1 ...8 9 10 12 13 14 ...32 Im Schatten, in einer Ecke, stand ein Mann. Er trug keine Rüstung, sondern dunkle Kleidung aus Stoff, die seinen Körper einhüllte. In den beiden Händen hielt er zwei silberne Klingen. Kurzschwerter ohne Parierstange. Leicht gebogen, die Griffe verziert. Es waren elfische Waffen. Auch die Figur und Körperhaltung erinnerte Luna an die eleganten Krieger der Elfen. In der Dunkelheit meinte sie nur die Augen zu erkennen, die sie musterten. Oder vielmehr ihr Schwert. Er hatte in kürzester Zeit ihren Trupp einfach so vernichtet. Wer war dieser Mann? Oder vielmehr, was?
Sie würde sterben. Es gab keinen Zweifel daran. Gegen solche Gegner konnten sie nun nur noch zu dritt nicht bestehen. Doch wenn dies ihr Schicksal war, wollte Luna zumindest ihre Aufgabe erfüllen. Sie rannte mit erhobener Klinge auf Cleos zu.
Wie schon vorher überbrückte sie die Entfernung in kleinster Zeit und ließ dann ihr Schwert niedersausen, um den Prior niederzustrecken. Doch so weit kam es nicht. Metall schlug auf Metall als Zeitensturm von den gekreuzten Klingen des mysteriösen Kriegers aufgehalten wurde. Luna blinzelte kurz, um zu verstehen, was passiert war. Gerade noch hatte der Feind in der anderen Ecke des Raumes gestanden, nun war er zwischen ihr und Cleos und hatte dem Prior das Leben gerettet. Doch zum Überlegen war keine Zeit.
Luna löste die Klinge und schlug weiter auf den Feind ein. Doch es fühlte sich nicht an, als würde sie das Schwert führen. Vielmehr suchte Zeitensturm Schwachstellen des Gegners, antizipierte Angriffe, und setzte gezielte Stiche. Der Klingenwechsel dauerte nur vier, fünf Schläge, dann streifte ihre Klinge über den Oberschenkel des Feindes und dieser wich zurück, drückte dabei Cleos zurück in den Gang.
Luna verharrte kurz und musterte den Mann. Noch nie hatte sie so schnell gefochten, und es schien ihr unwirklich, dass sie gegen einen solchen Fechter einen Treffer setzen konnte. Jetzt erst konnte sie sein Gesicht besser erkennen. Obwohl ein schwarzes Stirnband die Ohren abdeckte war sie sich nun fast sicher, dass ihr Gegenüber ein Elf sein musste.
„Gut gekämpft, Königin.“, sagte er mit kalter Stimme in der elfischen Sprache, womit doch eine gewisse Melodie mitschwang. Dann blickte er an Luna vorbei zu Yatane, die noch immer im Raum stand, ohne Gelegenheit, in den blitzschnellen Kampf einzusteigen. Kurz schien er ihr zuzuzwinkern, dann drehte er sich aber zu Cleos.
„Diesen Kampf führen wir später fort.“, sagte er und griff den verwirrten Prior an der Schulter.
„Nein!“, rief Luna noch und wollte ihm Nachsetzen, als beide Männer auf einmal erst tief dunkel wurden und dann im Schatten verschwanden. Erneut spürte sie eine Art Windhauch, obwohl sich die Luft kaum zu bewegen schien. Dann lag nur noch Stille im Raum.
Arthur ging langsam auf Luna zu. „Alles in Ordnung, Majestät?“, fragte er die Königin und musterte sie. Offensichtlich war sie nicht verletzt, während er nur mehr humpeln konnte.
Er bekam keine Antwort. Luna starrte noch immer mit einer Mischung aus Verwirrung und Wut auf die Stelle, wo gerade noch Cleos und der Elfenkrieger gewesen waren.
„Aaah!“ Sie schrie laut auf, schrie ihren Zorn von der Seele, und schlug ihr Schwert gegen die Wand. Während die Klinge unversehrt blieb, bröckelte Gestein aus der Kerbe. Dann blickte sie sich wieder im Raum um. Alle ihre Männer waren tot. Aber war da nicht was? Sie hörte das leise Stöhnen eines der Wächter, in dessen Brust ein Pfeil steckte. Mit zwei Schritten näherte sie sich dem älteren Mann, der dort im Sterben lag. Kurz musterte sie ihn abschätzig, dann rammte sie ihr Schwert mit Kraft in dessen Herz. Erst dann drehte sie sich zu Yatane, die Augen immer noch zu Schlitzen zusammengezogen.
„Weißt du wer das war?“
Die Elfe stand noch immer wie angewurzelt an der Stelle, an der sie verharrt war, seit sie die Tür aufgestoßen hatten. Ihre Gedanken kreisten. Wie konnte das nur möglich sein? Wie konnte er hier sein? Auf der Seite dieser Menschen? Hatte die Herrin von Alydan ihr nicht erzählt, welche finsteren Kräfte diese Menschen anriefen? Was sie mit Anuriel getan hatten? Wie konnte er nur? Gerade er?
„Yatane?“, fragte Luna nach. Ihre Stimme klang gereizt.
„Bei Elonas Gnade.“ Rogards Ausruf hallte durch den Raum, als er die Treppe oben erreichte. „Was ist hier passiert?“, fragte er ungläubig an Arthur gerichtet, als er die ganzen Toten erkannte. Statt Arthur, der immer noch Luna anschaute, drehte sich allerdings Yatane zu dem jüngeren Rethaner, als hätte er etwas Seltsames gesagt.
„Wieso Elona?“, fragte sie überrascht.
„Weil…“, wollte Rogard fast erklären, erkannte aber, dass das im Moment wohl recht egal war. „Arthur, was ist passiert.“
Erst jetzt antwortete der Ritter. „Dunkle Kräfte. Wir wurden geschlagen. Der Prior ist geflohen, mit einem seltsamen Krieger.“
„Wer war er?“, wiederholte Luna die Frage an Yatane.
„Ich bin mir nicht sicher.“, antwortete schließlich die Elfe. Es entsprach wohl auch der Wahrheit. Denn sie konnte nicht glauben, dass es der Mann gewesen war, den sie vermutete. „Seine Kräfte waren unglaublich. Aber, Luna, die Macht deines Schwertes ist größer. Wir haben Verluste erlitten, aber du hast ihn geschlagen.“
„Dennoch ist der Prior geflohen.“, sagte Luna verbittert und schaute dann zu Rogard.
„Was machst du hier?“
„Majestät, Arthur, ihr solltet mitkommen. Da ist etwas, dass ihr sehen solltet.“, sagte er. Dann schaute er noch einmal zu Arthur. „Was machen wir mit den Toten?“
Doch der Ritter schüttelte nur den Kopf. Selbst ohne die Flucht von Cleos würde der Angriff bald entdeckt werden, spätestens im Morgengrauen. Wenn die kaiserlichen Soldaten dann erstmal da waren, gab es kaum ein Entkommen. So sehr es ihn schmerzte: es war keine Zeit für einen würdevollen Abschied. Rogard nickte verständnisvoll und wandte sich dann zum Gehen.
„Yatane.“, sagte Luna, nun etwas leiser, weniger aufgebracht. Sie nickte Arthur zu, schon einmal vorzugehen.
„Was ist?“, fragte die Elfe und trat näher zur Königin, als diese gerade ihr Schwert wegsteckte. Sofort wirkte Luna weniger entschlossen und mächtig.
„Was sind das für Mächte?“, fragte sie die Elfe. Obwohl Elian und Siliva ihr über die Kraft des Weltenbaums erzählt hatten, konnte sie diese Magie noch immer nicht einordnen. Auch nicht jene Kraft, die in ihrem Schwert ruhte. Doch diese Macht war erschreckend. All die toten Schwarzen Pfeile waren Zeugnis dessen. Vielleicht erhoffte sie von Yatane eine bessere Antwort, hatte die Elfe ihr doch schon als Kind mit Geschichten Antworten auf große Fragen gegeben.
Yatane trat näher und legte der Königin ihre Hand auf den Schwertarm. „Es sind die Kräfte des Weltenbaums. Die Kräfte des Lebens. Der Natur selbst.“, sagte sie. Sie selbst hatte die Kräfte oft in ihrem langen Leben gesehen. Von Elian. Von Siliva. Von Issilia. Oder einem anderen der Elfenfürsten. Doch so wie die Natur immer wieder faszinierend sein konnte, konnte man sich auch an die Magie nicht gewöhnen. „Aber die Natur ist nicht immer gut. Sie kann zornig sein. Unbarmherzig. Kalt. Die Kräfte können viel Gutes schaffen, aber im Innersten sind sie chaotisch und zerstörerisch. Die Natur erneuert sich immer wieder. Doch Erneuerung erfordert auch Zerstörung. In deinem Schwert wohnen Teile dieser Kräfte. Am Ende kommt es darauf an, wie der Anwender seine Kräfte beherrscht und anwendet. Sie sind wie eine Klinge. Die Kaiserlichen nutzen ihre Macht, um andere Völker zu unterjochen. Doch du kannst deine Kraft dafür verwenden, dich ihnen in den Weg zu stellen.“
Luna nickte. Yatane lächelte aufmunternd. „Du musst den Verlust nun hinter dir lassen und wieder entschlossen sein. Egal was Rogard gefunden hat, es wird eine Entscheidung einer Königin bedürfen, sonst wäre er nicht gekommen.“
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