Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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Der Mann, der die Tür öffnete, musste von Sinnen sein vor Angst. Leén wäre es gewesen. Sie wusste nicht sicher, was am Todestag geschehen mochte, aber es konnte nur ebenso grauenvoll sein, wie alles an diesem Ort vermuten ließ. In seinen unnatürlich blassen Augen lag der gleiche Ausdruck von besiegter Niedergeschlagenheit, wie ihn auch der Rest der Menschen hier trug, und es mischte sich Resignation hinzu. Auch wenn Leén Furcht in den Augen des Mannes zu sehen glaubte, wirkte er doch, als habe er sich auf abstruse Weise mit seinem Schicksal abgefunden. Was auch immer ihn nun erwartete, musste wahrlich grausig sein, und doch stellte er sich dem. Es mochte an scharfen hohen Wangenknochen liegen, doch sein Gesicht wirkte noch etwas fahler als die Haut anderer Cecilian. Eine Welle von Mitleid überrollte Leén, als sie beobachtete, wie Kedrick Wellentriel sich von den beiden Schattenkreaturen in die Mitte nehmen ließ und mit ihnen ging. Für einen kurzen Moment streifte ein besiegter Blick aus blassen Augen über tiefen Augenringen Leén und die Prinzessin, bevor er ihn auf den Boden richtete und von den Kreaturen um eine Ecke aus Leéns Blickfeld geführt wurde.

Noch einen Moment sah Leén dem Mann hinterher. Erstarrt und schockiert von der Resignation, die sicher nicht nur er hier angenommen hatte. Es machte ihr die Wirkung der Unterwelt auf ganz neue abscheuliche Weise bewusst und sie konnte nicht aufhören zu denken, dass kaum etwas im Leben schlimm genug sein konnte, dass ein normaler Mensch etwas Derartiges verdient haben mochte.

»Rish.« Kalte vielschichtige Melodik riss sie aus ihren Gedanken und sie fuhr zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. »Je weniger du darüber nachdenkst, desto besser.« Er war aus der Dunkelheit hinter ihr aufgetaucht. Eigentlich war dort eine Wand, aber er stand so selbstverständlich neben ihr, als sei dort eine Gasse oder wenigstens eine Tür, durch die er hätte kommen können. Sie bezweifelte, dass er durch das nahe Fenster geklettert war.

»Was passiert am Todestag?«, fragte sie und ihre Stimme zitterte noch immer vor Angst und dem Schauer, der einfach nicht aufhören wollte, sie zu erschüttern, weil sie nicht aufhören konnte, sich vorzustellen, was für Grauen den Mann erwarten mochte.

»Konkrete Strafen für konkrete Vergehen im Leben.« Jetzt erst nahm er die Hand von ihrer Schulter, weil sie sich endlich aus ihrer Starre löste und die dunkle Jacke enger um sich zog.

»Für immer?«, hauchte sie und konnte sich den Horror nicht vorstellen, den das bedeuten musste, wenn man jedes Jahr aufs Neue wusste, dass der Tag kommen würde und dass es kein Entrinnen gab. Sicher wie der Tod und nicht weniger angsteinflößend, aber wiederkehrend und vorhersehbar. Allein das war Strafe genug, wie sie fand. Wie diese Strafen am Todestag dann aussehen mochten, überschritt die Grenzen dessen, was sie sich vorstellen konnte und wollte.

»Denk nicht darüber nach«, riet Machairi ihr noch ein zweites Mal und dann ging er weiter. Sie folgten nicht der Straße, die die Dämonen genommen hatten. Leén war damit beschäftigt, verzweifelt zu versuchen, seinem Rat zu folgen und nicht weiter über die Unterwelt, ihre Strafen und das Grauen nachzudenken, das jeden hier ereilte. Sie versuchte, die drückende Trauer und die aufblitzenden Erinnerungen fortzudrücken, doch sie konnte an nichts anderes denken. Jeder schöne Gedanke, mit dem sie sich abzulenken versuchte, zerfiel unter ihren Fingern, bevor sie ihn zu fassen bekommen und seine süße Wohltat in diesem Schrecken fühlen konnte.

Schließlich zwang Leén sich, sich umzusehen. Wenn sie sich nicht mit dem ablenken konnte, was in ihrem Kopf war, musste sie versuchen, sich auf das zu konzentrieren, was sie sah, ohne anzufangen, darüber nachzudenken, wie grausam das war. Kory schlurfte mit gesenktem Kopf hinter ihr her, vermutlich ebenso in bösen Gedanken gefangen. Leén betrachtete die Menschen und die Häuser und versuchte zu raten, wo sich das Orakel befinden mochte. War es vielleicht möglich, dass es sich um einen Menschen gehandelt hatte? Eine Wahrsagerin vielleicht oder eine andere magische Person, die nie tatsächlich herabgebracht worden war, weil sie sterblich und nicht in der Gunst der Götter gewesen war? Wieder überrollten die Befürchtungen sie und Bilder von der Beerdigung ihrer Mutter blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Was, wenn sie auch hier war? Früher hätte sie gedacht, dass ihre Mutter eine so sanfte und wundervolle Person gewesen war, dass sie unmöglich in die Unterwelt geschickt worden sein konnte. Aber es gab so viele Dinge, die sie nicht über ihre Eltern gewusst hatte, und vielleicht waren die anderen Götter wütend auf die Frau, die der Grund war, dass Jico seine Göttlichkeit aufgegeben hatte. Was geschah mit den Menschen, die eigentlich in der Gunst ihres Vaters gestanden und deshalb nicht hierher gemusst hätten nach ihrem Tod? Vertraten die anderen Götter ihn oder hatte er seine Anhänger dazu verdammt, die Ewigkeit in diesem Hort der Grausamkeit zu verbringen? Der Gedanke schmerzte fast so sehr wie der, hier ihrer Mutter zu begegnen. Jede Harethifrau, die ihnen entgegenkam, jagte Leén einen Adrenalinschub von Angst durch den Magen und jedes Mal war sie erleichtert zu sehen, dass das eingefallene Gesicht nicht ihrer Mutter gehörte.

Gerade als sie glaubte, dass sie nicht mehr lange würde weitergehen können, ohne den Verstand zu verlieren, erreichten sie eine schwarze Wand. Stunden musste es her sein, dass sie das riesige Tor durchschritten hatten. Wie hatte ihr nicht auffallen können, dass sie inzwischen fast direkt vor der Festung standen? Leén fühlte sich schrecklich klein und verletzbar zu Füßen dieses Kolosses. Drohend bohrten sich die Türme den Monden entgegen und der glänzende schwarze Stein schien dunkler als die Dunkelheit selbst. Ihre Kehle schnürte sich zusammen und der Gedanke, dass Machairi sie offenbar geradewegs hineinführen wollte, war so einmalig abstoßend, dass sie sich nicht im Stande sah, ihm zu folgen. Das war keine Frage von mangelndem Vertrauen. Sie konnte einfach nicht. Ganz davon abgesehen war nirgends ein Eingang in Sicht.

»Oh nein«, hauchte Kory plötzlich und Leén fuhr zusammen und sah sich panisch in alle Richtungen um. Waren sie nun doch entdeckt worden? Sie suchte nach weiteren dieser teerartigen Wesen, die sich auf keine Gestalt festzulegen vermochten. Fast glaubte sie, bereits die dunklen Schwaden zu sehen, die sie umgaben.

»Was ist?«, quietschte Leén, als sie keine direkte weitere Bedrohung erkennen konnte, und fragte sich, ob die Prinzessin vielleicht noch später als Leén gemerkt hatte, wohin ihr Weg sie führen würde.

»In einer Übersetzung einer Nietali-Schrift habe ich gelesen, dass …« Sie brach ab, als Machairi ihr ins Wort fiel.

»Die Übersetzung ist schlecht«, knurrte der Schatten. »Hätte dein Großvater nicht beschlossen, dass die Königsfamilie kein Nietali mehr lernt, hättest du das Original gelesen und wüsstest das selbst.« Der Kommentar war erstaunlich scharf, wenn man bedachte, dass Kory nichts dafür konnte. Außerdem drängte sich die Frage auf, was Nietali sein konnte. Offenbar handelte es sich um eine Sprache oder eine Schrift, aber Leén hatte noch nie davon gehört.

»Woher weißt du das?«, fragte die Prinzessin und obwohl sie noch immer kaum Stimme hatte, klang sie nun eher skeptisch als angsterfüllt. Dass die Prinzessin von Cecilia Zugriff auf alte Schriften und Bücher hatte, konnte Leén sich vorstellen. Sie wusste sogar, dass Machairi in die Bibliotheken von Kefa eingebrochen war, um etwas über eine Person zu recherchieren. Vielleicht war er dabei auf den gleichen Text gestoßen – wobei sie auch nicht verstand, weshalb mit der Erwähnung der Sprache sofort klar war, um welchen Text es sich handelte. Woher er dann wusste, dass die Übersetzung fehlerhaft war, oder auch nur, dass der König erlassen hatte, diese Sprache nicht zu unterrichten, war dagegen unklar. Trotzdem wäre das nicht ihre erste Frage gewesen. Sie wollte viel lieber wissen, was denn überhaupt dort gestanden hatte, was die Prinzessin so erschreckt hatte.

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