Die 1912 gegründete Guomindang (Nationale Volkspartei, GMD), die nach dem Putsch von 1911 die ersten Wahlen gewonnen, zugunsten einer starken Zentralgewalt aber sehr staatskonstruktiv auf einen Eintritt in die Regierung verzichtet hatte und 1913 verboten wurde, organisiert sich unter Sun Yatsen neu. Ihr Programm ist jetzt antiimperialistisch und enthält auch sozialpolitische Forderungen. Nach dem Erfolg der kommunistischen Revolution in Russland organisiert sie sich als Kaderpartei nach leninistischem Vorbild und knüpft – nachdem sich Sun lange Zeit erfolglos um westliche Unterstützung für sein Programm bemüht hat – ab 1923 Verbindungen zur Sowjetregierung (Ausbildung in Moskau, Hilfe beim Aufbau einer Armee).
1921 gründet sich die KP Chinas, motiviert durch den Erfolg der kommunistischen Revolution im ebenfalls unterentwickelten Russland. Die sowjetische Führung hält China nicht geeignet für die Durchführung einer sozialistischen Revolution. Sie setzt auf eine »nationale Revolution« und propagiert eine Einheitsfront beider Parteien, die diese auch eingehen. 121927 erklärt Ciang Caishek, der nach Sun Yatsens Tod (1925) die Parteiführung der Guomindang erobert, die Kommunisten zur unerwünschten Konkurrenz und lässt sie massenhaft umbringen (etwa 40.000). Der Rest der KP geht in den Untergrund.
Von 1928 bis 1949 regiert die Guomindang in China. » Ziel war es, die Bevölkerung an die Demokratie heranzuführen, einen modernen Nationalstaat aufzubauen, die Industrialisierung voranzutreiben, das Problem der ungleichen Landverteilung zu lösen, die Zoll- und Rechtshoheit wiederherzustellen und China zu einem gleichberechtigten Mitglied der Völkergemeinschaft zu entwickeln. « (Stichwort Guomindang, CL: 284)
Diese Ziele zeugen vor allem davon, was es in China nicht gibt: ein durchgesetztes Gewaltmonopol, eine industrielle Basis, verlässliche Staatseinnahmen. Deren Vorhandensein wäre allerdings die entscheidende Voraussetzung dafür, die Mittel zu liefern, mit denen das Land den imperialistischen Mächten, die es nach wie vor zu ihrem Nutzen und seinem Schaden ausplündern, Paroli bieten und sich »zu einem gleichberechtigten Mitglied der Völkergemeinschaft« entwickeln bzw. »einen modernen Nationalstaat« aufbauen könnte. Insofern fordert das Programm die Quadratur des Kreises. Anders gesagt: Die Zerstörung der alten Gesellschaft durch die imperialistischen Mächte erzeugt in China das Bedürfnis nach einer »bürgerlichen Revolution«, einem »modernen Nationalstaat«. Gleichzeitig ist die fortwährende ökonomische Ausbeutung Chinas wie die damit einhergehende Zerstörung der chinesischen Staatsgewalt durch die Imperialisten aber auch der Grund, warum ein solches Programm notwendigerweise scheitert.
Ciang Caishek hat das im Lauf der 1930er Jahre als mangelnden Erfolg seines »nationalen Aufbruchsprogramms« registriert, erst als zunehmende Schwäche der Zentralregierung, dann angesichts der Besetzung der Mandschurei durch Japan. Dagegen hat er konsequent auf militärische Durchsetzung gesetzt, in erster Linie gegen den inneren Feind, die Kommunisten: Er führt mehrere Kriegszüge gegen die KP, die 1934 fast ausgerottet ist (Beginn des »Langen Marsches«). Politisch hat er mehr und mehr Anleihen bei den europäischen Faschisten gemacht (Bewegung »Neues Leben« ab 1934, zunehmende Unterdrückung der Intellektuellen und des linken Parteiflügels).
Von 1937 bis 1945 führt China einen Verteidigungskrieg gegen Japan. Japan will endlich »eine grundlegende Lösung« herbeiführen, d.h. China erobern und kolonisieren, und rechnet damit, dass die anderen Mächte (England, USA, Sowjetunion) sich heraushalten. Die SU erklärt sich allerdings bereit, die chinesische Armee mit Flugzeugen und Panzern auszurüsten. Die Komintern hat 1936 zur Bildung einer Einheitsfront gegen die japanische Aggression aufgerufen, die KP der Guomindang noch während des »Langen Marsches« ein entsprechendes Angebot unterbreitet. Zu dessen Annahme kann sie Ciang Caishek erst bringen, als patriotische Generäle gegen den »Generalissimus« rebellieren, weil er den Kampf um die Befreiung Chinas von den Japanern vernachlässigt und stattdessen seine Mittel für den Bürgerkrieg gegen »die Roten« einsetzt.
Im Kriegsverlauf setzt die Guomindang den Japanern im Süden wenig entgegen; 1941 wendet sie sich erneut gegen die Kommunisten und vernichtet eine ganze Armee der KP. Diese behauptet sich mittels Guerillakrieg im Norden besser. Die Japaner verlieren in China keine offene Schlacht, der militärische Beitrag Chinas zur Niederringung Japans besteht (nach Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA) vor allem darin, dass japanische Kräfte gebunden werden; die Zahl der chinesischen Opfer dafür liegt zwischen 15 und 20 Millionen Toten (!). Die Kriegsleistung Chinas bringt Ciang Caishek die Anerkennung der alliierten Kriegsmächte ein (Teilnahme an der Konferenz von Kairo 1943, neben Roosevelt und Churchill). 1943 verzichten England und USA auf ihre »exterritorialen Rechte«, 1945 gehört China offiziell zu den Kriegsgewinnerstaaten, gilt als »souverän« und soll in Roosevelts Vision der neuen internationalen Ordnung die vierte Macht neben USA, UdSSR und Großbritannien sein. Das begründet auch Chinas Sitz im Sicherheitsrat der neu gegründeten Vereinten Nationen.
Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 beginnt der offene Bürgerkrieg zwischen Guomindang und KP. Obwohl die GMD die erheblich bessere Ausgangsposition hat (3 Millionen Soldaten, alle großen Städte, massive Unterstützung durch die USA) setzen sich die Kommunisten (1 Million Soldaten, Unterstützung durch die SU, die ihnen erbeutete japanische Waffen zuspielt) durch. Kriegsentscheidend ist, dass Mao Zedong die Bauern für sich gewinnt. Die KP verspricht den Bauern eine Bodenreform und setzt dieses Versprechen in »ihren« Gebieten auch prompt in die Tat um. Am Ende zieht sich die Guomindang nach Taiwan zurück, um von dort aus ihren Kampf um China fortzusetzen.
Kapitel 2
Die Kommunistische Partei – Programm und Durchsetzung
Am 1. Oktober 1949 wird in Beijing die Gründung der Volksrepublik China ausgerufen. Im Unterschied zum Überraschungscoup der Bolschewiki 1917 in Russland ist dies das Resultat eines gewonnenen Bürgerkriegs und einer Behauptung gegen auswärtige Mächte. Was die russischen Revolutionäre nach der Oktoberrevolution noch zu bestehen hatten – Krieg gegen Konterrevolution und imperialistische Invasion –, hat die Armee der »Roten« in China bereits erfolgreich hinter sich gebracht.
Die Kommunistische Partei Chinas wird 1921 von einer Handvoll Intellektueller gegründet. Zu ihrem ersten Kongress im Juli 1921 kommen 13 Abgeordnete, die insgesamt 57 Mitglieder (!) vertreten. Mit Blick auf die eigene schwache Ausgangssituation sucht die KP von Beginn an ein Bündnis mit der Guomindang Sun Yatsens. Die KP sieht sich selbst als »Avantgarde des Proletariats«, die für »die Befreiung der Arbeiterklasse und für die proletarische Revolution« 13kämpft. Der Guomindang erkennt sie die Rolle einer zwar bürgerlichen, aber doch auch »revolutionären Partei« beim Aufbau eines unabhängigen und entwickelten China und damit die Erledigung einer »historischen Mission« zu. Die Kommunisten kritisieren allerdings an der GMD, dass sie der Aufgabe, die sie ihr zugedacht haben, nicht wirklich gerecht wird: Sie bekämpfe den imperialistischen Einfluss in China nur halbherzig und wolle sich im Innern lediglich militärisch durchsetzen, »statt« die soziale Frage anzugehen. Deshalb wollen die Kommunisten den Kampf der Guomindang einerseits unterstützen und gleichzeitig durch ihre Einflussnahme soweit wie möglich in ihrem Sinn radikalisieren. Das Bündnis soll vor allem sie selbst stark genug machen, damit sie die Auseinandersetzung um die letztendliche Ausgestaltung eines befreiten China gewinnen können. Dem Vorschlag der Komintern (3. Kommunistische Internationale) folgend tritt die KP deshalb 1923 in ein Volksfront-Bündnis mit der GMD ein. Schwartz/Fairbank 1955: 49f.
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