„Wie lange ist der Ritt?“, fragte Narthas den Herzog.
„Jetzt im Winter vielleicht vier Tage, wenn wir uns nicht zu sehr beeilen. Es kommt auf das Wetter an.“ Narthas nickte und wandte sich dann an Zirgas, den er in valorischer Sprache ansprach, damit auch der Herzog von Frega ihn verstand.
„Zirgas, du wirst die Männer in meiner Abwesenheit mit Kirgesh führen. Falls du in zwei Woche noch nichts von uns gehört hast, dann bringe Feuer und Tod über dieses Land.“
„Sehr wohl, mein Khan.“, bestätigte der alte Freund. Dann wandte sich Narthas an Wanfried und Lokran.
„Also, wollen wir?“, sagte er und ritt dann weiter nach vorne am Herzog vorbei in Richtung der Peltamark.
Tarvestdamm war weit weniger beeindruckend als Elorath und dennoch ein Monument der Stärke des kleinen Reiches der Peltamark. Die Stadtmauern selbst waren nicht hoch, aber dies war auch nicht nötig, denn die Stadt war vollkommen von einem großen See umschlossen. Lediglich im Süden gab es eine schmale, lange Steinbrücke, über die man die Stadt erreichen konnte. Doch diese endete in der mächtigen Feste des Erzherzogs, die das wahre Kernstück der Stadt darstellte. Die Mauern und Türme waren dick und hoch. Soldaten mit dem Banner des Drachen der Peltamark patrouillierten auf den Wehrgängen. Und als Narthas begleitet von Herzog Arnold van Frega näher auf das Tor zuritt, erkannte er bereits die peltischen Ritter des Erzherzogs, die dort auf sie warteten.
Während des Weges hatten Narthas und Wanfried Gelegenheit einiges über die Peltamark zu lernen. Keine schlechten Erkenntnisse, wenn man erfolgreiche Verhandlungen mit dem Erzherzog führen wollte. Der Erzherzog war eigentlich ein Herzog wie jeder andere, allerdings bestimmten die Herzöge der Peltamark beim Tod des Erzherzogs einen aus ihren Reihen, das Land aus Tarvestdamm zu führen. Arnold hatte selbst nach einigen Nachfragen das genauere Procedere für diese Wahl nicht erklären wollen, aber Narthas hatte in Gesprächen mit einigen Rittern Geschichten über Duelle, Wortgefechte, und weitere ritterliche Prüfungen gehört. Die Ritter waren wohl das nächste Sonderliche dieses Landes. Während die valorische Ritterschaft ein exklusiver Zirkel der bester Streiter des Landes war, konnte in der Peltamark im Prinzip jeder Mann zum Ritter geschlagen werden und damit in den niederen Adel aufsteigen, der vermögend genug war, um sich Pferd, Harnisch, Schwert, Schild und Lanze leisten zu können. Ob die Eltern Kaufleute, Handwerker, oder nur Bauern waren spielte dann keine Rolle mehr. Jeder Ritter trug sein eigenes Banner. Offiziell waren die Ritter direkt dem Erzherzog unterstellt, doch in Realität verweilten die meisten Ritter am Hof des Herzogs ihrer Heimat und waren diesem treu ergeben. Im Krieg allerdings konnte der Erzherzog jeden Ritter an seine Seite rufen. Und der Seneschall, in diesem Fall Herzog Arnold, würde die Ritter führen.
Eigentlich gefielen Narthas diese Traditionen. In gewisser Weise wurde der Stärkste Mann des Landes zu dessen Herrscher. Jeder Mann war seines eigenen Glückes Schmied und konnte sich im Kampf als würdig erweisen. Jene, die zu arm waren, dienten in Leibeigenschaft ihrem Herzog oder Ritter, wurden dafür aber von diesen geschützt. Nur die ganzen kleineren Burgen, die sie schon auf dem Weg gesehen hatten und die die Peltamark überzogen, erschienen ihm recht einengend. In Valorien gab es auch einige Burgen, doch diese waren meist größer und wohl positioniert, um strategische Positionen zu schützen.
Und dann war da noch die Sache mit der Religion gewesen. Für ihn hatte der Glaube an die Geister der Steppe weniger etwas Religiöses. Er wusste einfach, dass es sie gab, und dass er, falls er würdig war, einst in der Unendlichkeit an ihrer Seite reiten würde. Dafür brauchte er weder Priester noch Kirchen. In Valorien gab es den Glauben an die Trias, aber dieser hatte trotz der Erleichterung der Gesetze erst durch den Reichsverweser Alois, später durch Königin Luna, einen schweren Stand. Hier in der Peltamark war dies anders. Die Kirche schien tief verwurzelt im Land. Sie vertrat den Glauben an zwei Götter. Adenur. Der Tag. Vater des Reiches und Gott der Rechtschaffenden und Starken. Und Rudena. Die Nacht. Mutter des Volkes und Göttin der Schwachen und Schutzbedürftigen. Weder im Fall der Trias noch im Fall der Pelten konnte Narthas verstehen, wie man etwas Göttliches auf ein menschliches Abbild projizieren konnte. Als wären Götter wie sie Menschen, die irgendwo saßen, und auf die Welt schauten. So hatte er sich einfach nur vorgenommen, das Thema möglichst gar nicht aufzugreifen. War wohl besser so.
„Ihr habt Glück. Erzherzog Laurenz begrüßt euch persönlich.“, sagte Herzog Arnold schließlich und deute auf den vordersten der Reiter, die am Tor warteten. Im Vergleich zu den anderen Rittern, die alle Plattenrüstungen und Vollhelme trugen, war der Erzherzog nicht gerüstet. Auch sonst erschien er nicht, wie Narthas ihn sich vorgestellt hatte. Bei der Erwähnung des Erzherzoges hatte er einen älteren Mann erwartet, der durch seine Erfahrung in Krieg und Frieden das Vertrauen der Herzöge gewonnen hatte. Doch auf dem Pferd saß ein junger Mann in feinster Kleidung. Das gesteppte Wams war aus edlem Stoff und zeigte den Drachen der Peltamark, allerdings detailreicher und aufwendiger als auf den meisten Bannern. Am Gürtel trug der Erzherzog ein Langschwert, in dessen Griff ein großer Rubin eingearbeitet war. Er hatte hellbraune Haare, ähnlich wie Arnold, allerdings mit einem Stich von blond. Sein sauber geschnittener Bart umrandete den Mund, der Rest des Gesichts war glattrasiert. In den Augen erkannte der Khan weder Furcht noch Feindseligkeit. Sein Blick war nicht streng, sondern eher neugierig, erwartungsvoll. Narthas musterte ihn.
„Euer Gnaden.“, sprach Arnold den Erzherzog an, als sie sich näherten, und deutete eine leichte Verneigung an. „Ich darf Euch Freiherr Wanfried von Tulheim vorstellen, ein Ritter aus dem Reich Valorien. Sowie Narthas Khan, ein Khan der Urben, der wie der Freiherr der Krone Valoriens verpflichtet ist. Meine Herren, ich darf euch Erzherzog Laurenz van Targarin vorstellen, Herrscher der Peltamark, von Adenurs Gnaden.“
„Danke, Arnold.“, sagte der Erzherzog, während er den Gästen entgegenritt und wandte sich dann zuerst an Wanfried. „Meine Amme erzählte mir häufig Geschichten über die legendären Ritter Valoriens. Ich hätte aber nie gedacht einen solchen in Tarvestdamm willkommen zu heißen.“, begrüßte der Herzog den Ritter in der gemeinen Sprache, die von Valorien bis in das Kaiserreich gesprochen wurde, allerdings mit einem ähnlich starken Akzent wie Arnold. Narthas hatte bemerkt, dass die Sprache der Peltamark Ähnlichkeiten mit der valorischen Sprache aufwies, allerdings doch so unterschiedlich war, dass er schnell gesprochene Sätze nicht verstand. Aber für ihn war dies auch nicht die Muttersprache.
Wanfried lächelte grimmig zurück. „Wahrscheinlich hat eure Amme übertrieben.“
„Welches Schwert tragt Ihr?“, fragte der Erzherzog neugierig.
„Flammendorn. Das Feuer der Sterne brennt in seiner Klinge.“, antwortete Wanfried.
„Ja. Ich glaube daran erinnere ich mich. Doch am Meisten erinnerte ich mich stets an Königsklaue. Ein Schwert nur gemacht, den König zu schützen. Ist das nicht eine schöne Geschichte?“
„Nicht nur eine Geschichte.“, korrigierte Wanfried, bevor sich der Erzherzog an Narthas wandte.
„Der letzte Urbe, der die Brücke nach Tarvestdamm überquerte, kniete in Ketten auf einem Ochsenkarren.“
„Und wenn ich nicht wohlbehalten aus deiner Stadt hinausreite, Erzherzog Laurenz, dann werden die nächsten Urben, die über diese Brücke reiten, Schwert und Fackel in der Hand halten.“, erwiderte Narthas bissig. Doch zur Überraschung des Khan antwortete Laurenz nicht mit einer Beleidigung, sondern lachte auf.
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