Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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Kalte Furcht und Entsetzen schossen durch Leéns Magen und sie wollte schreien, aber kein Laut entrang sich ihrer Kehle. Die zweite gewaltige Hand hob sich aus dem Wasser und verdeckte die Sonne, sodass ein Schatten auf sie fiel. Sie waren schon recht weit gekommen und der Kapitän segelte nun so schnell, wie das kleine Schiff hergab, aber sie waren mit Sicherheit noch immer in Reichweite der gigantischen Gestalt. Wenn sie sie nun einfach in die Tiefe hinabdrückte … Als wäre sie unentschlossen, bewegte das Seemonster die Hand nach links und rechts und verwirrt betrachtete Leén das Wasser, das den blauen Arm hinablief und in wahren Wasserfällen zurück ins Meer fiel. Erst nach einem atemlosen Augenblick verstand Leén, dass sie winkte. Dieses riesenhafte Ungetüm einer Frau, dessen Gesicht man vielleicht am ehesten mit einem eingedrückten blauen Totenschädel vergleichen konnte, grinste breit, schaukelte das Schiffchen in einer Hand, auf dem noch immer die Besatzung schrie, und winkte ihnen nach.

Fassungslos drehte sie sich zu Machairi, die Knie weich wie selten zuvor in ihrem Leben, um ihn zu fragen, was gerade geschehen war, doch sie war erneut kaum in der Lage, sich zu rühren. Da stand der schwarzgekleidete Mann seelenruhig, mit einem triefenden Messer in der Hand, und winkte zurück.

Königskinder Hoheit strebt nach Perfektion Eine einfache Regel die die - фото 5

Königskinder

Hoheit strebt nach Perfektion. Eine einfache Regel, die die Grundfeste ihrer Welt setzte. Eine ermüdende Regel zweifellos, aber Koryphelia konnte nicht behaupten, dass sie eine Wahl gehabt hätte. Sie war in eine Rolle hineingeboren worden, in der ihr nichts anderes übrig blieb, als das Beste aus ihrer Situation zu machen. Es hatte immer viele Regeln in ihrem Leben gegeben und sie hatte erst mit der Zeit gelernt, welchen sie sich fügen musste und welche sie biegen konnte.

Das Leben der Menschen, die nun um sie herum waren, war anders. Auch hier gab es einen festen Regelkodex, ob sie es nun wussten oder nicht, aber es waren gänzlich andere Paradigmen. Koryphelia versuchte, sich anzupassen, erließ dem einzig netten Mädchen in ihrem Alter gerne die Höflichkeitsfloskeln und gab sich allergrößte Mühe, nicht das verwöhnte Prinzesschen zu sein, das sie alle in ihr sahen. Die Faust war die Impertinenz in Person und die Blinde war ein Enigma der Andersartigkeit. Das Harethimädchen, das man ihr als Rish vorgestellt hatte, schien immerhin ein gewisses Maß interpersoneller Kompetenzen aufweisen zu können. Wenn es zu den Männern der Gruppe kam, hatte die Prinzessin entschieden, freundliche Vorsicht walten zu lassen. Der Pyromane, der Om’falo in Brand gesteckt hatte, hatte sich glücklicherweise zurückgezogen und der Magier, der ihr seine kultivierte Höflichkeit allzu deutlich unter die Nase rieb, war schon ob seiner Natur mit Bedachtsamkeit zu behandeln. Der Messerdämon selbst – das stand außer Frage – hatte ein solch exzessives Maß an Stolz und Arroganz, dass sie gar nicht erst versuchen wollte, dem beizukommen. Bereits bei ihrer Entführung, die kaum die Bezeichnung verdiente, hatte sie gemerkt, dass dieser Mann seinen Ruf zu Recht genoss. Es war nicht davon auszugehen, dass er seine naturgegebene Fehlbarkeit vor irgendeinem Menschen eingestehen würde. Deshalb, und nur deshalb, saß die Prinzessin von Cecilia nun in ihrer Kajüte und hörte den Schreien von draußen zu.

Koryphelia war von Natur aus mit einer gesunden Neugierde und einer gewissen Intelligenz gesegnet, die ihr Vater ihr nicht zutraute. Sie wollte wissen, was dort an Deck vorging und wollte gleichzeitig die Situation nicht noch schwieriger machen. Angestrengt hörte sie zu, versuchte zu verstehen und einzuschätzen was vorging. Es war wahrlich nicht besonders leicht, die gedämpften Geräusche durch die Bordwände hindurch zu vernehmen. Eindeutig war nur, dass Chaos ausgebrochen war und sie sich mit erhöhter Geschwindigkeit bewegten. Da hatte der Messerdämon wohl sein Zeichen gegeben. Immerhin schien der Kapitän in der Lage, Anweisungen zu befolgen. Menschen, die an ihre Rolle als Kommandant gewöhnt waren, schienen allzu häufig zu versessen, es zu behalten. Bei uneingeschränkter Aufrichtigkeit ging es ihr auch selbst so. Macht war ein Freund, dem man gar zu leicht verfiel.

Die Schreie verklangen, wurden zu einem Echo in der Ferne und es wurde ruhig an Bord. Ebenso gut hätte das Schiff nun verwaist sein können. Keine Stimme drang an ihr Ohr, keine Schritte. Vorsichtig schob die Prinzessin die Tür ihrer Kajüte auf und schritt auf leisen Sohlen auf die Treppe zum Deck zu. Zu ihrer großen Erleichterung konnte sie nun doch wieder leise Schritte vernehmen. Keine Menschenseele begegnete ihr zwischen den Kajüten und bewusst vorsichtig schob sie die Luke einen Spalt auf, um einen Blick an Deck erhaschen zu können.

Dort, unterhalb der Reling, zu Füßen des Dämons, lag ein Harethi auf dem Rücken und starrte mit Überraschung und Furcht in die Ferne und auf Machairi, der, die Hand zum Gruß gehoben, seine Aufmerksamkeit nicht auf den Prinzen gerichtet hatte. Der Mann, mit dem ihr Vater sie vermählen wollte, schien perplexer Reglosigkeit verfallen. An seiner Identität konnte allerdings kein Zweifel gehegt werden. Selbst wenn sie nie ein Porträt von ihm gesehen hätte, wäre spätestens die abenteuerlich geschnittene rote Kleidung ein eindeutiges Indiz gewesen. Was dachte sich der Verbrecher dabei, nun schon das zweite Monarchen-Kind an Bord festzuhalten? Fasziniert beobachtete Koryphelia, wie alle an Deck gebannt zurückblickten. Keine sinnvolle Erklärung wollte ihr einfallen, wie sie es geschafft hatten, dass das andere Schiff zurückblieb. Kanonen waren gefeuert worden und garstige Schreie hatten ihr Ohr erreicht. Dennoch schienen weder Schiff noch Besatzung zu Schaden gekommen zu sein, während die Verfolger fort waren. Welch seltsame Wendung.

Erst als Machairi sich ihm zuwandte kam wieder Leben in den Prinzen. Mit einer schnellen Bewegung kam er elegant auf die Füße und die Prinzessin erwischte sich dabei, ihn ganz genau zu mustern. Dieser Mann sollte also ihr Gatte werden. Äußerlich, so musste sie zugeben, hätte sie sich nicht beschweren können. Zedian war ein hübscher junger Mann, wenn er auch etwas verschreckt dreinblickte. Die Sache, die das beobachtende Mädchen spontan am ärgsten störte, war jedoch das Alter ihres Versprochenen. Zwar war er jung genug, um sich guten Gewissens als junger Mann bezeichnen zu können, doch er war mit Sicherheit älter als die Diebe und der Schatten selbst, der ihn noch immer genaustens beobachtete. Koryphelia sollte an ihrem sechzehnten Geburtstag heiraten und dieser Mann war knapp zehn Jahre älter. Vermutlich sollte sie dankbar sein, dass es nicht noch mehr waren. Angenehm wurde der Gedanke dadurch nicht.

Der Prinz zog sein Schwert und machte einen Schritt zurück. Die Klinge blitzte im hellen Licht der Sonne und richtete sich auf Machairi. Grothia ließ die Knöchel knacken und der Rest wich hastig ein ganzes Stück zurück. Nur der Messerdämon regte sich nicht. Ruhig, als bekäme er einen Blumenstrauß anstelle einer geschliffenen Klinge entgegengestreckt, stand er da und musterte Zedian.

Langsam schien der zukünftige Sultan seinen Schreck zu verarbeiten und legte ein würdevolleres Verhalten an den Tag. »Ich habe nicht geglaubt an Geschichten von Dämonen.« Die Stimme hatte er gesenkt und das verstärkte seinen Akzent. Doch rätselhafterweise machte dies seine Worte wirkungsvoller. »Es waren gute Menschen auf diesem Schiff!« Wut zeichnete die gleichmäßigen Züge des Harethi und er stieß sein Schwert erstmals in die Richtung seines Gegenübers.

Als sei es das Selbstverständlichste der Welt wich Machairi aus. Er drehte sich nur leicht zur Seite, sodass das Schwert ins Nichts traf. Keine seiner Bewegungen zeugte von Hektik oder auch nur von Eile. Eine Prinzessin sah viele Menschen kämpfen. Koryphelia hatte es sogar genossen, Trainingskämpfen zuzusehen, doch hatte sie noch nie jemanden so leichtfertig elegant ausweichen sehen. »Sie wird sie nicht töten … nicht absichtlich.« In seine Gleichgültigkeit mischte sich eine Spur von Amüsement. »Sie braucht von Zeit zu Zeit Unterhaltung.«

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