»Prinzessin, warum hat er Euch geholfen?«, fragte Leén weiter und vergrub die Finger im Geflecht ihres Zopfes. Sie verstand, warum das Mädchen fortgewollt hatte, aber sie war noch immer keinen Schritt näher am Gesamtbild. War eine Hochzeit nicht ein Friedensangebot? Wie viel positiver sollten die Gründe denn werden? Andererseits wusste die Prinzessin sicherlich besser, was ihr Vater erreichen wollte, und das war ein Thema, an das Leén sich nicht heranwagte.
Koryphelia löste den Blick von der klaren Linie des Horizonts und sah Leén aus tiefblauen Augen an. »Bitte nenn mich … Phela oder denk dir irgendeinen Namen für mich aus. Schlimmer als der echte kann es nicht werden.« Sie lächelte. »Und ich nehme an, dass er dir diese Frage sehr viel besser beantworten kann.«
Überrascht nickte Leén und drehte das Ende des Zopfes um ihren Zeigefinger, während sie nachdachte. Machairi würde nicht mehr verraten, als sie wissen musste, außer sie erwischte ihn in wirklich guter Laune, aber das schien im Grunde ausgeschlossen. Außerdem hatte sie nicht das Bedürfnis, ihm zu nahe zu kommen. Seine kalte Wut auf Gwyn hatte ihr in Erinnerung gerufen, was für ein Mensch er war – falls er denn wirklich ein Mensch war –, und sie schämte sich für die Abende und die Nacht, die sie in seinem Zimmer verbracht hatte, und für die Verlegenheit, in die er sie gebracht hatte. Für einen Moment hatte sie tatsächlich gedacht, Ila könnte recht haben mit ihrer Beobachtung, aber jetzt war der Gedanke so absurd, dass sie sich dafür hätte ohrfeigen können, das jemals in Betracht gezogen zu haben.
Als sie keine Antwort bekam, schien die Prinzessin sich gezwungen zu sehen, weiterzureden. »Ich habe meine Zofe in den Bienenstock geschickt mit einem Brief und der Bitte, mir zu helfen. Im Gegenzug habe ich eine Gegenleistung seiner Wahl, zum Beispiel Informationen aus dem Schloss, angeboten. Nachdem sie ohne Antwort zurückkam, ging ich davon aus, dass mein Angebot abgelehnt worden war.«
Das war tatsächlich mehr als interessant. Es erklärte, warum Machairi so genau gewusst hatte, dass der König nach Hareth reiste. Es erklärte auch, weshalb das Mädchen so willig mitgekommen war und gar nicht an Flucht zu denken schien, obwohl sie aus ihrem Zimmer entführt worden war. Was Machairi davon hatte, wurde daraus leider nicht klar. Es war kaum vorstellbar, dass irgendetwas in Kefa vorgehen konnte, von dem Machairi nichts wusste. Wofür brauchte er die Prinzessin also so dringend, dass er für sie vom eigentlichen Ziel abwich? Ursprünglich war die Gruppe schließlich aufgebrochen – so zumindest die Information, die Machairi suggeriert hatte – um ein sehr altes Orakel zu finden. Es sollte in der Lage sein, jede Frage zu beantworten, und seit einiger Zeit folgte die ganze Welt einer Prophezeiung nach Cecilia, um dort nach dem verschollenen Orakel zu suchen. Seit Machairi aber zu Mico gesagt hatte »Ihr hört, was ihr hören wollt«, versuchte sie, sich an den genauen Wortlaut zu erinnern, den er in den Katakomben unter Kefa verwendet hatte. Leider gelang es ihr nicht, genauso wenig wie an jede andere Unterhaltung mit Machairi. Nur der Sinn seiner Worte hatte sich in ihrem Kopf eingeprägt, nicht aber die genaue Ausdrucksweise und in den wenigen Fällen, in denen sie sich daran erinnerte, wurde sie nicht schlau daraus. Es machte ihr Angst. »Wir werden es ja sehen«, sagte sie schließlich, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie wirklich sehen wollte.
So standen die beiden Mädchen schweigend beieinander und blickten auf das glitzernde Meer und die unendliche Weite des Horizonts hinaus. Ein Schiff war dort erschienen und zeichnete sich nun hübsch vom blauen Wasser ab. Sie hatten es lange Zeit nicht sehen können, aber nun war es nah genug, dass sie sogar Segel und Masten erkennen konnten und eine Weile später wurde das Rot und Gold der harethschen Flagge sichtbar, die vollkommen überproportioniert am Hauptmast wehte. Fasziniert betrachtete Leén das Schlachtschiff in der Ferne und fragte sich, ob es wohl Kurs nach Cecilia gesetzt hatte. Aber allein? Sie kniff die Augen zusammen und suchte nach weiteren Schiffen. Tatsächlich machte sie in noch viel weiterer Ferne einen zweiten kleinen Punkt aus, der ein Schiff sein konnte, aber es war definitiv keine ganze Flotte, sondern lediglich ein einzelnes Schiff. Was sie wohl vorhatten?
Die Erkenntnis traf sie viel zu spät und als sie sich panisch zu Phela drehen wollte, bemerkte sie, dass sie allein am Heck stand. Hastig drehte sie sich um. Sie musste jemanden alarmieren, Bescheid sagen. Sie mussten sich verstecken! Aber wie versteckte man sich auf dem offenen Meer? Kaum einen Augenblick später erblickte sie Machairi. Wie üblich komplett in Schwarz bis auf einen einzelnen weißen Handschuh, der ihn als Schatten Kefas auswies, kam er mit Koryphelia auf das Achterdeck und sah ruhig wie immer auf das fremde Schiff, das hinter ihnen größer wurde. Sie fragte sich, ob er es erwartet hatte oder ob er sich nur niemals überraschen ließ. Tatsächlich nahm sie eher Ersteres an. Nicht nur, weil er so unerträglich vorausschauend war, sondern auch weil sie dieses fast selbst erwartet hatte. Nachdem sie durch das Feuer eindeutig aufgefallen waren, war es unumgänglich, dass irgendwann irgendwer die Puzzleteile zusammensetzten würde. Dass die Entführer per Schiff verschwinden würden, hätte sogar sie sich denken können und da es hier um die Sicherheit der Prinzessin ging, war es sicherlich ein unausweichlicher Schritt gewesen, die Arbeiter im Hafen am Fluss bei Om’falo zu fragen, ob eine verdächtige Truppe vorbeigekommen war. Leider hatten ihre Verfolger die Fährte schneller aufgenommen, als sie gehofft hatten. Leén hatte keine Ahnung von Schiffen, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass, auch wenn ihr kleines Handelsschiff recht schmal und wendig war, ein Sultan und ein König gemeinsam ein schnelleres Schiff bereitstehen hatten.
Ganz davon abgesehen wirkte es nicht, als würde der Kapitän des Handelsschiffes alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das dreieckige Hauptsegel des kleinen Kahns blähte sich gemütlich allein im Wind und es war geradezu entspannt an Bord zugegangen. Warum hatten sie sich nicht mehr beeilt? Nicht einmal jetzt schien Machairi es besonders eilig zu haben. War es einfach zwecklos, eine Flucht zu versuchen, oder hatte er es gar beabsichtigt, gefunden zu werden? Vorstellbar war es allemal, auch wenn Leén kein guter Grund für einen solchen Wahnsinn einfiel. Denn auch wenn Machairi eine Neigung hatte, das Wahnsinnige zu tun, glaubte sie doch, dass er stets einen guten Grund hatte. Ein kontrollierter Wahnsinn, wenn man so wollte.
Nachdenklich musterte die Harethi den Schatten von der Seite, seine schwarzen Haare, die klaren Gesichtszüge und die endlos schwarzen Augen, die auf das feindliche Schiff gerichtet waren. Wie konnte er nach all diesen Wochen ein noch größeres Rätsel sein als vor ihrer Abreise? Von all ihren Fragen über ihn hatte sich keine eindeutig beantwortet, aber es war eine ganze Reihe neuer hinzugekommen. Was hätte sie darum gegeben, den legendären Schatten zu verstehen. Sie wollte auf Gedeih und Verderb nicht wissen, was ihm alles durch den Kopf ging, aber die Dinge, in die er sie mit hineinzog, zu verstehen, wäre doch sehr nett gewesen.
»Hast du etwas zu sagen?« Die klare Melodik seiner Stimme riss sie aus ihren Gedanken und sie fuhr zusammen. Er hatte den Blick nicht von dem Schiff genommen, das hinter ihnen immer größer wurde. Trotzdem fühlte sie sich nicht anders, als wenn er sie mit seinem unerträglich durchdringenden Blick bedachte. Es lag an dem leicht bedrohlichen Unterton und vielleicht auch daran, dass sie noch immer nicht vergessen konnte, wie er mit Gwyn umging.
Hastig wandte sie den Blick ab und biss sich auf die Lippe. Was sollte er denn denken, wenn sie jetzt nichts sagte und sie damit eingestand, dass sie ihn hauptsächlich anstarrte, weil er so undurchschaubar war? Sie wollte nicht zugeben, dass sie die seltsame Mischung aus Furcht und Bewunderung, die sie in Kefa überall vernommen hatte, selbst noch immer – vielleicht jetzt erst recht – verspürte. »Warum … beeilen wir uns nicht?«, fragte sie schließlich zögerlich, ohne ihn nochmal anzusehen. Irgendwo befürchtete sie, dass niemand mehr sicher war, wenn er Gwyn fortschickte. Andererseits wusste sie, dass er sie noch brauchte und solange sie ihren Zweck nicht erfüllt hatte und keine große Dummheit veranstaltete, musste sie wohl vorerst nicht befürchten, über Bord geworfen oder von einem der sagenumwobenen Messer aufgespießt zu werden. Trotzdem war die Furcht in ihrem Magen sehr real und sie fragte sich, ob er das wusste.
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