten und das Wasser schien zu brodeln. Die Besatzung beider Schiffe klammerte sich fest an dem erstbesten Halt, den sie fanden, und Schreck, Überraschung und Angst lösten die Anspannung ab. Ein Messer schoss aus der Tiefe hervor wie aus einem Kanonenrohr und mit einer Sicherheit, die nur jemand haben konnte, der genau das erwartet hatte, fing Machairi es aus der Luft.
Dann geschah alles auf einmal. Die zuvor ruhige Meeresdecke brach und Machairi gab dem Kapitän ein Zeichen. Der Steg, auf dem der Prinz noch immer stand, barst, als ein gewaltiger Fangarm den Soldaten anrempelte und ihn hinabstürzte in die blaue Unendlichkeit des Wassers. Türkise Tentakel schossen aus der Tiefe hervor, wanden sich in die Luft und Leén sah den Prinzen fallen. Machairi fing den jungen Mann am Kragen auf und zerrte ihn mit nur einer Bewegung an Bord. Indes hatte der Kapitän es geschafft, seine schreckstarre Besatzung dazu zu bringen, die Segel in den Wind zu drehen und mehr Tuch zu setzen.
Leén umklammerte das Geländer der Treppe zum Achterdeck und sah mit geweiteten Augen auf die unruhige See. Auf die zahllosen dünnen Fangarme, die aus dem Wasser schossen und sich mehr und mehr um das Harethischiff zu schlingen schienen. Auch ihr eigenes Schiff wurde von wenigen Armen befallen, aber sie bewegten sich bereits weg vom Geschehen und die Männer an Bord des Verfolgerschiffes schrien so laut durcheinander, dass das Seemonster sich nur auf sie konzentrierte. Dünn wie Leéns Arm waren die einzelnen Tentakel und in alle Richtungen biegsam wie Haare. Trotzdem durchstießen sie die Bordwände und zermalmten das Schiff geradezu, während die Besatzung bestmöglich Kanonenkugeln ins Wasser feuerte. Ungläubig und schockiert sah sie zu, wie mehr und mehr Tentakel aus der Tiefe kamen und das Schiff umwoben und dann plötzlich erhob sich ein bläulicher Körper unter den Tentakeln aus den Tiefen des Wassers. Die ganze Welt schien den Atem anzuhalten, um zuzusehen, wie eine Gestalt aus dem Wasser erwuchs. Erst nach einem Augenblick wurde klar, dass es sich bei den türkisenen Tentakeln tatsächlich um Haare handelte. Schreie erfüllten die Luft, während der gewaltige Körper, zu dem dieses Haupthaar gehörte, sich bis zur Hüfte aus dem Wasser erhob.
Es war eine Frau, oder zumindest glich sie einem weiblichen Bild. Die Gesichtszüge waren breit und schauerhaft und die Haut war blau und glänzte wie das Meer selbst im Sonnenlicht. So klein wie ein Spielzeugboot hing das Schiff in ihren Haaren und mit einer gewaltigen Hand zog sie es daraus hervor. Menschen hielten sich verzweifelt an der Reling fest, um nicht ins Wasser viele dutzend Schritt unter ihnen hinabzustürzen, als sie es zur Seite kippte und betrachtete wie ein kleines Kind ein neues Spielzeug. Eine Art Lächeln verzog die unmenschlichen Gesichtszüge und dann plötzlich schoss ihr Blick zu dem zweiten Schiff in ihrer Nähe.
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