„Ich habe das Heer des Urben gesehen.“, antwortete Arnold erst ausweichend. „Es ist furchterregend, aber wir könnten sie aufhalten. Allerdings habe ich auch Geschichten über die Armeen des Kaisers gehört. Sie würden die Peltamark zerquetschen.“
Laurenz nickte und wandte sich dann an Karel. „Was meinst du, Karel?“
„Dein Vater war stets in erster Schlachtlinie gegen die Urben.“, begann der alte Mann zu sprechen. „Aber es scheint, dass sich die Zeiten fürwahr wandeln, wenn die Reiter der Steppe bereits unter königlichen Bannern reiten.“ Dann wandte er sich etwas ab und blicke zu einem Wappen der Peltamark, das an der Wand hing. „Wir sind ein kleines Land voller tapferer Leute. Ich würde gerne mehr erfahren, über das Kaiserreich und seine Kräfte, bevor ich eine solche Entscheidung treffe. Allerdings habe ich schon genug, gehört, um die Aussagen des Ritters nicht als falsch abzutun. Außerdem scheinen wir nicht viel Zeit für die Entscheidung zu haben. Wir hatten seit langem keinen Ärger mehr mit Kargat. Wieso also sollten wir einen Konflikt mit Valorien suchen?“
Laurenz nickte den beiden Männern dankend zu. Er faltete die Hände auf der Brust, zurückgelehnt, und schien zu überlegen. Wanfried wartete in Ruhe, spürte aber, dass Narthas ungeduldig wurde. Das Verhandlungszimmer war eben nicht das natürliche Terrain des Urben. Auch der Freiherr von Tulheim fühlte sich in der Wildnis oder der Schlacht wohler, aber er verstand die Notwendigkeiten solcher Winkelzüge. Schließlich lehnte sich der Erzherzog nach vorne.
„Also gut.“, sagte er und blickte dann zuerst zu Narthas. „Dein Volk gab uns nie Grund, euch zu vertrauen. Doch dies möchte ich heute ändern. Allerdings könntet ihr mir beweisen, dass Vertrauen gerechtfertigt ist. Das Herzogtum von Herzog Arnold liegt im Nordosten der Peltamark, direkt an der Steppe. Er wird seit einigen Monaten immer wieder von einem kleineren Stamm der Urben heimgesucht. Kümmert euch darum, dann sollt ihr ohne Harm durch die Peltamark reiten, und dabei so gut es geht versorgt werden.“, bot der Erzherzog an. Narthas wollte gerade protestieren, wurde aber von Laurenz unterbrochen. „Außerdem werde ich die Zeit nutzen, mehr über das Kaiserreich in Erfahrung zu bringen und meine Herzöge konsultieren. Wenn wir feststellen, dass das Kaiserreich, wie ihr sagtet, eine Gefahr für die Peltamark darstellt, werde ich meinen Rittern freistellen, im Namen von Adenur an eurer Seite in den Krieg zu ziehen.“
Narthas verzog noch immer zornig das Gesicht. Er war kein dahergelaufener Söldner, den man einfach irgendwo hinschicken konnte, um ein paar Banditen zu eliminieren. Aber er spürte, dass Wanfried ihn am Arm fasste und zurückzog. Der Ritter schaute den Khan ernst an. Der Rethaner schien zu erkennen, wie viele Möglichkeiten dieses Angebot barg.
„Wir haben genügend Zeit?“, fragte Wanfried Narthas leise. Narthas atmete etwas ruhiger und nickte dann. „Ja.“
Dann wandte sich der Ritter an Herzog Karel. „Wie groß ist dieser Urbenstamm?“
„Vielleicht einhundert Männer. Aber bis ich eine größere Streitmacht gesammelt haben, sind sie stets wieder geflohen.“
Erneut blickte Wanfried zu Narthas, der schließlich nickte, und sich an Laurenz wandte. „Wir kümmern uns darum. Danach werden wir mit Freuden durch dein Land reiten. Und wenn sich eure metallbekleideten Ritter mit meinen Reitern Schritt halten können, dürfen sie gerne einen Teil des Kampfes haben. In Kargat gibt es genügend Feinde für uns alle.“
Laurenz lächelte herzlich. „Wunderbar. Dann seid heute Abend meine Gäste und genießt die besten Speisen von Tarvestdamm.“
Mit einem kräftigen Stich trieb Narthas seinen Säbel in die Brust des am Boden liegenden Mannes und beendete sein Leid. Er blickte in das Gesicht des jungen Urben. Eine Schande eigentlich. Aber sie hatten ihr Ende selbst gewählt. Dann blickte der Khan über das Schlachtfeld.
Narthas hatte ihnen angeboten, sich zu ergeben, als er mit seinen Reitern den Stamm umzingelt hatte. Doch der Khan der Feinde hatte sich für einen ehrenhaften Tod entschieden. Diesen hatte ihm Narthas gerne geschenkt. Die fast dreihundert Reiter, die er von der Hauptstreitmacht abgezogen hatte, waren dafür mehr als genug gewesen. Wieder einmal hatte er bewiesen, dass die Urben unter Herzog Celan keinesfalls an Kampfkraft und –willen eingebüßt hatten. Stattdessen hatten sie die traditionelle Kampfweise der Urben mit der Stärke der tandorischen Reiterei kombiniert. Der Ausgang war schon vor der Schlacht klar gewesen.
„Vater. Ungefähr vierzig Mann haben die Waffen niederlegt. Sie sind weitestgehend unverletzt.“, sagte Lokran, als er auf seinen Vater zuging. „Was sollen wir mit ihnen tun?“
„Sie dürfen mit uns reiten, wenn sie das wollen. Wenn nicht, dann übergebt sie ihren Ahnen.“
„Sehr wohl, mein Khan.“, sagte Lokran und lief dann zu den Gefangenen hinüber, während Narthas auf dem Schlachtfeld nach Herzog Arnold suchte. Der Seneschall hatte sie mit einem Dutzend Ritter begleitet, um ihnen bei der Suche zu helfen. Und um sie zu bewachen, so vermutete Narthas zumindest. Er fand den Herzog am Rand des Schlachtfeldes. Die Spuren auf seiner glänzenden Rüstung ließen allerdings erkennen, dass Arnold sich keinesfalls aus der Schlacht zurückgehalten hatte.
„Wir haben unseren Teil der Abmachung erfüllt.“, stellte Narthas trocken fest.
„Ja, das habt ihr.“
„Also?“, fragte er herausfordernd nach.
Arnold grinste. „Wenn mir jemand vor einigen Monaten gesagt hätte, dass ich auf der selben Seite wie ein Urbe kämpfen würde, hätte ich es nicht geglaubt.“, sagte er. „Ich habe heute Morgen eine Nachricht aus Tarvestdamm erhalten. Der Erzherzog hat einen Erlass ausgestellt, dass sich jeder Ritter eurem Feldzug anschließen darf. Die Kirche hat das Kaiserreich zu Ketzern und Feinde von Adenur erklärt.“
„Und das heißt?“, fragte der Khan. Arnold blickte dem Urben in die Augen.
„Das heißt, dass ich so viele Ritter wie möglich sammeln werde und dich und deine Männer in zwei Wochen an der Belgafurt treffe. Von dort ziehen wir durch die Peltamark nach Kargat.“
Narthas nickte und schlug dem Herzog auf die Schulter. „Das wird aber ein anderer Kampf, das verspreche ich dir.“ Dann wandte sich der Khan ab.
„Vierter Cedric, tritt vor.“ Die Stimme des Zweiten hallte über die kaiserlichen Soldaten, die in enger Formation standen und eine freie Fläche in der Mitte bildeten. Neben dem Zweiten stand der Erste der 11. Armee. Darcilos war eine beeindruckende Gestalt. Seine Haut war schwarz, etwas, das man in Valorien kaum kannte, und wies auf seine Herkunft jenseits der See von Tartum weit im Süden der kaiserlichen Provinzen hin. Doch vielmehr war es seine Größe und Kraft, die einen Feind erzittern lassen konnte. Seine Arme waren von Narben bedeckt, die er sich zugezogen hatte, während er sich durch die Ränge des Kaiserreiches gekämpft hatte. Jeder Mann in den Diensten des Kaisers konnte großes erreichen. Darcilos hatte dies bewiesen. Und der Erste war überzeugt, dass der junge Mann, der nun vor ihm niederkniete, ähnliche Möglichkeiten hatte.
„Cedric.“, begann der Erste mit tiefer Stimme zu sprechen. „Du hast mehr als einmal Führungskraft und Stärke im treuen Dienst für den Kaiser bewiesen. Selbst in größter Not warst du ein Vorbild des Mutes und der Entschlossenheit für die Soldaten unter deinem Kommando, hast in erster Reihe gekämpft, und dem Banner der Sonne Ehre gemacht. Für diese Tapferkeit erhebe ich dich in den Rang eines Dritten. Von diesem Tag an sollst du das 6. Banner des 1. Regimentes der 11. Armee als Offizier befehligen, es in den Kampf anführen, um den Frieden des Kaisers zu erstreiten. Erhebe dich, Dritter Cedric.“
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