Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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»Wir als Frauen müssen uns unseren Respekt meistens härter erkämpfen als die Mistkerle.« Grimmig grinsend warf die Faust die roten Locken zurück. »Deshalb schlage ich immer zuerst.« Etwas herablassend musterten die grünen Augen dann die Prinzessin und sie runzelte die Stirn. »Allerdings wirst du wohl keine Zeit haben, dir dort unten einen Ruf aufzubauen, aber es ist trotzdem ein gut gemeinter Rat, wenn ich so an die Schnösel denke, die dir unter den Rock kriechen wollen.«

Bei allen Göttern, die Frivolität dieser Person war wirklich unglaublich. Mit jedem Wort hatte Koryphelia das Bedürfnis, sich zu verteidigen. Sie stellte sogar die Theorie auf, dass dies das eigentliche Ziel der Faust war: Sie so sehr zu beleidigen, dass sie sich wehrte. Nun, da konnte der Schatten lange warten. Wenn man als Thredians Tochter eines lernte, war es, herabwertende Tiraden über die eigene Person zu ignorieren, und Koryphelia würde ganz sicher nicht dazu übergehen, bei jeder Kleinigkeit mit Gewalt zu reagieren.

Wieder musterte die Faust sie und seufzte schließlich. »Im Grunde geht es nur darum, die nächsten Schritte des Gegners vorauszusehen und selbst möglichst unberechenbar zu sein. Im Zweifelsfall musst du immer mehr austeilen als einstecken, im Idealfall wirst du gar nicht erst getroffen.« Sie stellte sich etwas breitbeiniger hin und federte auf und ab. Möglicherweise war die Hose, die das Mädchen trug, tendenziell besser geeignet als das Kleid, das Koryphelias zarte Figur einhüllte. Außerdem war sich die Prinzessin sicher, dass es Situationen gab, in denen beides unmöglich war. Wenn sie beispielsweise an den Dämon dachte, schien es wahrscheinlicher, dass sie überhaupt nicht dazu kommen würde, irgendetwas auszuteilen, aber gehörig einstecken würde. Selbstverständlich galt selbiges auch für die Faust selbst. Das rothaarige Mädchen konnte nicht behaupten, dass sie irgendeine Chance gegen den Dämon hatte. Nicht einmal Zedian, der die exzellente Ausbildung eines Prinzen erhalten hatte, hatte auch nur einen einzigen erfolgreichen Angriff gestartet.

Die nächsten Stunden waren vielleicht die anstrengendsten ihres Lebens. Alles an dieser Situation war befremdlich. Niemals ließ die Faust eine Gelegenheit verstreichen, um diverse Sticheleien auszuteilen und auch Korys Schwachstellen nutzte sie gnadenlos aus. War die Prinzessin zu Anfang noch steif und darauf bedacht, sich dieser Übung würdevoll zu stellen, merkte sie selbst, wie ihr eigenes Verhalten ihr immer fremder wurde. Je häufiger der Schatten sie zu Boden warf, desto ehrgeiziger wurde sie, und in diesem Zuge legte sie auch ihre gewohnten Verhaltensmuster ab. Bald schmerzten ihr der Rücken und die Beine von unzähligen Stürzen und ihre Hände waren wund. Die Anstrengung trieb das Blut in ihren Kopf und Schweiß verklebte ihre blonden Haare, die inzwischen wirr und zerzaust in alle Richtungen standen. Niemals hätte ihr Vater sie so sehen dürfen. Doch trotz allem, trotz der ermüdenden Erniedrigungen und der nervenaufreibenden Langwierigkeit, machte es Spaß, mit der Faust zu trainieren. Zum ersten Mal hatte die Prinzessin das Gefühl, dass ihr Titel ihr nicht im Wege zu einer ganz gewöhnlichen Beziehung zu einem anderen Menschen stand. Schließlich war die Faust zu jedem so und hinter ruppigen Gesten und genervten Kommentaren glaubte Koryphelia, eine aufrichtige und gutherzige Person zu erkennen. Es war erfrischend.

Außerdem war die Faust überraschenderweise eine gute Lehrerin. Sie zeigte Koryphelia, wie sie bestimmten Schlägen am besten ausweichen konnte, verriet ihr Tricks, wie sie ihre mangelnde Stärke ausgleichen konnte, und brachte ihr bei, Angriffe abzuwehren. Viel zu oft machte die Prinzessin Fehler, ärgerte sich darüber und hatte das unfassbare Bedürfnis, in dieser Disziplin Talent zu beweisen. Generell fand sie selbst, dass sie sich für eine allererste Kampferfahrung gar nicht schlecht schlug. Natürlich war sie der Faust hinterher noch immer horrend unterlegen und würde vermutlich auch gegen die meisten anderen Gegner verlieren, was nennenswert an ihrem Selbstvertrauen kratzte. Dennoch musste sie sich auch dafür loben, dass sie es später zumindest schaffte, einigen Schlägen auszuweichen, sich gefährlichen Situationen vorerst zu entwinden und zumindest dazu zu kommen, den ein oder anderen Angriff zu setzen, auch wenn die stets ins Leere trafen. Im Endeffekt hatte Koryphelia das Gefühl, wirklich etwas gelernt zu haben, ob es nun ausreichend war oder nicht.

Erst als sie einander nicht mehr erkennen konnten, weil sich das dunkle Tuch der Nacht endgültig über die Trainingsfläche gedeckt hatte, hielt die Faust inne. Jenseits des Baches schien das Licht zahlreicher Leuchten vom Dorfe herüber und ließ das dunkle Wasser glitzern. »Gut, das reicht.« Die Silhouette der Faust streckte sich und strich sich den weißen Handschuh wieder über, den sie während der Übung abgelegt hatte. Immerhin war auch sie angestrengt. Ein kleines Gefühl von Triumph erfüllte die Prinzessin, während sie sich aufrichtete und den Dreck aus ihrem Kleid schlug, der sich notgedrungen darin verfangen hatte. Ein Bad wäre nun eine angenehme Abwechslung gewesen. Außerdem war Koryphelia so müde, dass sie sich sehnlichst ein Bett wünschte. Schließlich würde sie ihre Kraft am nächsten Tage wohl brauchen.

Ein wenig mutete die Stimmung an, als sei sie gerade aus einem höchst skurrilen Traum erwacht, und die Prinzessin schämte sich, so bereitwillig aus ihrer Rolle gefallen zu sein. Diese Menschen sollten kein Umgang für sie sein und ganz sicher sollte sie keine Sympathien für sie hegen. Es änderte nichts daran, dass es ihr gefallen hatte. Was ein unheimlich schlechtes Zeichen hätte sein sollen, fühlte sich nicht wie eines an. Möglichst schnell versuchte sie, in ihre Rolle zurückzufinden, was nur halbwegs gelang. »Nun, vielen Dank für den Unterricht.« Koryphelia straffte die Schultern. Dummerweise war es so dunkel, dass man keine Gesichtsausdrücke mehr ausmachen konnte.

»Du hast dich gar nicht so dumm angestellt, wie ich erwartet hatte.« Amüsiert schlug die Faust ihr gegen die Schulter, was vermutlich eine freundliche Geste darstellen sollte, allerdings einen dumpfen Schmerz durch ihren Oberarm jagte. Koryphelia war zufrieden mit sich, dass sie die Erwartungen übertroffen hatte. »Vielleicht wäre es trotzdem besser, wenn du vorerst doch nur im Notfall darauf zurückgreifst«, relativierte die Faust dann sogleich.

»Ich bin ohnehin eine Freundin der Diplomatie anstelle von Gewalt«, versicherte die Prinzessin, während sie über das Brett zurückbalancierten und auf das erleuchtete Dorf zuhielten. Nun in den Abendstunden saßen die Menschen um offene Feuerstellen herum oder tanzten sogar zu sehr rhythmischer Musik. Es war ein fröhliches Bild. Auch wenn alles hier primitiv wirkte, war es doch sehr harmonisch und geradezu makellos. Ein seltsamer Gedanke, besonders wenn sie die Situation vor sich mit Festlichkeiten und feierlichen Anlässen zuhause verglich, das so weit entfernt war und dem sie sich mehr und mehr entfremdete, obwohl sie doch noch gar nicht so lange fort war. Unsinnigerweise war das die größte Angst, die sie mit der Reise verband, die noch vor ihnen lag. Eines nicht allzu fernen Tages würde sie in ihr Leben als Prinzessin zurückkehren und wenn sie sich bis dahin so sehr verändert hatte, wie diese ersten Tage suggerierten, dann würde niemand sie wiedererkennen und es war nicht gesagt, dass sie ihren Weg zurück in ihre Rolle überhaupt selbst finden würde. Alles wehleidige Klagen würde da jedoch keinen Unterschied machen und niemand konnte sie davor bewahren, Machairi in die Unterwelt folgen zu müssen. Wozu verschwendete sie also ihre Zeit?

Ein offener Flur säumte das Haus, in dem man sie untergebracht hatte, wie eine Veranda und die einzelnen Räume glichen einem Gasthaus. Die Prinzessin fragte sich, ob vielleicht Pilger und Reisende hierherkamen, um den Frieden und die eindeutige Nähe der Götter zu genießen, die hier an jedem Blatt zu haften schien. Eine andere Erklärung hatte sie nicht für ein Gebäude, das eindeutig für Besucher eingerichtet worden war. Nun, da sie wieder im Fackelschein standen, betrachtete das junge Mädchen die Faust genauer. Liebend gern wollte sie fragen, wie sie dazu gekommen war, zu sein, wer sie heute war. Auch wenn man im Schloss nicht viel über den schwarzen Fürsten und seine Schatten herauszufinden vermochte, war ihr klar, dass man nicht einfach so diesen gefürchteten Titel erhielt. Was konnte ein Mädchen, das nicht viel älter war als Koryphelia selbst, dazu gebracht haben, dass sie bereits seit einiger Zeit unter diesen brutalen Menschen waltete? Es war nicht die einzige Frage, die ihr auf der Zunge brannte. Alle ihre Reisebegleiter waren auf ihre eigene Weise von Rätseln umwoben und auch wenn sie nicht alles voneinander zu wissen schienen, fühlte sie sich noch mehr wie ein Außenseiter, weil sie nichts von dem verstand, was sie verband. Schließlich war sie noch nicht dabei gewesen, als sich die Gruppe durch die gnadenlose Wüste von Hareth geschlagen hatte, um sie zu retten. Wie gerne hätte sie sich etwas effektiver angepasst, anstatt diese Menschen in ihren Annahmen zu unterstützen.

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