Tatsächlich schien sich die Dunkelheit nach ihm auszustrecken, ein Effekt, den sie schon häufiger beobachtet hatte. Er verschmolz mit dem Schwarz der farblosen Welt um sie herum und für einen kurzen Moment war sie doch wieder sicher, dass er Ebos‘ Sohn sein musste. Es klang wie ein dummes, abergläubiges Gerücht, aber sie waren in der Unterwelt und Gerüchte enthielten doch auch immer einen wahren Kern. So kostete es mehr Überwindung als erwartet, sich wieder in Bewegung zu setzten und dem Schatten durch das Tor der Stadt zu folgen.
Leén hatte noch nie einen vergleichbaren Ort erlebt. Wie schwerer Regen hingen Niedergeschlagenheit und Gram in der Luft. Es deckte sich über die ganze Stadt und ließ die grauen Häuser noch trister erscheinen. Die geraden Straßen, die sich gesäumt von gleichförmigen Häusern vor ihnen erstreckten, erinnerten an Kefa. Doch selbst die enge Hauptstadt Cecilias, die für Leén eindrucksvoll, aber auch beängstigend gewesen war, war mit ihren grauen Steinen freundlicher als diese Stadt. Noch immer gab es keinen einzigen Farbklecks. In der Ödnis hatte sich das Auge an die vielen Graustufen gewöhnt, aber hier, wo es hätte Farben geben müssen, war es zum Verrücktwerden. Außerdem war es schrecklich still für so eine große Stadt. Die seltsame Akustik der Unterwelt blieb ungenutzt und nur selten trug der Hauch eines Flüsterns an ihre Ohren. Es war windstill wie schon in der Steppe und obwohl gelegentlich die ein oder andere Person über die Straßen eilte, hätte es sich ebenso gut um eine Geisterstadt handeln können. Hier wohnte Traurigkeit. Es löste seltsame Beklemmung in ihr aus, diese bedrückten Menschen zu sehen. Die Harethi hatte sich gefragt, ob sie nicht auffallen würden, wenn sie mitten durch eine Stadt liefen. Sie hatte gedacht, dass die Menschen sie erblicken und in wildes Getuschel ausbrechen oder sie gar direkt ansprechen würden, aber sie wurden kaum eines Blickes gewürdigt. Den meisten Leuten schien ihre Anwesenheit geradezu egal zu sein.
Taube Niedergeschlagenheit schloss sich noch fester als zuvor um Leéns Herz und sie fühlte sich, als könnte sie augenblicklich in Tränen ausbrechen. Die Ängste, die sie auf dieser Reise mit sich trug, waren nur noch gewachsen und ihre vorher aufgekommene Neugierde war zerbröckelt. Sie konnte sich kaum mehr dazu motivieren, sich umzusehen, anstatt einfach auf die Kopfsteinpflasterstraße hinabzublicken. Das Tor hatte sich hinter ihnen geschlossen und weckte zusätzlich zur tiefen Traurigkeit ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Leén glaubte nicht, dass sich das Tor wieder so leicht für sie öffnen würde, wenn sie die Stadt verlassen wollten. In der Ferne, ähnlich wie in Kefa, erhob sich eine gewaltige Festung, die noch erdrückender über ihnen thronte als die Mauer. Schwarze Fahnen wehten an den Türmen, auch wenn es kein Lüftchen zu geben schien, und kalter schwarzer Stein bildete Wände und Zinnen. Wie Wolken oder Schwaden umfing die Dunkelheit jene Festung und ließ keinen Zweifel daran, wer dort residieren mochte. Leén wusste, dass ihr diese Finsternis sonst schrecklich auf den Magen geschlagen wäre und sie das Licht niemals hätte zurückhalten können. Doch Licht schien so fern an diesem Ort, dass nicht einmal die stärkste Finsternis es zu rufen vermochte.
Mit schwerem Herzen und Trauer in den Augen schleppte sie sich durch die Straßen, achtete kaum mehr auf Koryphelia, der die Tränen über die fahlen Wangen rannen. Während sie durch diese lieblose Welt voller Unheil und Gram liefen, verstand Leén, weshalb niemand hier Freude zu spüren vermochte. Noch nie hatte sie etwas derartig Niederschmetterndes erlebt und je länger sie hier waren, desto mehr drängten sich Erinnerungen auf. Sie wirbelten durch ihren Kopf und zwangen sie unaufhörlich, sich an Dinge zu erinnern, die sie lieber in sich verschloss. Der Tod ihrer Mutter. Die Gefangennahme ihres Vaters. Der Hunger im Bienenstock. Der Hass, der ihr so oft wegen ihrer Herkunft entgegenschlug und die Angst, die sie seit einiger Zeit kaum mehr ablegen konnte. So gut sie konnte, verbannte sie jeden Gedanken, drückte sie dahin zurück, wo sie hergekommen waren. Mehr und mehr wühlte sie selbst ihr Inneres auf und doch schien es nichts zu geben, was sie dagegen tun konnte. Sie reihte sich ein in den schwermütigen Reigen, der diese Stadt in seinen Bann riss. Endlos und schwer, gezeichnet von dem Horror, den hunderte Menschen in ihrem Leben erlebt hatten und jeden Tag aufs Neue rekapitulierten, während die Erinnerungen an glückliche Zeiten verblassten, das Grau der Stadt annahmen und zu nichts als Rauch wurden.
Die Menschen, an denen sie vorbleiliefen, während Machairi sie zielsicher durch die farblosen Straßen führte, blickten sie mit der gleichen Traurigkeit an. Verzweiflung und Schmerz hatte tiefe Furchen auf alle Gesichter gezeichnet. Es machte die Leute älter und keiner hielt sich mehr aufrecht. Sie alle bückten sich unter dem Joch, das diese Welt ihnen aufbürdete. Nichts ließ einen Schluss darüber zu, wer diese Menschen im Leben gewesen waren. In der Farblosigkeit verschwammen die Grenzen, die Kleider hätten ziehen können, und es schien keine Rolle zu spielen, in welcher eintönigen Tätigkeit man für immer festsaß. Obwohl es echte Berufe zu geben schien, war es kaum vorstellbar, dass irgendjemand hier eine Arbeit verrichten durfte, die ihm gefiel. Endlos schien die Stadt, wenn auch nicht groß genug, um all die Menschen zu fassen, die im Laufe der Geschichte in die Unterwelt verbannt worden sein mussten. Für einen kurzen Moment flammte die Hoffnung auf, dass es vielleicht doch eines Tages einen Ausweg geben konnte für die unglücklichen Seelen an diesem Ort. Dann fiel Leén ein, dass sie nicht sagen konnte, wie groß das Ausmaß dieser Stadt war, und dass Ebos sicher niemanden freiwillig aus seinen Fängen entließ.
Als Machairi einen schnellen Schritt in einen der Schatten machte, konnten die beiden Mädchen gar nicht schnell genug reagieren. Von einer Sekunde auf die nächste war er verschwunden und einen Augenblick später bogen zwei Gestalten in die Straße ein, auf der sie sich gerade befanden. Wie automatisch wich Leén an den Rand der Gasse zurück und senkte den Kopf. Furcht durchschlug die Traurigkeit wie eine Faust eine dünne Membran und sie hielt den Atem an. Die Gestalten hatten keine feste Masse oder erkennbare Züge. Es war, als spiele man ein Daumenkino mit einer anderen schwarzen Gestalt auf jeder Seite ab. Eine nicht enden wollende Ansammlung düsterer Silhouetten umwoben von leichten Schlieren dunkler Masse.
Kory und Leén wichen den Gestalten aus, so gut sie konnten, versuchten, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und hielten es so wie alle anderen Menschen auch. Machairi war nirgends zu sehen und Leén fragte sich, ob er nicht gesehen werden wollte oder ob er von dem gleichen Gefühl, diesen Wesen aus dem Weg gehen zu müssen, ergriffen worden war. Waren dies nun Dämonen? Ihre flüssige und doch menschliche Gestalt war jedenfalls, wie Leén es sich vorgestellt hatte. Es musste sich um Kreaturen handeln, die ohne Gutes geschaffen worden waren. Furcht, dass sie sie angreifen mochten, weil sie erkannten, dass sie sich hergeschlichen hatten, ergriff Leén und plötzlich hätte sie alles darum gegeben, ebenso in den Schatten verschwinden zu können wie Machairi. Wo war er hin? Warum ließ er sie hier allein? War dies der Moment, in dem Korys Blut von Bedeutung war? Warum hatte sie Tränen in den Augen, obwohl sie an nichts denken konnte als die lähmende Angst, die ihr Herz zerfleischte?
Doch die Schattenwesen beachteten sie nicht. Sie blieben vor einem nahen Haus stehen, das sich äußerlich nicht von den anderen unterschied. Die Tür dieses Hauses war verschlossen und die Fenster waren dunkel. Bekamen die Toten Schlaf? Oder durchbrach nicht einmal die Nachtruhe ihre unendliche Eintönigkeit? »Kedrick.« Vielschichtig und wie von hunderten Stimmen gleichzeitig gesprochen echote das Wort durch die Luft. Es ließ Leén das Blut in den Adern gefrieren. »Kedrick Wellentriel«, sprachen die Schattenkreaturen und es hallte durch die graue Straße. »Todestag.« Wieder und wieder wurden die drei Worte zurückgeworfen, echoten von überall her und schienen nicht verstummen zu wollen. Es war nicht auszumachen, ob die Wesen noch sprachen, oder ob es sich tatsächlich um ein Echo handelte.
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