Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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Je länger sie sich durch die Steppe schlugen, desto verwirrter war Leén davon. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es eine so große leere Fläche in der Unterwelt geben würde. Überhaupt war es komisch, dass es sogar Pflanzen gab. Wovon lebten die hier, wenn es weder Wasser noch Sonnenlicht gab? Es war zwar nicht ausgeschlossen, dass es Nacht war und die Sonne bald aufgehen würde, aber besonders wahrscheinlich kam das Leén nicht vor. Kein Ort von solcher Trostlosigkeit konnte jemals von einem Sonnenstrahl berührt worden sein. Seltsam war auch, dass es keine Geräusche gab. Ihre Stimmen hatten unheimlich seltsam und viel feiner geklungen, aber von der Umgebung drang kein Laut an ihr Ohr. Schon nach kurzer Zeit fühlte es sich an, als habe sich Druck auf ihre Ohren gelegt. Zwischendurch glaubte sie gar, es wäre noch schlimmer als unter Wasser, aber dann schnippte sie mit den Fingern neben ihrem Ohr und hörte, wie das Schnalzgeräusch die Stille durchdrang. Es war viel leiser, als es oben gewesen wäre, und auch ihre Schritte auf dem teils sehr steinigen Boden waren kaum zu hören. »Weißt du, wo du hinmusst?«, fragte sie schließlich laut an Machairi gewandt, um endlich wieder etwas zu hören und die Stille zu durchbrechen und die Gedämpftheit zu überwinden. Wenn sie ehrlich war, wollte sie auch gerne noch einmal hören, wie seine wundervolle Stimme hier klang. Es war ein lächerlicher Gedanke, aber seine feine Melodik fuhr ihr hier noch mehr in den Magen als vorher. In der Taubheit dieser Welt war das beinahe angenehm und inzwischen brauchte sie dringend etwas neue Motivation, sonst würde sie bald die sein, die sich auf den Boden sinken ließ und nicht weiterlief.

»Nicht so laut, Rish. Wir wollen keine ungewollte Aufmerksamkeit«, antwortete er mit alter Ruhe und in perfekter Harmonie. Diese Stimme war ebenso unnormal wie die Präzision, mit der er seine Messer warf. Sie wollte mehr davon hören, außerdem hatte er ihre Frage nicht beantwortet. Nebenbei fragte sie sich, wer oder was ihnen hier Aufmerksamkeit schenken sollte. Bis auf das farblose Gras gab es hier nichts, dem sie irgendeine Lebendigkeit zugeschrieben hätte.

Etwas leiser versuchte sie es noch einmal. »Weißt du, wo es ist?«, fragte sie. Ihre Stimme war zwar unangenehm fremd, aber tatsächlich überraschend wohlklingend. Es klang, als würde sie in der Luft in ihre Bestandteile zersetzt und in ihrem Ohr neu und besser wieder zusammengefügt.

»Ja.« Er wandte sich nicht zu ihr um, aber immerhin antwortete er ihr. Seit sie ihn kannte, hatte sie eine Antwort ernsthaft zu schätzen gelernt.

»Weißt du auch, wie wir dahin kommen?« Die Faszination über die Präzision der Töne rückte hinter ihrer Sorge zurück. Wissen, wo es war, konnte er auch über irgendwelche Überlieferungen oder Reolet, schließlich musste auch jemand das Orakel hier hinabgebracht haben. Vielleicht war jene Person erfolgreich in die Welt der Lebenden zurückgekehrt?

Dieses Mal ließ die Antwort länger auf sich warten. Ein wenig hoffte sie, dass er einfach nur genervt von ihren Fragen und nicht wirklich unsicher war. »Theoretisch«, sagte er schließlich und das klang überhaupt nicht verheißungsvoll.

Etwas schockiert starrte sie seinen Rücken an und ballte die zitternden Finger zu Fäusten. Auch die Prinzessin schien aufgehorcht zu haben. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen, die selbst in der Farblosigkeit hier zu sehen waren. Sah Leén selbst etwa auch jetzt schon so aus, als habe sie tagelang nicht geschlafen? Vielleicht, so fühlen tat sie sich allemal. »Was soll das denn heißen?«, fragte die Königstochter alarmiert und beide Mädchen erwarteten bangend eine Antwort.

Machairi blieb stehen und drehte sich zu ihnen um. Es hätten ebenso gut Funken von den schwarzen Augen stieben können. »Ich bin nie dort gewesen. Hört auf mit der Panik. Beide! Das zieht den Ärger an.« Der scharfe Unterton klang hier ebenfalls stärker aus seiner Stimme als sonst. Es war wahrlich faszinierend und in diesem Falle geradezu furchteinflößend. Kurz machten sie sich klein unter dem tadelnden Blick, den er ihnen zuwarf, dann drehte er sich um und ging weiter.

Korys Lippen bebten und sie sah aus, als würde sie im nächsten Moment in Tränen ausbrechen. Ihre Augen schwammen und Leén sah gerade noch rechtzeitig, dass sie Anstalten machte, sich hinzusetzen. Hastig griff sie nach dem Arm der Prinzessin und zog sie weiter. Sie mussten weitergehen, das hatte sie in der Wüste gelernt. Es war bezeichnend, dass Hareths Wüste gegen diesen Ort geradezu einladend wirkte, obwohl sie gedacht hatte, dass es keine unangenehmeren Voraussetzungen geben konnte. Sie war nicht bereit herauszufinden, wie viel schlimmer die Unterwelt werden konnte, denn Machairis Anspannung war zwar subtil, aber trotzdem vorhanden. Er versteckte sie noch besser als damals, als er den Drachenbiss zu verbergen versucht hatte, aber seit sie hier waren, war er noch wachsamer und wirkte fast besorgt. Vielleicht äußerte sich dieser Zustand darin, dass er Antworten gab, wo er sonst geschwiegen hätte. Er war eben doch nicht vollkommen. Dämon oder nicht, er hatte zumindest ein wesentliches Maß Menschlichkeit und damit musste es möglich sein, ebenso stark zu sein, wie er es war.

Leén beschloss, dass sie ihm wohl oder übel vertrauen mussten, wenn sie nun schon hier waren. Das Einzige, was sie tun konnten, war, ihm kein Klotz am Bein zu sein. Es konnte doch nicht so schwierig sein, sich ebenso zusammenzureißen wie er. Schließlich musste er die niederdrückende Schwere hier ebenso fühlen. Mit diesem Beschluss zog sie Kory mit sich und brachte sich selbst neuen Antrieb.

Diese neue Motivation aufrechtzuerhalten, war anstrengend und wurde hart auf die Probe gestellt, doch irgendwann tauchten vor ihnen dunkle Schatten auf, die zuvor nicht dort gewesen waren. In einer Welt aus Graustufen war das schwer festzumachen, aber je näher sie kamen, desto mehr glaubte sie, dass es sich um eine Art Dorf handeln mochte. Lebten Dämonen in Dörfern? Wie viele Dämonen gab es überhaupt?

Leén wusste nicht, worauf sie da zusteuerten. Klar war nur, dass Befestigungen bedeuteten, dass dieser Ort bevölkert war oder es zumindest gewesen war. Das war unvorstellbar. Sie hatte sich die Unterwelt als eine einzige große Folterkammer mit Lavaflüssen und einer Menge Feuer vorgestellt. Dämonen als entstellte Menschen oder unwirklich perfekte Menschen wie Machairi würden die Folter ausführen und über alldem hätte ein Thron gestanden, von dem der Herr der Unterwelt das Leiden überwachte. Ein Dorf passte in dieses Bild nicht hinein.

Bald schon konnte man die ersten Häuser von den anderen abgrenzen und als sie noch etwas näherkamen, konnten sie hinter jenen Gebäuden eine gewaltige Mauer emporragen sehen. Bedrohlich erhob sich das Bauwerk über die Ebene und schon von Weitem wollte man am liebsten die Flucht ergreifen. Andererseits wollte Leén ohnehin schon die ganze Zeit die Flucht ergreifen und immerhin sah es aus, als kämen sie ihrem Ziel so näher. Kory wimmerte leise und stemmte sich mehr und mehr gegen Leén, sodass sie bald Schwierigkeiten hatte, die Prinzessin zum Weitergehen zu bewegen. Der Anstrengung war Leén nicht gewachsen und als das Mädchen sich schließlich endgültig auf den Boden sinken lassen wollte, konnte sie sie nicht daran hindern. »Komm schon«, bat Leén sie flehend. »Mach es uns doch nicht noch schwerer.« Aufzugeben war keine Lösung, das musste ihr doch klar sein.

»Was immer hinter dieser Mauer liegt, ist nichts für mich«, hauchte die Prinzessin, starrte angstvoll auf die Mauer und kauerte sich weiter am Boden zusammen. »Es ist furchtbar hier«, wimmerte das Mädchen und von ihrem Stolz war nichts mehr übrig.

Leén seufzte und hockte sich vor ihr hin. »Die Ewigkeit hier zu verbringen ist doch auch keine Lösung, oder?« Sie streckte eine Hand aus. »Wenn wir wieder zurückwollen, müssen wir jetzt weitergehen.« Es kostete sie ein riesiges Maß an Beherrschung, sich ein Lächeln abzuringen, aber ihr Überlebenswille hatte endlich wieder angeschlagen. Sie wollte nicht für alle Ewigkeit in dieser grausigen Melancholie feststecken und es würde ihr gelingen, einen Weg zu finden. Machairi hatte zumindest einen Plan und wenn der nicht funktionierte, würde sie eben auf etwas anderes zurückgreifen müssen. »Wirklich etwas zu verlieren haben wir nicht, oder?«

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