Die nationale Ausrichtung der Widerstandsbewegungen findet in verschiedenen Schichten mit unterschiedlichen Interessenlagen jeweils besondere Ausprägungen:
Ein Teil des Volks lässt seine Wut über die zunehmend elenden Zustände unmittelbar an den verhassten Ausländern aus. In Hongkong werden Brote vergiftet, die für westliche Geschäftsleute bestimmt sind; christliche Missionare werden ermordet; in den Fabriken gibt es Fälle von Maschinenstürmerei. 1899/1900 organisieren die Boxer, eine Volksbewegung zur Selbstverteidigung, die nach dem chinesisch-japanischen Krieg großen Zulauf unter den Flüchtlingsmassen in Shandong findet, einen zunächst anti-christlichen, dann allgemein fremdenfeindlichen Aufstand. Aufstände und Rebellionen dieser Art werden im Normalfall von der chinesischen Regierung blutig niedergeschlagen; der Boxeraufstand, den der kaiserliche Hof ein Stück weit berechnend angestachelt hat, wird dagegen von einer gemeinsam aufgestellten Truppe aller imperialistischen Mächte unter deutscher Führung niedergekämpft.
Teile der alten politischen Klasse Chinas, Beamte aus der unmittelbaren Umgebung des Kaisers, hohe Provinzbeamte, aber auch Intellektuelle (Literaten) protestieren gegen den Verlust an Macht und Prestige, den China durch die zu nachgiebige Behandlung der Ausländer erfährt. Sie versuchen, das alte System durch Reformen zu retten; so gibt es unter anderem eine sehr populäre »Selbststärkungsbewegung«, die pur chinesisch finanzierte Eisenbahnen, die sogenannten Volksbahnen, baut.
Eine neu entstehende Schicht von patriotisch denkenden chinesischen Intellektuellen und Angehörigen freier Berufe (Rechtsanwälte, Ärzte, Unternehmer) will China durchgreifend modernisieren – wobei wiederum sehr verschiedene Vorstellungen zum Zug kommen. Während die chinesischen Unternehmer sich vor allem gegen ökonomische Beschränkungen wenden, die sie in ihrer Konkurrenz mit den Ausländern erfahren, orientieren sich andere am politischen Vorbild der erfolgreichen kapitalistischen Mächte: So wie diese in jeder Hinsicht überlegenen Staaten soll das zukünftige China aussehen, ein freies und souveränes Land mit einem aufgeklärten und gebildeten Volk. Bewegungen aller Art – religiös-sozial, bildungs- oder reformorientiert, umstürzlerisch – werden in großer Zahl gegründet; so auch die »Gesellschaft zur Wiedererrichtung Chinas«, die 1894 von Sun Yatsen ins Leben gerufen wird, einem Arzt, der in Japan und den USA studiert hat. Sie wird 1912 mit anderen kleinen Parteien zur Guomindang Partei vereinigt. Angesichts der herrschenden Verhältnisse von Geschäft & Gewalt in ihrem Land sind die bürgerlich-nationalen Reformideen ein einziger Idealismus. Aufgrund ausbleibender Erfolge radikalisieren sich immer mehr ihrer Protagonisten: In der »verkommenen« und zu Reformen nicht bereiten Mandschu-Herrschaft machen sie zunehmend das Hindernis für ein neues, modernes China aus.
Nach zehn erfolglosen Versuchen wird die letzte Dynastie 1911 schließlich weggeputscht und eine chinesische Republik ausgerufen. 11Das beseitigt allerdings wenig von den Problemen, denen sich China gegenübersieht: Weder ziehen sich die westlichen Ausländer aus Respekt vor der neuen volkssouveränen Herrschaft zurück, noch ändert sich etwas an den materiellen Grundlagen von Volk und Staatsgewalt. Letztere muss sich ganz im Gegenteil gegen eine ganze Reihe von separatistischen Aufständen behaupten, die der Zerfall der kaiserlichen Macht auf den Plan gerufen hat, und sieht sich darüber hinaus mit den sogenannten »21 Forderungen« Japans konfrontiert, die aus China eine Art japanisches Protektorat machen wollen. Das staatliche Gewaltmonopol zerfällt zusehends; das Land wird de facto von einzelnen regionalen Militärdiktatoren (warlords) und ihren kriegerischen Auseinandersetzungen beherrscht.
Die imperialistischen Mächte, die China als Geschäftssphäre benutzen wollen, sehen sich insofern nicht nur mit Un willigkeit, sondern auch mit zunehmender Un fähigkeit konfrontiert. Weil staatliche Funktionen wie das Eintreiben der Steuern und Zölle nicht mehr zentral funktionieren, kann China seine Schulden nicht mehr bedienen; der chinesische Kredit leidet – und damit die Möglichkeit des Auslands, in China Geld zu verdienen. Das darf nicht sein; auf Schulden und Zinsen wollen die Gläubigerstaaten auch nicht ohne Weiteres verzichten. Also greifen sie im Interesse an der Fortführung ihres Geschäfts mehr und mehr direkt in Staatsfunktionen ein: Im Seezolldienst, Postwesen und anderen Behörden fungieren ausländische Beamte als von der chinesischen Regierung bezahlte Verwalter, die einkassierte Gelder statt in den chinesischen Staatshaushalt direkt an eine internationale Bankenkommission in Shanghai weiterleiten.
»Die Kommunalpolitik unterstand dem Stadtrat von Schanghai, der 1910 noch von englischen Kaufleuten beherrscht wurde. Der Stadtrat erweiterte seinen Bereich durch den Bau äußerer Straßen. Er beschäftigte chinesisches Personal, die Polizei bestand aus indischen Sikhs. Das Seezollamt unterstand einem englischen Generalinspektor. Alles drehte sich hier um den Handel. Es gab noch Pferderennen; heute ist der Rennplatz ein Park. Die YMCA (Christlicher Verein junger Männer) wirkte zivilisierend, ebenso wie die protestantischen und katholischen Schulen. Die Masse der chinesischen Arbeiter, die aus den unerschöpflichen Menschenreserven des flachen Landes hereinkam, war nicht gewerkschaftlich organisiert. Gewerbeschutzgesetze entwickelten sich nur langsam. Die chinesische Bevölkerung wuchs und wuchs, weil hier ein Zentrum des Handels und der Industrie war und sich eine Zuflucht vor den Plünderungen der Generale bot.
In dieser halbkolonialen Situation hatte die chinesische Regierung wenig zu sagen. Das internationale Viertel und die angrenzende französische Konzession unterstanden nicht der chinesischen Gerichtsbarkeit. Nur am Rand der Stadt war etwas von der chinesischen Regierung zu bemerken. Ein chinesischer Richter war der Konsularverwaltung bei der Behandlung von Fällen behilflich, die Chinesen betrafen. Bis 1925 gab es ein gemischtes Gericht, ungefähr die einzige Vertretung chinesischer Staatsgewalt.
Die chinesische Bevölkerung lebte rechtlich in einem Vakuum. Es wurde von einer Unterwelt ausgefüllt, die von der »Grünen Bande« beherrscht war. Diese Bande hielt ihre Mitglieder mit Geld und Gewalt zusammen. Sie betrieb alle Laster einer modernen Großstadt: Prostitution, Erpressung und Rauschgifthandel. Mit der ausländischen Polizei, besonders der französischen, gab es eine stille Zusammenarbeit. Opium aus dem Gebiet oberhalb der Stadt fand zunehmend den Weg nach Schanghai. Der Stadtrat war gegenüber dieser Tätigkeit machtlos, es kam zu einer Art Vernunftehe zwischen den Ausländern und der chinesischen Unterwelt. Die hier wohnhaften Ausländer, nur wenige Tausend an der Zahl, fühlten sich in ihrer Ansicht bestärkt, dass die Chinesen von Natur aus lasterhaft, Betrüger und Erpresser waren.«
Fairbank 1989: 184f.
Im Ersten Weltkrieg erklärt China Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg – auf Anraten Englands und der USA, gegen die Interessen Japans, das China international klein halten will. Militärisch besteht der Beitrag des Landes, seinen Möglichkeiten entsprechend, darin, etwa 140.000 chinesische Arbeiter zum Ausheben von Schützengräben nach Frankreich abzuordnen. Chinas Hoffnung, als Mit-Kriegsgewinner eine Revision der »ungleichen Verträge« zu ernten, wird in Versailles enttäuscht; stattdessen wird Japan in die deutschen Besitzungen (Shandong) eingesetzt. Dagegen erhebt sich unter Führung von Studenten aus Beijing Protest (»Bewegung vom 4. Mai 1919«), der sich auf andere Universitäten ausbreitet; Teile der städtischen Bevölkerung schließen sich an (Professoren & Lehrer, Kaufleute) mit einem Boykott japanischer Waren, Unternehmer & Arbeiter in Shanghai mit einwöchigem Streik). Die Bedeutung dieser Bewegung liegt weniger in ihren praktischen Erfolgen – die chinesische Regierung verweigert letzten Endes ihre Unterschrift unter den Versailler Vertrag – als vielmehr darin, dass sich in ihr die entscheidenden Akteure der Folgezeit herauskristallisieren:
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