Es war, als hätte sich plötzlich Druck auf ihre Ohren gelegt. Es gab kein Geräusch, nicht einmal ihren eigenen panischen Aufschrei konnte sie hören, als sie begriff, dass sie fiel. Sie fiel und fiel und fiel durch die Schwärze. Sah nichts, hörte nichts. Alles, was sie spürte, war ein eiserner Griff um ihr Handgelenk und das grausame Gefühl in ihrem Bauch, das nur entstand, wenn man mit rasanter Geschwindigkeit irgendwo hinabraste.
Sie würden sterben. Egal was am Ende dieses Falls lag, wenn es denn ein Ende gab, den Aufprall würden sie nicht überleben. Die Prinzessin erwartete, in Tränen auszubrechen, aber nicht einmal das konnte sie. Erstarrt fiel sie durch die Dunkelheit und erwartete den Aufprall. Der Dämon hatte sie alle getötet. Konnte man trotzdem an Zylons Tafel landen, wenn man beim Aufprall in der Unterwelt starb? Oder war sie vielleicht in dem Moment gestorben, als Machairi sie durch das Tor gezerrt hatte? Immerhin war es dann schmerzfrei gewesen. Doch sie konnte doch nicht für den Rest der Unendlichkeit durchs Nichts fallen.
Je weiter sie fielen, desto kälter wurde die Angst um ihr Herz und sie war sich schrecklich sicher, das Sterben noch vor sich zu haben. Sie verlor das Gefühl von Zeit und Raum und wurde wahnsinnig in der anonymen Schwärze. Wäre Machairis Griff nicht so spürbar gewesen, hätte sie sicherlich den Verstand verloren. Es war so furchtbar leer.
Der Aufprall war ähnlich unerwartet wie der Fall. Plötzlich war der Boden einfach da. Es war nicht schmerzhaft. Sie spürte kein Bremsen, als sie plötzlich aufhörte hinabzurasen. Stockstarr lag sie auf steinigem und sandigem Untergrund, der zuvor schlicht nicht dort gewesen war, und konnte ihr eigenes Keuchen wieder hören.
Unheimliche Schwermut fing sie ein und erst langsam kehrte das Gefühl, die Gewalt über ihre Gedanken und ihren Körper zu haben, zurück. Jede Faser ihrer physischen Form schien überreizt zu sein und zu schmerzen. In einem unheimlichen Kraftakt öffnete sie die Augen einen Spalt und fühlte sich so schrecklich schwer. Ganz langsam kehrte das Leben in sie zurück. War sie tot? Nein. Hatte sie sich alle Knochen gebrochen? Vermutlich. Es fühlte sich jedenfalls unmöglich an, sich zu bewegen.
Es dauerte einen Augenblick, aber sie schaffte es, die Augen ganz zu öffnen. Ihre Hand lag direkt neben ihrem Gesicht und sie betrachtete die Haut an ihren Fingern. Sie wirkte farblos und grau. Vorsichtig versuchte sie, einen Finger zu bewegen, und zu ihrer Überraschung war es überhaupt kein Problem. Tatsächlich kam mit dieser Bewegung die Wahrnehmung ihres eigenen Körpers fast schlagartig zurück und Koryphelia sah sich in der Lage, vorsichtig die Extremitäten zu bewegen und sich dann langsam auf die Seite zu drehen, damit ihr Gesicht nicht weiter auf einer Seite in den Dreck am Boden drückte.
Langsam und bedacht setzte sie sich auf und betrachtete sich. Die schwarzen Kleider waren noch da und sie saß auf einem vollkommen grauen Boden voller kleiner Steinchen. Ein graues Grasbüschel wuchs neben ihrem Fuß und langsam drehte sie den Kopf. Das Erste, was sie sah, war Machairi, der neben einem Körper am Boden hockte und auf das Mädchen einredete. Rish bebte. Ihr Körper zitterte, als schüttle jemand sie unkontrolliert und schnell, und ihre Körperteile zuckten willkürlich. Die Augen hatte sie weit aufgerissen und Panik lag darin. Hatte sie einen Anfall irgendeiner Art?
Mühselig kam die Prinzessin auf die Beine. Es war, als würde man hier stärker an den Boden gezerrt. Erst als sie die graue Haut der beiden anderen sah, fiel ihr ihre eigene Hautfarbe wieder ein, und sie sah erneut an sich herab und danach panisch in die Umgebung. Alles war grau. Es war, wie durch einen Trauerschleier zu blicken. Sie standen in einer dürren Steppe aus grauem Sand und sogar robuste Pflanzen wuchsen aus dem kargen Boden. Nirgends war auch nur der kleinste Fleck Farbe zu sehen. Es war beängstigender, als es hätte sein sollen. Auch die seltsame Verzweiflung war nicht gewichen. Alles an diesem Ort war frustrierend und machte ihr Herz schwer. Unkoordiniert, als müsse sie das Laufen erst neu lernen, stolperte sie zu dem Harethimädchen und fiel neben ihr wieder zu Boden. »Was ist mit ihr?«, fragte sie ängstlich und schrie aus Versehen viel lauter als beabsichtigt. Waren die Farben verschwunden, schienen Klänge hier ganz neue Nuancen zu bekommen und ihre Stimme war ein hässliches Knarren, das durch viele Schichten gleichzeitig gedrückt zu werden schien.
Das Schwarz der Augen des Dämons war fast beruhigend, weil sich nichts daran geändert hatte. Er musterte sie kurz und warf dann einen Blick hinab auf das Mädchen. »Leén«, sagte er sanft und Koryphelia starrte ihn perplex an. Nicht wegen des Namens, sondern weil seine Stimme hier noch eindrucksvoller war als zuvor. In der seltsamen Feinheit des Klanges an diesem Ort trug seine Melodie perfekt durch die Ödnis. »Erinnerst du dich an gestern?« Der beinahe weiße Handschuh legte sich an ihr Kinn und er zwang das zitternde Mädchen ihn anzusehen. »Kontrolle.«
Es war ein nicht zu verleugnendes Maß an Zärtlichkeit in der Art, wie er mit ihr umging, auch wenn es unter der Grobheit der Aufforderung fast verloren ging. Koryphelia erinnerte sich, dass er Rish am Vortag nach der unseligen Offenbarung des Reiseziels mitgenommen hatte. Noch immer zitterte die Harethi, aber ihre sonst braunen Augen hafteten an dem Schatten und die Panik wich tiefergehender Angst. Trotzdem wurde das Zittern etwas weniger und Koryphelia konnte sich gleich mit beruhigen. Ihr war noch immer unwohl und immer wieder sah sie über die Schulter, weil sie sich schrecklich beobachtet fühlte und erwartete, jeden Moment irgendwelche Monster auftauchen zu sehen. Sie hatte mit steinernen Hallen gerechnet. Nicht mit farbloser Steppe. Irgendwie hatte sie nie in Betracht gezogen, dass die Unterwelt tatsächlich eine Welt sein mochte. Wie groß war dieser Ort wohl?
Zögernd sah sie zurück zu Rish, die sich langsam entspannte und dann von Machairi in eine sitzende Position gezogen wurde. Noch immer schüttelte sie von Zeit zu Zeit ein Zittern, aber langsam kam sie dazu, sich auch einmal umzusehen. Dann sah sie noch unglücklicher aus. Ihre Lippen bebten. Koryphelia zog instinktiv auch die Knie an und schweigend saßen sie beide im Dreck und fragten sich, was nun geschehen sollte. Schwermut übertrug sich von einem zum anderen und zusammen mit ihren schweren Körpern und der hoffnungslosen Taubheit dieses Ortes gab es keinen Grund mehr für Zuversicht.
Machairi dagegen stand auf und drehte ein Messer durch die Hand. Kurz sah er sich um und schien nach etwas zu suchen. »Los«, sagte er schließlich, die Stimme so unnatürlich perfekt, dass sie nicht an diesen Ort passen wollte – was es noch schrecklicher machte, hier festzusitzen. Es gab nicht einmal einen Torbogen wie auf der anderen Seite, durch den sie hätten gehen können. Wohin sollten sie also los?
Machairi sah das anders. »Aufstehen«, forderte er in einem etwas schärferen Tonfall. Der war hier noch durchdringender als in der echten Welt, in der sie besser geblieben wären.
»Warum?«, murmelte die Prinzessin und starrte auf den grauen Boden zwischen ihren Füßen. »Wir sitzen hier fest.« Es war eine grausame Wahrheit und sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie es längst gewusst hatte, bevor sie durch die Unendlichkeit gefallen war. Sie hatten die Welt der Sterblichen verlassen. Es gab keinen Weg zurück. »Niemand ist je zurückgekehrt. Es gibt kein Tor von dieser Seite. Also können wir genauso gut hier sitzen bleiben.« Es war nicht üblich für die Prinzessin so schnell aufzugeben, doch dieser Ort wollte nichts anderes zulassen. Er drückte ihr aufs Gemüt und machte jedes Hoffen überflüssig und selbst ihre Stimme monoton.
»Auf die Füße. Jetzt!«, befahl Machairi und der Griff um das Messer verstärkte sich sichtlich. »Das ist kein Ort zum Sterben.« Hart sah er auf beide hinab und war dabei nicht halb so furchteinflößend für Koryphelia, wie er es sonst gewesen wäre.
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