»Nun, ich denke, ich werde mich nun zurückziehen«, sagte sie stattdessen und schenkte der Faust ein verbindliches Lächeln. Etwas auffordernd musterte sie ihr Gegenüber, versuchte noch immer verzweifelt zurückzufinden zum richtigen Verhalten.
»Was schaust du so?«, fragte die andere skeptisch und ihr Tonfall wurde wieder bissiger. »Du erwartest jetzt nicht ernsthaft einen Knicks von mir, oder?« Etwas bedrohlich funkelte sie sie an und in ihren Augen spiegelte sich das flackernde Licht der Fackel, die am Haus hing.
Es sah so einschüchternd aus, dass Koryphelia große Probleme hatte, den Kopf gerade zu halten und die Schultern zu straffen. »Ein ›Gute Nacht, Prinzessin‹ würde schon reichen«, gab sie möglich selbstbewusst zurück und schmunzelte. Sie hatte bereits bei ihrer ersten Begegnung im Palast des Sultans von dem Gedanken Abstand genommen, jemals Respekt von einer der Bienen zu erwarten. So waren diese Leute nicht erzogen und sie tat gut daran, sich dessen zu erinnern.
Schnaubend schüttelte die Faust den Kopf. »Du hast Nerven! Ich hoffe, dass du morgen schrecklichen Muskelkater hast.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, musste allerdings selbst grinsen. »Marsch ins Bett, Prinzessin.« Mit einem letzten Augenrollen wandte sie sich ab und hielt auf eine der Feuerstellen zu. Offenbar war sie noch nicht gewillt, selbst ins Bett zu gehen, aber sie musste ja auch am nächsten Tag nicht in die Unterwelt.
Doch etwas beleidigt, aber auch ein Stück weit amüsiert, hielt Koryphelia auf ihre Tür zu und verschwand in ihrem Zimmer. Ein richtiges Bad hätte ihr besser gefallen, als sich nur in der Waschschüssel vom Dreck zu befreien. Die Vorstellung, jemanden nach einer Wanne fragen und dafür ihr schrecklich schlechtes Silou verwenden zu müssen, war allerdings so abstoßend, dass sie sich lieber mit den Gegebenheiten arrangierte. Als Prinzessin eines Reiches, in dem sowohl Cizethi als auch Silou gesprochen wurde, hatte sie natürlich auch Unterricht in der Sprache der Zhaki erhalten. Da allerdings selbst die meisten Zhaki mehr und mehr dazu übergingen, die Sprache ihres Heimatkontinents zu sprechen, und ihr Vater die Sprache der Gegner als wichtiger ansah, hatte der Fokus häufiger auf Hack gelegen. Infolgedessen sprach sie das nun so gut, dass sie sich auch über komplexe Themen einigermaßen eloquent unterhalten konnte. In Silou dagegen hatte sie nie die Grundlagen überschritten und war entsprechend nicht besonders erpicht darauf, es anwenden zu müssen. Wie hätte sie auch voraussehen sollen, dass sie jemals an einem Ort wie diesem sein würde, wo insgesamt weder Cizethi noch Hack gesprochen wurde?
Das Wasser in der Schüssel war kalt. Eine weitere Unannehmlichkeit, mit der sie nicht gerechnet hatte. An Bord des Schiffes war sie schon allzu sehr verwahrlost, da es in diesen Kreisen scheinbar unüblich war, ordentliche Körperpflege zu betreiben. Nach langem Drängen hatte der Kapitän sich jedoch dazu durchgerungen, ihr jeden Tag einen Eimer mit Frischwasser zukommen zu lassen, was von der Besatzung mit einem großen Stirnrunzeln quittiert worden war. Dabei war sie sich fast sicher, dass der Schatten etwas Ähnliches in Anspruch genommen hatte, ob seines tadellosen Aussehens. Machairi war ohnehin eine höchst rätselhafte Person. Stets schien er sehr genau zu wissen, was er tat, doch das führte auch dazu, dass er niemandem sonst Fehltritte durchgehen ließ. Alles hatte so zu laufen, wie er es geplant hatte. Niemals hätte sie ihm das sagen dürfen, aber es erinnerte sie stark an ihren Vater. Starrsinn war eine Eigenheit, die viele Mitglieder der Königsfamilie, teils auch Koryphelia selbst, an den Tag legten. Dabei waren Flexibilität und Nachsicht wichtige Tugenden. Zudem wirkte es, als habe gerade Machairi die nötigen Ressourcen und Talente, um Fehltritte ohne großes Risiko auszugleichen. Warum also war er so kleinlich mit denen, die ihm folgten?
Unendliche Gedankenströme hielten die Prinzessin wach, als sie sich endlich in ihr Bett gekuschelt hatte. Auch wenn sie vom Training und der Reise müde war, konnte sie in Anbetracht des kommenden Tages nicht zur Ruhe kommen. Ständig sann sie wieder über die Unterwelt nach, jenen furchtbaren Ort, an dem ihre Götter ihr nicht zu helfen vermochten. Sie dachte an die Angst, die sie verspürte, und an den Messerdämon, über den sie eigentlich zu wenig wusste, um ihm an einen solchen Ort zu folgen. Auch über das Harethimädchen dachte sie nach, das noch mit ihnen kommen würde. Ihre eigenen Veränderungen trieben sie um und als sie es im Bett nicht länger aushielt, weil sie sich nicht nur schlecht vorbereitet, sondern auch uninformiert fühlte, stieg sie aus dem Bett, trat ans Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Friedliches Zirpen klang aus dem nahen Wald und noch immer drangen leise Stimmen und Musik durch die Nacht bis an ihr Ohr. Ob Rish ebenso wach lag wie sie? Das andere Mädchen wirkte stets überfordert, vielleicht gar ängstlich und keiner der anderen schien eine besonders hohe Meinung von ihr zu haben. Trotzdem hatte sie etwas bei oder an sich, was sie für diese Reise qualifizierte. Gegen wie viele Wesen der Unterwelt konnte Machairi kämpfen? Man brauchte keine allzu hohen Kompetenzen im logischen Denken, um zu wissen, dass ihre Reise in beunruhigend vielen Fällen zum Tod führen konnte.
Von neuer Angst ergriffen ließ sich die Prinzessin von Cecilia auf die Knie sinken und begann zu beten. Wenn die Götter sie hörten, dann wohl an einem Ort wie diesem. Sie betete zu Zylon, dass er seinen Schutz über sie legen und sie mit den Kräften seiner Welt lenken möge. Sie betete zu Amila, dass ihr Verstand dort unten nicht vernebeln und zu Jico, dass ihr Körper der Belastung standhalten möge. Sie betete zu Mella, dass ihr Herz nicht verzagen und zu Bico, dass die Dunkelheit ihre Seele nicht korrumpieren möge. Koryphelia betete. Sie betete und betete, bis ihr die Augenlider schwer wurden und sie die Angst nicht mehr so sehr spürte. Die Götter waren nah an diesem Ort und irgendwann senkten sie sie sanft in ruhigen Schlaf.
Es war nicht die Sonne, die das Mädchen mit dem ersten Licht des Tages wachkitzelte. Ein lautes Hämmern an der Tür ließ Koryphelia hochfahren. In einer äußerst unbequemen Position lag sie auf dem Boden und hatte für einen Moment das Gefühl, jeder Muskel in ihrem Körper sei verspannt. Stöhnend setzte sie sich auf und fuhr sich durch den Nacken.
Erneut hämmerte jemand gegen die Tür. »Prinzessin?« Die Stimme des Magiers trug durch das unebene Holz der Tür. »Seid Ihr wach?« Immerhin einer, der ihren Titel anerkannte. Leider übertrieb er es zeitweise, sodass sie sich veralbert vorkam. Seufzend stand sie auf und streckte sich.
»Ja!«, sagte sie laut und versuchte das Gewand zu ordnen, in dem sie geschlafen hatte. »Ich bin allerdings noch nicht fertig.« Es fehlte noch, dass er auf die Idee kam, hereinzukommen und sie in diesem Zustand zu sehen. Waren die Kleider, die man ihr gegeben hatte, auch leicht schmutzig vom Kampftraining und nicht besonders fein, waren sie doch besser als das Unterkleid, das sie in diesem Moment trug. Leider würde das orange Ding ihr in der Unterwelt im Wege stehen, aber eine Alternative hatte sie wohl nicht. Einzig das blaue Kleid, mit dem sie aus dem Palast geflüchtet war, befand sich noch in ihrem Besitz. Das eignete sich wohl noch weniger. Man musste sich zu behelfen wissen.
Als habe er ihre Gedanken gelesen, erklang die Stimme erneut. »Darf ich eintreten? Ich habe neue Kleider für Euch!«
Mit einem leisen Seufzen griff Koryphelia nach der Decke, die noch auf dem Bett lag und wickelte sich hinein wie in einen Morgenmantel. »Na gut«, antwortete sie und straffte sich, als die Tür sich öffnete. Der Cecilian wurde schrecklich entstellt von einer Narbe, die sich quer über sein Gesicht zog. So frisch wie sie noch war, konnte er immerhin hoffen, dass sie verblassen würde, wenn mehr Zeit verging, doch sie würde stets auf den ersten Blick auffallen. Er trat ein und verneigte sich angemessen. Über einem Arm trug er einige Bahnen Stoff, von denen ein Ärmel hinabhing. Jemand hatte die Gewänder schwarz gefärbt und Koryphelia spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Händler trugen schwarz, Adlige und reiche Männer und jeder, der mit Toten arbeitete. Eine Dame trug Farben und aufwändige Schnitte – je extravaganter desto besser und das nicht nur in Hareth. Das letzte Mal, das Koryphelia schwarz getragen hatte, war zur Beisetzung und Trauerzeit ihrer Mutter gewesen. Der Tod der Königin hatte das Leben der Prinzessin stark verändert und sie dachte noch oft mit Sehnsucht an die liebevolle Frau zurück, die ihre Mutter gewesen war. Ob sie vielleicht dort war? Welch absonderlicher Gedanke. Selbstverständlich war eine rechtschaffene Frau wie Königin Laurena an Zylons Tafel aufgenommen worden. Sie hatte ein Leben voller Ehrfurcht vor den Göttern gelebt und all ihre Pflichten erfüllt. Wie konnte ihre Tochter das anzweifeln?
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