Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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Koryphelia schniefte und sah erneut der Mauer entgegen und zu Machairi, der immerhin stehen geblieben war und auf sie wartete. Interessiert musterten seine schwarzen Augen die beiden Mädchen und wie so oft fragte sich Leén, was er wohl dachte. Korys Tränen fielen auf den staubigen Untergrund und wurden sofort davon verschlungen. Kein feuchter Fleck blieb zurück und nichts zeugte davon, dass vor wenigen Sekunden ein Tropfen zu Boden gefallen war. Nicht einmal Fußspuren hatten sie hinterlassen. Was ein verfluchter Ort. Vielleicht war es innerhalb befestigter Mauern besser als in dieser trostlosen Endlosigkeit. Zögernd schob Kory die Finger in Leéns Hand und ließ sich auf die Füße ziehen. Noch immer unglücklich, aber vielleicht etwas weniger entmutigt ging sie weiter und immerhin dieses Hindernis war für den Moment überwunden.

Die Häuser entpuppten sich aus der Nähe als Ruinen. Manche waren einfach leerstehend, ohne Türen in den Angeln und mit gähnend leeren Fenstern. Bei anderen war der Dachstuhl eingefallen und ins Innere gebrochen und bei wieder anderen stand nicht mehr als das Fundament und kleine Umrisse ließen erahnen, dass dort mal ein Haus gewesen sein mochte. Direkt vor der Mauer lag das kleine Dorf und als sie zwischen den Häusern entlangschlichen, fühlte Leén sich unangenehm beobachtet von den leblosen Ruinen und dunklen Ecken. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht zu fragen, wer hier gelebt hatte. Jedes Geräusch, so wunderschön es auch durch die Luft getragen werden mochte, konnte sie verraten. Wer wusste schon, was in diesen alten Gemäuern lauerte? Ein eiskalter Schauer nach dem anderen rann ihr über den Rücken und auch Koryphelia ging nun wieder von sich aus schnell genug. Sie konnte es wohl genauso wenig abwarten wie Leén, endlich dieses Nichts zu verlassen, und sie wollte sicher nicht allein zurückbleiben.

Aus der Nähe war die Mauer noch höher, als sie aus der Ferne ausgesehen hatte. Bestimmt hundert Schritt ragte das Bollwerk vor ihnen in die Höhe, aus so ebenem Stein erbaut, dass es aussah, als wäre sie aus einer einzigen Felsmasse geschliffen worden. Dunkle Mächte mussten am Werk gewesen sein, um dieses Ungetüm zu schaffen. Welche Seite sollte diese Mauer wohl vor der anderen schützen? Widerwillig beeindruckt legte Leén den Kopf in den Nacken und blickte den schwarzen Stein empor. Es machte ihr erst richtig bewusst, dass es hier Dinge gab, die in ihrer Welt undenkbar gewesen wären, obwohl es auch dort Magie und Unglaubliches gab. Das Beunruhigende daran war, dass sie den Bedrohungen der Unterwelt so vollkommen unvorbereitet gegenüberstanden. Warum hatte sie nicht wenigstens mehr Zeit gehabt, um ihr Licht zu trainieren? Das wiederum schien weiter fort denn je. Je näher sie der Mauer gekommen waren, desto dunkler war es geworden, und anstatt sie geradewegs in die Ohnmacht zu schicken, lähmte es Leén.

In Sichtweite eines Tores, das ebenso düster wie das Gestein vor ihnen lag, blieb Machairi stehen. Leén trat neben ihn, um sein Gesicht sehen zu können. Grimmige Entschlossenheit lag auf seinen Zügen und leider schien sich auch ein Hauch von Sorge dazuzugesellen. Wenn selbst er seine Besorgnis nicht verbergen konnte, war etwas im Argen. Ihre Sorge wuchs noch weiter an, als der Schatten nun endlich das Wort an seine Begleiterinnen richtete, denn es klang die Anspannung in der wundervollen Vielschichtigkeit seiner Stimme mit. »Die Stadt jenseits dieser Mauer ist trügerisch. Lasst euch nicht ansprechen, antwortet nicht und lasst euch nicht auf Versprechungen, Drohungen oder Bitten ein. Es ist eine Stadt der Lügen, die sich nicht um Wahrheit schert.« So eindringlich und vor allem ausführlich hatte sie Machairi niemals sprechen hören. Er hatte sich zu ihnen gedreht und sah sie beide so ernst mit seinen schwarzen Augen an, dass Leén erschauderte. Sie würde die Schönheit darin niemals ganz verstehen. Selbst hier war sie noch da, wo es doch nichts zu geben können schien, was in irgendeiner Form Schönheit versprechen mochte. »Vertraut niemandem«, fügte er noch einmal hinzu, als beide Frauen ihn nur anstarrten.

Leén nickte mit einem dicken Kloß im Hals und versuchte, sich diese Worte ins Gedächtnis zu brennen. Auch Kory nickte zögernd und die Angst in ihren Augen hatte nur noch zugenommen. Die Harethi selbst ballte eine Hand zur Faust, um sie am Zittern zu hindern. »Wieso gibt es hier eine Stadt? Leben dort Dämonen?« Das Wort allein reichte aus, dass ihr das Herz in die Kniekehlen rutschte. Erneut erinnerte sie sich an die dunkle Gestalt in ihrem Schlafzimmer und dass Machairi behauptet hatte, es habe sich nicht um einen Dämon gehandelt.

»Hier gibt es nichts, was die Bezeichnung ‚Leben‘ verdienen würde.« Da. Da war eine Emotion auf seinen Zügen. Nur für einen Bruchteil einer Sekunde und doch eindeutig flatterte Abscheu über sein Gesicht, bevor die glatte kalte Entschlossenheit zurückkehrte. »Die Stadt ist für die Toten. Die Verdammten und Verlorenen gehen hier ihren Aufgaben nach.« Dieses Mal schlich sich keine Emotion in Machairis Kälte, aber sie glaubte ihm trotzdem anzusehen, wie sehr ihm dieser Ort missfiel. Er sah nicht aus wie ein Heimkommender. Es wirkte mehr, als wolle er in den Kampf ziehen.

»Aufgaben?«, fragte Kory überrascht und es war das erste Mal, dass sie tatsächlich etwas sagte, was die Grenzen ihrer Schwermütigkeit überschritt. »Jene, die nicht in der Gnade der Götter stehen, sollen doch hier gefoltert werden, oder nicht?« Das hörte sich schon wieder mehr nach der geschwollenen Ausdrucksweise der Prinzessin an oder aber als habe sie es geradewegs aus einem Text der Zylonkirche zitiert.

»Nicht jede Folter wird in einer Folterkammer mit Peitschen und Streckbänken ausgeführt«, antwortete Machairi und blickte erneut der Stadtmauer entgegen. »Unendlichkeit in eintöniger Ausführung einer verhassten Arbeit ohne Ausweg, Ablenkung oder Amüsement ist eine ganz eigene Art von Folter.«

Das klang tatsächlich grausam, auch wenn Leén ebenfalls erwartet hatte, dass die Strafe mit dem Vergehen zusammenhing. Doch vielleicht war der Sinn der Unterwelt gar nicht, zu vergelten, sondern einfach nur zu strafen. »Was passiert, wenn man sich weigert oder doch irgendeine Form von Vergnügen sucht?«, fragte sie, obwohl sie nicht sicher war, ob sie die Antwort hören wollte.

»Die Konsequenzen für Verweigerung willst du hier ebenso wenig tragen wie oben und was dich erwartet, wenn du wegläufst, hast du ja gesehen.« Er deutete auf die leere Weite, aus der sie gekommen waren. Die Frage nach der Freude ließ er unbeantwortet, aber vielleicht konnte sie sich das auch selbst denken. Schließlich wirkte es unmöglich, die drückende Verzweiflung abzuschütteln. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man sich je daran gewöhnte, und es war gut möglich, dass sich jede gefundene Freude augenblicklich ins Gegenteil kehrte. Die Stadt machte ihr Angst, aber skurrilerweise war sie fast neugierig zu sehen, wie die Dinge hier liefen. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, hätte das niemals ausgereicht, um sie in diese Stadt zu bringen, aber es reichte jetzt, um sie nicht zur vollen Verzweiflung zu bringen. Deshalb nickte sie und straffte sich, allen Mut zusammenklaubend, den sie noch hatte, und bereitete sich darauf vor, Machairi in die Stadt der Lügen zu folgen.

Kory sagte nichts weiter, aber auch sie schien in der Lage, sich zusammenzureißen, als sich ihre beiden Reisegefährten wieder in Bewegung setzten. Leén beschloss, weiterhin ein Auge auf das Mädchen zu haben. Sie war schließlich erst fünfzehn. Es war sicher leichter, sie mit gesäuselten Worten und falschen Versprechungen hinters Licht zu führen. Leén selbst hatte sich vorgenommen, einfach nicht zuzuhören, egal was gesagt wurde.

Sicheren Schrittes trat Machairi auf das Tor zu. Er hatte nicht erwähnt, wie sie hindurchkommen sollten. Beinahe glaube sie, schon am Tor auf den ersten Ärger zu treffen, aber er schritt unbeirrt weiter auf die geschlossene Pforte zu. Ohne dass er auch nur klopfen musste, schwangen die Flügel des Tores auf und gaben den Weg frei. Völlig unverhofft hallte ihr plötzlich eine fast vergessene Stimme durch den Kopf. Kratzig und rau war sie gewesen und die alte Frau hatte mehr Sinnlosigkeiten von sich gegeben, als dass sie tatsächlich etwas Zielführendes gesagt hatte, aber trotzdem echote Leén in diesem Moment eines von Guras Worten durch den Kopf. Schattenprinz.

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