»Wenn du mir das nächste Mal ungefragt auf die Nerven gehst, landest du unwiederbringlich in der Unterwelt.« Dieses Mal war die Drohung so konkret und eisig, dass sie Gwyn beinahe den Magen umdrehte. Schockiert sah er auf in Machairis Gesicht und fand so bodenlose Kälte, dass alles in ihm erfror. Da half auch die schönste Stimme nicht, eher im Gegenteil. »Raus«, sagte Machairi in leicht gesenktem Tonfall und bevor er wusste, was er tat, floh Gwyn.
Er dachte nicht darüber nach, wo er hinrannte, aber selbst, wenn er es getan hätte, wäre die Wahl wohl nicht auf sein Zimmer gefallen. Die näherkommenden Wände konnte er jetzt nicht ertragen und so trugen seine Beine ihn aus dem Haus hinaus und durch das Dorf. Es war, als hätte sein Körper nur darauf gewartet, dass er endlich wegrannte. Es war seltsam befreiend zu laufen und er konnte nicht stehen bleiben. Eilig trugen seine bloßen Füße ihn durch den Urwald, immer weiter fort vom kleinen Dorf. Zweige schlugen ihm ins Gesicht und Bäume streckten ihre düsteren Äste nach ihm aus. Allerlei Kreaturen flohen vor ihm oder fauchten ihn an und kaum etwas davon drang zu ihm durch. Wie von Sinnen rannte er durch den Wald, sah nur immer wieder die eiskalte Drohung auf den Zügen des Dämons und fühlte, wie ihn Furcht, Verzweiflung und Schuld verfolgten.
Gwyn würde sich nie daran erinnern, wie lange er gerannt war oder wann seine Beine einfach nachgaben. Er würde niemals verstehen können, welchen Weg er gerannt war und ob ihn eine innere Stimme hierhergezogen hatte oder ob es reiner Zufall war, dass er genau hier zusammenbrach. Alles, was er später wusste, war, dass er an einem Ort aufwachte, der nichts gleichkam, was er je gesehen hatte.
Als die Prinzessin sich im Stande sah, wieder aus dem Holzhaus, in dem man sie untergebracht hatte, zu treten, war es bereits erschreckend spät. Das sanfte Sonnenlicht des Abends war wahrlich viel angenehmer als die stechende Hitze des Tages. Koryphelia hatte mit ihrer hellen Haut große Probleme gehabt. Es war ihr ein Rätsel, wie die anderen Cecilian es aushielten, sich durch diese Hitze zu schlagen. Es war schlimmer als in Hareth und hier kam auch noch hinzu, dass es sich um eine garstig verwilderte Umgebung handelte. Sie musste zugeben, dass es sehr hübsch anzusehen war, doch war der positive Anblick von schwirrenden Insekten, weglosem Wald und natürlich beißendem Sonnenlicht überlagert. Wenigstens einen Hut hätte man ihr doch beschaffen können, oder etwa nicht?
Ihre Gedanken an angemessene Kopfbedeckungen und über den primitiven Zustand des Dorfes waren durch die Aussicht, in die Unterwelt zu müssen, stark in den Hintergrund gerückt. Hätte ihr noch beim letzten Sonnenaufgang jemand gesagt, er wollte sie in die Unterwelt bringen, hätte sie vielleicht gelacht, vielleicht hätte sie die Flucht ergriffen und vielleicht hätte sie diese Person über Bord geworfen. Unter keinen Umständen hätte sie erwartet, dass sie ohne jede Widerrede zustimmen würde. Fast interessiert war sie nun an den infernalischen Tiefen aller Welten. Wie maliziös war jener Ort tatsächlich? Niemals hatte die Prinzessin mit jemandem gesprochen, der sich hinabgewagt hatte. Nicht die ältesten Werke der Bibliothek hatten eindeutige Belege aufzuweisen gehabt, nicht die arriviertesten Schriften vermochten Beweise für ihre Theorien über die Unterwelt zu liefern. Die Hoffnung, all die grausamen Dinge könnten allzu sehr pointiert sein, bestand immerhin. Koryphelia hatte in ihrer kurzen Zeit in Machairis Gegenwart bereits gelernt, dass Entscheidungen des Schattens unumstößlich feststanden. Freiwillig war sie hergekommen und wenn sie nun für diese Reise designiert war, würde sie sich dem stellen. Zudem fühlte sie sich verpflichtet, unter Beweis zu stellen, dass sie eminent nützlich sein konnte. Auch wenn ihr bisher nicht bis ins letzte Detail klar war, wie sie jenen Nutzen selbst erkennen sollte.
Unter anderem deshalb hatte sie die Aufforderung der insolenten Faust angenommen. Ein marginales Grundwissen in diversen Verteidigungstechniken hatte sie bereits über die Jahre akquiriert. Sogar ihr Privatlehrer hatte sich dazu hinreißen lassen, ihr nach langem, höchst unköniglichen Drängeln einige tradierte Kampfstile vorzustellen. Die Umsetzung jener alten Überlieferungen war allerdings sowohl beim Lehrer selbst als auch bei Koryphelia am Talent gescheitert. Ein anderes Mal hatte sie einen jungen Soldaten überzeugen können, ihr ein paar wichtige Kampfschritte zu zeigen. Leider hatte ein doppelzüngiger Diener ihrem Vater davon berichtet und dem Soldaten waren infolgedessen Respektlosigkeit und unhaltbares Verhalten vorgeworfen worden. Die Strafe war so grausam ausgefallen, dass jeder Kontakt mit der Prinzessin von da an unter Soldaten gefürchtet war. So war die Prinzessin nun geradezu erleichtert, dieses Angebot des anderen Mädchens erhalten zu haben, weil sie endlich die Gelegenheit bekam, zumindest ein kleines Maß an Selbstverteidigung in der Praxis zu erlernen. Bedauerlich war nur, dass die Zeit dafür so gering ausfiel.
Es galt also, keine Zeit mehr zu verlieren. Sicherlich würde es schwierig werden, wenn die Sonne erst vollends der Nacht Raum gegeben hatte. Das rothaarige Mädchen lehnte an einem mächtigen Baumstamm. Sie beobachtete eine Gruppe junger Zhaki-Männer dabei, wie sie unter Anleitung einer mittelalten Dame eine höchst skurrile Gerätschaft aufbauten. Der Nutzen der vielen Balken und Seile blieb der Prinzessin verborgen, aber da es sich vermutlich um eine profane Alltagsarbeit handelte, hielt sich die Neugierde des Monarchenkindes in Grenzen. Aufrecht und möglichst würdevoll trat sie auf das andere Mädchen zu. »Ich wäre dann bereit«, erklärte sie und lächelte verbindlich. Ein wenig grauste es ihr doch davor, die nächsten Stunden mit dieser impertinenten Person zu verbringen, aber der Aufenthalt an einem vermutlich garstigen Ort wollte ordentlich vorbereitet sein.
»Ich hoffe, du hast dir nicht allzu viel Mühe gegeben, als du dir die Nase gepudert hast«, spottete die Faust, während sie voranschritt, um den Weg zum Übungsfeld zu weisen. »Es wird mir gehörig Spaß machen, dich in den Dreck zu werfen.«
Das bezweifelte Koryphelia nicht. Ein Schatten wie die Faust empfand gewiss ein absonderliches Maß an Genugtuung, wenn sie die Möglichkeit bekam, ein Mitglied des Königshauses bloßzustellen. In diesem Zuge nahm die Prinzessin sich vor, es ihr nicht allzu leicht zu machen. Haltung zu bewahren war stets von allerhöchster Wichtigkeit. Trotzdem honorierte sie eine solch provokante Aussage nicht mit einer Antwort und folgte dem roten Wirbelwind über ein schmales Brett, das als Brücke über den Fluss fungierte. Eine wackelige Angelegenheit, fraglos. Dennoch schaffte es die Prinzessin, die mit einem guten Gleichgewicht gesegnet war, problemlos trocken auf die andere Seite. Die Sonne versank gerade jenseits des Dorfes und tauchte die Welt mehr und mehr in Zwielicht. Die sogenannte Trainingsfläche war allerdings weiter nichts als eine sehr zertrampelte erdige Wiese.
»Nun gut.« Die Faust nahm eine militärisch anmutende Haltung ein und musterte ihre Schülerin streng. Ein Blick, den auch Koryphelias Lehrer gemeistert hatten. »Grundsätzlich musst du immer davon ausgehen, dass niemand dir etwas Gutes will. Wenn ich so an das Reiseziel denke, kann man denk ich sogar mit Sicherheit sagen: Alles will dich töten!«
Das wagte Koryphelia in Frage zu stellen. Schließlich war man technisch gesehen im Normalfall bereits tot, wenn man in die Unterwelt gelangte. Außerdem empfand die Prinzessin es als reichlich kleingeistig, aus Prinzip nicht an ehrenhafte Absichten zu glauben. Möglicherweise war alles unter Generalverdacht zu stellen ein Nebeneffekt, wenn man unter dem Abschaum des Bienenstocks aufwuchs, auch wenn eine Prinzessin sich nicht selten mit linkischen Personen und pelzigen Zungen konfrontiert sah. Nichts davon sprach die Hochwohlgeborene aus.
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