Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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»Nein«, gab sie zu. »Ich hatte es trotzdem gehofft.« Unglücklich sah sie auf die leidende Kreatur hinab. Wenn sie doch nur mehr hätte helfen können. Die Dinge wären so viel einfacher gewesen, wenn sie in der Lage wäre, ihre Magie voll auszuschöpfen. Leider hatten die wenigen Tage Übung mit der alten Ila nicht ausgereicht, um ihr auch nur eine grobe Ahnung davon zu geben, wozu sie fähig war, und sie würde wohl allein mehr darüber herausfinden müssen. Ila hatte ihr noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg gegeben und Leén versuchte, allein zu üben. Inzwischen konnte sie das Licht sicher rufen und sogar in Formen bringen, aber ihr fehlte eine Lehrerin. Nach den Vorfällen in der Stadt waren sie gezwungen gewesen, schnellstmöglich zu gehen, weil die Patrouillen schon wenige Stunden später anfingen, die Häuser nach der verschwundenen Prinzessin zu durchkämmen. Auf dem Weg zum Hafen hatten sie alle ein weiteres Mal festgestellt, wie unschlagbar Machairi in einer Stadt war. Das hatte nicht dazu geführt, dass sie es richtig fand, wie er mit Gwyn verfuhr, aber es hatte ihr auch mehr als deutlich aufgezeigt, dass sie ihn brauchten, um zu überleben. Also waren sie wieder gemeinsam auf einem Boot gelandet.

»Wenn sich dieser bescheuerte Schlossknacker nur nicht so anstellen würde«, fauchte sie. Offenbar schien es ihr zu helfen, auf alle anderen zu schimpfen, denn das tat sie schon seit sie in See gestochen waren. Es stimmte, Mico war tatsächlich nicht übermäßig hilfsbereit gewesen. Da er Mico war, hatte das Leén nicht weiter überrascht, vor allem, da der gleiche Drache den Magier selbst fast ins Jenseits befördert hätte. Er hatte nur einen Blick auf die Wunde geworfen und verkündet, dass nichts mehr zu retten war. Damit schien die Angelegenheit für ihn erledigt. Es wäre wohl töricht gewesen zu hoffen, dass seine erstaunliche Größe, die er für Gwyn bewiesen hatte, sich hier fortgesetzt hätte.

Da ihre Kommentare hier weder hilfreich noch erwünscht waren, entschied das Götterkind, lieber zu schweigen. Sie fuhr sich mit den Fingern über ihren Zopf und starrte die hölzernen Wände an, bis sie das Gefühl hatte, dass sie ihr entgegenkamen. Auch Vica ging dazu über zu schweigen und als Leén glaubte, Tränen in den blinden Augen schwimmen zu sehen, nahm sie an, dass die Naturistin in ihrem Kopf mit dem Drachen kommunizierte. Dabei wollte sie nicht stören und so verließ sie die Kajüte.

Rastlos wanderte sie über das Schiff. Schon seit sie abgelegt hatten, konnte Leén nicht recht zur Ruhe kommen. Alles schien ihr plötzlich so viel bedrohlicher und es gab noch immer zu viele Dinge, die sie nicht verstand, die sie Ila gerne noch in endloseren weiteren Stunden Unterrichts gefragt hätte. Nun war sie auf sich selbst gestellt und fühlte sich ebenso unwissend wie vor ihrer Reise nach Om’falo. Sie wusste natürlich, dass das nicht stimmte. Nicht im Entferntesten. Sie hatte viele Dinge herausgefunden, die sie lieber niemals gewusst hätte, und die Fragen, die nun durch ihren Kopf geisterten, waren ganz andere als in der Wüste. Nur das Thema war das gleiche geblieben. Was hatten ihre Eltern ihr alles verheimlicht? Was konnte sie anfangen mit diesen Fähigkeiten, die so begehrt zu sein schienen? Konnte sie wirklich Gutes damit tun? Wie sollte sie lernen, damit umzugehen und was gab es noch alles zu wissen über ihren Vater, der einst ein Gott gewesen war, und ihre Mutter, die wie ein Medium zu den Göttern gewesen war? Das alles war so abstrus und unglaublich, dass sie sich manchmal an einem anderen Mysterium festzuhalten versuchte: Machairi. Sie verstand diesen Mann nicht. Nicht seine Art, nicht seine Handlungen und nicht seine Vergangenheit. Nichts, was sie über ihn wusste, ergab ein stimmiges Bild.

Wie schon so oft landete Leén wieder auf dem Hauptdeck und wanderte gedankenverloren die Reling entlang, schaute in die weite Ferne des glitzernden Wassers, das sich in alle Richtungen um sie herum erstreckte, und hing ihren Gedanken nach. Es gab so viele Dinge, über die sie nachdenken wollte und musste, und leider führten ihre Überlegungen viel zu oft ins Nichts. Sie konnte nun einmal nichts daran ändern, dass sie nicht mehr Informationen hatte als die wenigen, die Ila ihr gegeben hatte und die sie selbst gesammelt hatte.

Seufzend blieb Leén am Heck des Schiffes stehen und starrte auf den Horizont, hinter dem sie Hareth zurückgelassen hatten. Vorher waren sie lange Zeit entlang der Küste gesegelt und sie hatte befürchtet, entdeckt zu werden, aber nichts war geschehen. Sie waren nicht einmal kontrolliert worden. Offenbar war die Crew, die sie samt Schiff angeheuert hatten, um sie sicher ans Ziel zu bringen, bekannt in diesen Gewässern und niemand ahnte, was für gefährliche Menschen sich an Bord befanden.

»Vermisst du es bereits? Dein Zuhause?«, fragte eine Stimme von hinten und Leén fuhr herum.

Kurz musterte sie ihr Gegenüber, bevor sie den Kopf senkte. »Nicht direkt«, murmelte sie, wiederholt unentschlossen, wie sie sprechen und sich verhalten sollte, auch wenn sie das bei ihrer letzten kurzen Unterhaltung geklärt hatten. Eine Hose war einfach nicht sinnvoll, um zu knicksen, aber eine Verneigung wäre ihr auch seltsam vorgekommen und eine Anrede wäre ihr auch fremd gewesen. Zum Glück schien das nicht notwendig, denn die junge Dame bestand nicht darauf.

Koryphelia Laurena Desdori Irenja Paranomo, Prinzessin von Cecilia, Tochter des Königs Thredian Détestes Echtros Paranomo von Cecilia, war ganz und gar unerwartet anders. Leén hatte ein verzogenes, arrogantes, verwöhntes Königsbalg erwartet. Viel gesprochen hatten sie bisher nicht, aber im Grunde wirkte das Mädchen, nun, nett. Sie war ein bisschen jünger als der Rest der Gruppe. Während Leén glaubte, dass sie mit ihren nicht ganz zwanzig Jahren eher eine der Jüngsten war, hatte Koryphelia den Altersschnitt gesenkt. Leén war sich nicht sicher, ob sie älter als fünfzehn war. Sie war nicht mit unendlicher Schönheit gesegnet, aber man sah ihr an, dass man sich stets nur das Beste für ihr Aussehen geleistet hatte. So war ihre Haut rein und gleichmäßig und so hell, dass sie in der Sonne augenblicklich verbrennen musste, und ihre blonden Haare glänzten wie fein gesponnenes Gold. Ihre Erziehung und ihren Status sah man ihr vor allem an der kerzengeraden Haltung an, von der sie nur selten abwich. Leén wollte gar nicht wissen, wie ermüdend kleinlich das Mädchen erzogen worden sein musste. »Es ist ein wirklich schönes Land«, sprach die Prinzessin und trat neben Leén, um ebenfalls auf die Wellen hinauszublicken.

Die Harethi schmunzelte und musterte die Prinzessin von der Seite. »Ja, das ist es«, stimmte sie dann zu und fragte sich erneut, warum sie sie aus dem Schloss geholt hatten. Inzwischen hatte sie zumindest verstanden, dass das Mädchen hatte gehen wollen, die Frage war nur, warum Machairi ihr geholfen hatte. »Warum … warum wolltet Ihr fort?«, fragte sie deshalb vorsichtig in der Hoffnung, sich nicht in der Anrede zu vergreifen. Die Formalitäten der fremden Sprache fielen ihr noch immer schwer, aber sie glaubte, dass sie richtig lag.

»Das wollte ich gar nicht. In erster Linie möchte ich nicht mit einem Mann verheiratet werden, den ich noch nie gesehen habe. Ganz sicher nicht, wenn ich damit nur das erste von 42 Puzzleteilen eines Harems werden würde.« Seufzend sah das Mädchen weiter auf den Horizont und hatte Leéns vollstes Verständnis. Obwohl sie aus Hareth stammte, hatte sie einen Harem nie als wünschenswert angesehen, auch nicht den des zukünftigen Sultans. Ihre Eltern hatten einander sehr geliebt und sie wollte lieber eine ähnliche Beziehung auf Augenhöhe führen als Teil einer Gruppe zu werden. »Mir war immer klar, dass ich nicht im eigenen Interesse heiraten würde«, fügte die Prinzessin hinzu und es war bemerkenswert, wie erwachsen das Mädchen schien. »Doch wenn es politische Gründe sein müssen, sollen es wenigstens positive sein.«

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