So eindeutig das Bild also auf den ersten Blick erscheint – hier das große autoritäre China mit Auslieferungsabkommen, Sicherheitsgesetz und prügelnder Polizei, dort der kleine, lebenslustige Stadtstaat, dessen Jugend sich ihrer demokratischen Rechte bewusst ist und sich nicht einschüchtern lässt. Wer wäre da nicht auf Seiten des mutigen kleinen David? – so sehr liegt es eigentlich daneben. Eher zeigt sich ein weiteres Mal, dass Separatismus nicht mit Sozialismus zu verwechseln ist …
Inhaltsverzeichnis
CHINA CHINA Ein Lehrstück über alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft und den Aufstieg einer neuen Großmacht
Teil 1 Der Sozialismus in der Volksrepublik China Teil 1 Der Sozialismus in der Volksrepublik China China ist ein bemerkenswerter Sonderfall. Ausgerechnet eine kommunistisch regierte Bauernnation des Ostens macht praktisch wahr, was der Westen seinen in die Freiheit entlassenen Kolonien als Chance einer Teilnahme an der Staatenkonkurrenz des kapitalistischen Weltmarkts verkaufen wollte: China schafft eine wahrhaft nachholende »Entwicklung«, schließt zu den etablierten Nationen auf, wird kapitalistische Weltmacht. Anhänger einer früher antikapitalistisch inspirierten Drittwelt-Bewegung können sich heute fragen, ob es das war, wovon sie immer geträumt haben… Dieses Buch geht der Frage nach, wie die 30 Jahre Aufbau des Sozialismus und die 30 Jahre Aufbau des Kapitalismus eigentlich zusammenpassen, die in China unter derselben KP-Führung auf die Tagesordnung gesetzt und durchgezogen wurden. Wo ist der rote oder weniger rote Faden? Die zentrale These des Buches: Schon in Theorie und Praxis der KP unter Mao ist die Unterordnung aller sozialistischen Ambitionen unter das Ziel der Befreiung, Einigung und schließlich des Aufbaus einer machtvollen chinesischen Nation grundgelegt, das dann unter Deng und den Nachfolgern mit einer Neudefinition der Staatsräson weiter verfolgt, mit »kapitalistischen Methoden« vorangetrieben und zu erstaunlichen Erfolgen geführt wird. Zum Einstieg ein paar Bemerkungen über die Geschichte der Öffnung Chinas durch die aufstrebenden imperialistischen Staaten, also die Vorgeschichte der sozialistischen Volksrepublik. Sie bietet ein bemerkenswertes Lehrstück darüber, was Nationen mit kapitalistischer Ökonomie auf dem Erdball wollen und wie sie es durchsetzen. Und obwohl es 150 Jahre zurückliegt, mutet es erstaunlich aktuell an.
Kapitel 1 Das Reich der Mitte wird vom Imperialismus »erschlossen«
Kapitel 2 Die Kommunistische Partei – Programm und Durchsetzung
Kommunismus und Nation
Theorie und Praxis
Praxis und Theorie
Kapitel 3 »Neudemokratische Politik« und der Beginn des sozialistischen Aufbaus
Leistungen
Beurteilung37
Kapitel 4 Prinzipien staatlich geplanter Wertproduktion und ihre praktische Umsetzung: Ein Fehler und viele Widersprüche
Prinzipien der staatlich geplanten Produktion
Zwischenfazit in polemischer Absicht
Widersprüche geplanter Wertproduktion
Kapitel 5 Der Kampf zweier Linien
Kapitel 6 Maos Linie: Mit Moral die Massen mobilisieren
Lasst hundert Blumen blühen
Der Große Sprung nach vorn
Die große proletarische Kulturrevolution
Kapitel 7 Dengs Linie: Mit materiellen Anreizen die Produktivkräfte entwickeln
Ursachenforschung
Erfordernis der »Modernisierung«: eine funktionierende Partei und ihre Gewalt
Kapitel 8 Die Volksrepublik China als sozialistische Großmacht
Koreakrieg
Bandung-Konferenz: »Prinzipien der friedlichen Koexistenz«
Freundschaft und Bruch mit der Sowjetunion
Kapitel 9 Kurzer Anhang zum »Maoismus«
Maoismus (I): Besonderheiten des »chinesischen Wegs«
Maoismus (II): Besonderheiten des chinesischen Sozialismus
Die Attraktivität des Maoismus für westeuropäische Linke
Teil 2 Der Kapitalismus in der Volksrepublik China
Kapitel 1 Die »neue Linie« ist ein neues System
Kapitel 2 Privatisierung der Landwirtschaft
Kapitel 3 Öffnung und Sonderwirtschaftszonen: Auslandskapital als Entwicklungshelfer
Ursachen eines Ausnahmefalls
Kapitel 4 Staatsbetriebe werden privatisiert, neue private Unternehmen entstehen
Reform der staatseigenen Unternehmen (I)
Gründung von Unternehmen neben dem Plan
Unternehmen konkurrieren auf einem freien Markt
Reform der staatseigenen Unternehmen (II)
Kapitel 5 Chinas neue freie Lohnarbeiter
Exkurs: Die »Werkbank der Welt«
Arbeiterproteste und Gewerkschaften
Kapitel 6 Banken und Börsen; nationaler Haushalt und Geld
Börsen und Aktienspekulation
Spekulation auf Immobilien
Haushaltspolitik und nationales Geld
Kapitel 7 Chinas neue Kapitalistenklasse
Kapitel 8 Die Widersprüche des »kapitalistischen Experiments« – das Jahr 1989
Kapitel 9 Die KP ändert sich und ihren sozialistischen Staat – der neuen Ökonomie zuliebe
Demokratie und bürgerliche Staatsgewalt
Das Verhältnis von Staat und Partei
Rechtsstaatlichkeit
Politisches System
Politisches Bewusstsein
Zur Nationalitätenfrage
Kapitel 10 China als kapitalistische Großmacht
China klinkt sich in die imperialistische Weltordnung ein
China baut sich als neue imperialistische Macht auf
Die Weltmacht USA sieht sich herausgefordert
China setzt sich gegen das amerikanische Unterordnungsgebot zur Wehr
Kapitel 11 Kurzer Anhang zur linken China-Literatur
Lehrstück China – ein Fazit
Fußnoten
Literatur
Ein Lehrstück über alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft und den Aufstieg einer neuen Großmacht
Als China im November 2001 in die WTO eintrat, nahm die westliche Öffentlichkeit mehr oder weniger erstaunt zur Kenntnis, dass sich das bevölkerungsreichste Land der Welt, ein ehemals sozialistisches Entwicklungsland, in den letzten Jahren zum sechstgrößten Industriestaat und zu einer respektablen Exportnation gemausert hat. 2009 sind auch solche Mitteilungen schon wieder überholt: China ist inzwischen die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und wird Deutschland bald als Exportweltmeister abgelöst haben.
Es wird inzwischen viel über China geredet – aber wie ? Leitender Gesichtspunkt der China-Berichte in der bürgerlichen Öffentlichkeit ist die Frage, was der Aufstieg dieses Landes für »uns« bedeutet. Der Eintritt Chinas in den freien Weltmarkt wird begrüßt und die Öffnung seines Marktes mit 1,3 Milliarden chinesischer Kunden stimmt uns enorm hoffnungsfroh; andererseits droht möglicherweise eine neue »gelbe Gefahr«. Denn dieses Mal tritt China an als kampfstarke wirtschaftliche Konkurrenz, die uns nicht nur mit ihren Dumping-Löhnen Teile des Weltgeschäfts abjagt und unsere Märkte überschwemmt, sondern längst zum organisierten Angriff auf unser Allerheiligstes, das technische Know-how des deutschen Mittelstands, geblasen hat. Politisch wiederholt sich die Ambivalenz: Deutschlands politische und ökonomische Elite verspricht sich durchaus einiges von der wieder erstarkten asiatischen Macht und den guten Beziehungen, die sie zu ihr unterhält. Andererseits registriert man in Berlin ebenso wie in Washington, dass man es mit einer zunehmend selbstbewussten Großmacht zu tun hat, die sich nicht so einfach einordnen und für eigene weltpolitische Interessen benutzen lässt. Bestürzt stellt man fest, dass die chinesische Führung eine Ansammlung »immer noch« ziemlich »kommunistischer Betonköpfe« ist, damit befasst, ihrem Volk Demokratie und Menschenrechte und dem Dalai Lama »sein Tibet« zu verweigern. Von der Öffentlichkeit abgeschottet, beschäftigt sie sich mit undurchsichtigen Intrigen und Konkurrenz um die Macht im Land, zu der bisher weder Oppositionelle noch westlich gesponserte NGOs Zutritt bekommen. Dass ihr das bisher ziemlich unangefochten gelingt, nötigt dann umgekehrt schon wieder Respekt ab. Es ist also eine ziemlich üble Mischung von Ignoranz, Feindschaft und Begeisterung, die das Urteil der bürgerlichen China-Beobachter kennzeichnet.
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