Mico machte ein spöttisches Geräusch. »So viel zu dreckiger Magie«, murmelte er. Laut sagte er: »Kein Herz, kein Ei. Das taugt im Notfall sicher auch.« Dann ging er und Vica explodierte. Was nahm er sich heraus? Dieses Ei stand ihr zu und sie würde es nicht seinen dreckigen Fingern überlassen.
Wütend stürmte sie ihm hinterher. Sie fand sogar auf Anhieb ihren Stock auf dem Boden. Der Ärger schärfte ihre Sinne wieder genug, um sich zurechtzufinden. Spítha ließ sie auf dem Bett liegen und rannte dem Magier hinterher. »Mico«, schrie sie und lauschte auf seine Schritte. »Das wirst du bereuen!« Das erste Tier, das ihr über den Weg lief, war ein kleiner Gecko. Ohne zu zögern, packte sie ihn, setzte ihn auf ihre Schulter und nutzte seine Augen, um Mico auszumachen, der geradezu vorsichtig auf den Wald zuhielt. Was auch immer er da wollte.
Hastig rannte sie ihm nach. Sie würde ihm den Schädel spalten, wenn sie musste. Dieses Ei gehörte ihr und nichts in der Welt konnte sie dazu bringen, davon abzulassen. Der Magier kümmerte sich nicht weiter darum und sie musste rennen. Das Dorf blieb schon nach wenigen Schritten hinter ihr und sie musste sich durch den Wald schlagen. Es forderte zu viel von ihrer Konzentration, um die Verbindung mit dem Gecko zu halten. Verstört und hektisch huschte das kleine Reptil von ihrer Schulter und verschwand im Wald. Es war egal. Sie hatte ihn gefunden. Hier im Wald reichte das Rascheln seiner Schritte im Unterholz, um ihn anzugreifen. Gerade als sie ihm einen kräftigen Schlag überziehen wollte, blieb er stehen. »Nicht!«
Sie erstarrte. Ja, sie hatte es auch gehört. Jetzt verstand sie auch, weshalb er in den Wald gegangen war: Er hatte etwas Verdächtiges gesehen oder gehört und wollte nachsehen. Den Stab über den Kopf gehoben war sie erstarrt und ihr Ohr zuckte, als sie etwas rechts von sich vernahm. Sie wollte in defensive Haltung gehen, aber jemand oder etwas hielt ihren Stab fest und hinderte sie daran. Ehe sie sich versah, war überall um sie herum eindeutig menschliche Bewegung, und als sie den Ersten angreifen wollte, hielten Männerhände sie fest und eine wahre Pranke drückte ihr den Mund zu. Von Mico war nichts zu hören.
Hektisch wand sie sich im Griff der Person und spürte hartes Metall zwischen sich und dem Angreifer. Eine Panzerung, zweifellos. Gepanzerte Soldaten. Viele davon. Und niemand hatte sie kommen sehen. Das konnte nur eines bedeuten: Cecilias Schiff hatte sie gefunden.
Die Unterwelt war so unwirklich, dass Leén beinahe geglaubt hätte, durch einen besonders finsteren Traum zu laufen. Noch immer war sie benommen und es kostete sie einiges an Kraft, auf den Beinen zu bleiben. Machairis Dunkelheit war stets nur temporär gewesen. Überwältigend und plötzlich hatte sie sie erdrückt und dann nach kurzer Zeit wieder losgelassen. Hier war es anders. Die Finsternis war allgegenwärtig. Von allen Seiten drückte sie auf Leén ein und ihr Licht focht tief in ihrem Inneren einen unaufhörlichen Kampf dagegen, den es nicht gewinnen konnte. Es war ihr am Vortag kaum gelungen, das Licht zurückzuhalten, und sie hatten viel zu schnell aufhören müssen. Nun konnte sie es kaum erreichen, spürte nur einen Schatten der üblichen Kraft und wünschte sich, Machairi hätte sie gezwungen, weiterzuüben. Hätte sie echte Kontrolle gelernt, hätte sie es vielleicht festhalten können.
Schon im Fall hatte sie die Kontrolle verloren. Die plötzliche Dunkelheit und Leere waren so allgegenwärtig und unendlich gewesen, dass sie keine Chance gehabt hatte, dagegen zu stehen. Als das Licht nicht hatte ausbrechen können, hatte die Panik sie überkommen und für viel zu lange Zeit war sie in einen unangenehmen Zustand verfallen, in dem ihr Körper trotz ihrer Ohnmacht gezuckt hatte und versucht hatte, sie in Sicherheit zu bringen. Es war ihm natürlich nicht gelungen. Ironischerweise war es ausgerechnet Machairis Stimme gewesen, die sie zurückgebracht hatte. Sie würde wohl nie ganz verstehen, was dieser Dämon an sich hatte, dass er sie in beiden Extremen beeinflussen konnte.
Wie durch ein Wunder hatte sie trotzdem genug Hoffnung schöpfen können, um aufzustehen und dem Dämon durch seine Heimat zu folgen. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie irgendetwas Lebendiges von hier kommen sollte. Erst recht nicht etwas so Perfektes wie Machairi. Doch was sollte er anderes sein als ein Dämon oder eine andere Kreatur aus der Unterwelt, wenn die Dunkelheit ihm so anhaftete wie ihr das Licht? Vielleicht war er ihr Gegenstück, oder sie sein Gegenstück. Wenn immer Gleichgewicht herrschen musste, konnte es doch sein, dass einem Götterkind ein Dämonenkind folgte, oder? Der Gedanke, dass Ebos persönlich sein Vater sein könnte, drängte sich unweigerlich auf und ließ ihr jedes Mal wieder beinahe die Beine einknicken. Ihn fürchtete sie am meisten. Es war hier schließlich nicht ausgeschlossen, dem Herrn der Unterwelt persönlich zu begegnen.
Sie hätte kotzen können, aber glücklicherweise war ihr Magen leer. Immerhin schien auch Machairi diesen Ort nicht zu mögen. Sie hatte trotz ihres Schwindelanfalls mitbekommen, dass er eindeutig gezögert hatte, bevor er sie hier hinabgezerrt hatte, und er hatte auch schon zuvor mit Bitterkeit von der Unterwelt gesprochen. Vielleicht hatte er Streit mit seiner Familie oder gar mit Ebos selbst und wollte deshalb nicht hierher zurück. In dem Fall waren sie sicher dazu verdammt, hier ihr Ende zu finden. Stöhnend rieb Leén sich die Stirn. Es war schwierig, hier klare Gedanken zu fassen, so sehr wie ihr die Dunkelheit aufs Gemüt drückte. Trotzdem war es der einzige Weg, um bei Verstand zu bleiben.
Es war fast ermutigend zu sehen, dass es Koryphelia noch schlechter ging als ihr. Die Prinzessin schien durch die Mutlosigkeit, die hier sogar in der Atemluft hing, so eingenommen, dass sie dort an Ort und Stelle sitzen geblieben wäre, hätte Machairi sie nicht gezwungen weiterzugehen. So einfach hätte nicht einmal Leén aufgegeben, auch wenn sie die Versuchung gespürt hatte. Inzwischen drehte sich Leén immer wieder um, um zu überprüfen, ob das jüngere Mädchen überhaupt noch da war oder ob sie sich einfach irgendwo hatte zu Boden sinken lassen. Wieder wirkte es, als würde Machairi sie ausblenden und sich gar nicht darum kümmern, dass es gut passieren konnte, dass sie aus Versehen einen von ihnen verloren. Immerhin war die Landschaft hier so eben, dass man sie noch eine ganze Weile hätte sehen können, bevor sie für immer verloren war. Überhaupt war es Leén ein Rätsel, wie der Schatten wusste, in welche Richtung er sich halten musste. Es gab keine Sonne, keine Sterne und die Monde waren im gleichen Abstand als Kreis im Himmel über ihnen verteilt. Wie sollten sie überhaupt wieder entkommen, wenn sich die Portale in solcher Höhe befanden? Es war schön und gut, dass ihr Licht, falls es denn erreichbar sein würde – denn gerade fühlte es sich weit fort und unerreichbar an –, das Tor vielleicht öffnen konnte, aber dafür waren sie noch lange nicht nah genug dran, um es überhaupt zu versuchen. Sie hoffte, dass Machairi diese Frage bedacht hatte. Sie tröstete sich damit, dass er vermutlich schon einmal hinausgegangen war – außer er war wie sie unter den Menschen geboren, dann waren sie vielleicht doch verloren. Der Gedanke, dass er sie anhand einer Vermutung hier hinabgezerrt hatte, die ihn hoffen ließ, dass sie es auch zurückschaffen würden, war beängstigend. Der Gedanke war leider nicht besonders abwegig, schließlich schien er stets überzeugt, dass er genau die richtigen Schlüsse zog. Doch was, wenn er nicht unfehlbar war? Es war nutzlos, sich darüber jetzt Sorgen zu machen. Das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem zu tun.
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